Das 19. und beginnende 20. Jahrhundert – Europa im Entdeckungsfieber. Forscher dringen in Gegenden vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat – oder zumindest seit langer Zeit nicht mehr. Sie wagen sich im mittelamerikanischen Urwald in geheimnisvolle Maya-Tempel, sie kämpfen in Ägypten gegen den Fluch des Tut-Ench-Amun oder sie liefern sich ein tödliches Wettrennen beim Versuch, den Südpol zu erreichen. Die Glücklichen, die es wieder zurück in die so genannte Zivilisation schaffen, sind Stars. Hofiert in den Salons der feinen Gesellschaft, von den Damen angeschmachtet. Autoren wie Jules Verne hängen an den Lippen der Forscher und verarbeiten die Erzählungen zu noch fantastischeren Helden-Epen.
Ein Jahrhundert später – die Welt ist vollständig vermessen. Wohin es einen Entdecker auch verschlagen mag – Google war schon da. Selbst das Weltall taugt nicht mehr viel als Sehnsuchtsort. Die Internationale Raumstation ISS muss Weltraumschrott statt Aliens ausweichen, und zu allem Überfluss darf seine Besatzung zwischendurch auch noch gelangweilte Milliardäre bei Laune halten.
Ein Leben als Wissenschaftler – glamourös ist das heute eher selten. In der Regel heißt das: Anträge für Drittmittel ausfüllen, in den Vorlesungen Studenten wecken und von Zeit zu Zeit in Reagenzgläsern rühren.
Selbstvermarktung in Perfektion
So kann das nicht weitergehen, muss sich Jörn Hurum irgendwann gedacht haben. Hurum ist Paläontologe, also Experte für Lebewesen vergangener Erdzeitalter. Mit seinen mittellangen, blonden Haaren und seinen Sakkos, die er gerne mit Jeans kombiniert, sieht der Norweger aber eher wie ein Internet-Entrepreneur aus. Und ähnlich wie die Vertreter jener Spezies, die um die Jahrtausendwende zu Ruhm und Reichtum kam, hat es Hurum vor allem in einer Profession zur Perfektion gebracht: Selbstvermarktung.
„Weltberühmte Wissenschaftler enthüllen einen revolutionären wissenschaftlichen Fund, der alles verändern wird“, so lief es in der vergangene Woche weltweit über die Nachrichtenticker. Später war dann von einem Ereignis, vergleichbar mit der Mondlandung oder der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy, die Rede. Und was hatte das Forscherteam um Hurum nun im American Museum of Natural History in New York vorzustellen? Das Heilmittel gegen Aids? Den Beweis außerirdischen Lebens? Es war das 47 Millionen Jahre alte Fossil eines Urzeitäffchens.
Fehlendes Puzzleteil?
Das Besondere an „Darwinius masillae“, oder kurz „Ida“, wie Hurum das Fossil zu Ehren seiner Tochter getauft hat: „Ida“ könnte ein sehr bedeutendes fehlendes Puzzleteil in der Evolutionsgeschichte sein. Der Punkt, an dem sich die Familie der Affen und damit auch die des Menschen von den anderen Säugetieren abspaltete. Und damit auch die endgültige Bestätigung der Theorie Charles Darwins, nach der der Mensch von den Tieren abstammt.
Hurum überlässt nichts dem Zufall, um sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern. Er hat eine eigene Webseite unter dem Namen „Revealing the Link“ eingerichtet. Ein Buch ist in Vorbereitung und auch die Fernsehrechte für eine Dokumentation über den Sensationsfund sind schon an den History Channel, die BBC und das ZDF verkauft.
Drinks in Hamburg
In dieser Dokumentation ist dann vielleicht auch ein wenig mehr darüber zu erfahren, wie Hurum überhaupt in den Besitz von „Ida“ kam. Was bisher bekannt ist: Der Wissenschaftler von der Universität Oslo musste dafür keine Reise zum Mittelpunkt der Erde unternehmen. Ihn verschlug es nach Hamburg auf eine Fossilienmesse. Dort lernte der Forscher einen freundlichen Hobbysammler kennen. Die beiden kamen ins Gespräch, nahmen ein Paar Drinks und irgendwann zeigte der Sammler dann ein Foto von „Ida“. „Es war unglaublich“, erinnert sich Hurum in der „New York Times“ an diesen Augenblick. „Ich konnte zwei Nächte lang nicht schlafen, weil ich ständig an diese Spezies denken musste.“
Hurum wusste, was er zu tun hatte. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um das Fossil für das norwegische Reichsmuseum zu kaufen. Wie viel Geld für „Ida“ floss – gerüchteweise waren es über einer Million Dollar – ist ebenso wenig bekannt wie die Identität des Sammlers. Nur eines ist sicher – wo „Ida“ ihre letzte Ruhe fand und wo sie 47 Millionen Jahre später von dem Sammler entdeckt wurde: in der Grube Messel.
Diese Region bei Darmstadt hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Einst als Müllkippe für die südhessische Region vorgesehen, wandelte sie sich später zum einzigen deutschen Weltnaturerbe der Unesco. Heute werden die Ölschieferplatten der Grube Messel millimetergenau von der Senckenberg-Gesellschaft aus Frankfurt am Main nach versteinerten Zeugnissen aus der Urzeit abgesucht. In den Siebziger und Achtziger Jahren konnte hier jeder Anfänger sensationelle Fossilienfunde machen. Berühmt wurden vor allem die Urpferdchen, die heute das Logo der Grube Messel zieren. Aber auch „Ida“ war keine Unbekannte. „15 Jahre lang geisterte unter Paläontologen das Gerücht herum, dass es irgendwo ‘noch einen Affen‘ gäbe“, bestätigte der Paläobiologe Jörg Habersetzer der „Süddeutschen Zeitung“.
Ein verhängnisvoller Fehler als Glücksfall
Was hat sich nun vor 47 Millionen Jahre an der Grube Messel abgespielt? Zu jener Zeit ist die Region von Urwald bedeckt. Das Affenjunge „Ida“ hat sich gerade den Bauch mit Blättern und Früchten vollgeschlagen, da begeht es einen verhängnisvollen Fehler. Das Tier wagt sich zu nah an einen See heran, atmet giftige Dämpfe ein, die vom Faulschlamm vom Grund des Gewässers aufsteigen und verendet. „Idas“ Unglück ist ein Glücksfall für die Forschung. Der Kadaver sinkt auf den Grund des sauerstoffarmen Sees und bleibt so über Jahrmillionen konserviert. Noch heute sind bei dem Fossil, das zu 95 Prozent erhalten ist, das Fell und sogar „Idas“ Henkersmahlzeit im Magen zu erkennen.
Das Problem: Die Vollständigkeit des Fossils sagt noch nichts darüber aus, ob es sich bei „Ida“ wirklich um ein entscheidendes Puzzelstück in der Evolutionsgeschichte handelt, ob „Ida“ also der Ehrenplatz in unserer Ahnengalerie gebührt, den ihr Hurum reserviert hat. „Ida ist ein außergewöhnlich vollständiges Exemplar“, sagte etwa der Paläontologe Elwyn Simons dem Wissenschaftsmagazin „Science“. „Aber es sagt uns nicht viel, was wir nicht schon wüssten.“ Kollegen wie K. Christopher Beard, vom Canergie Museum of Natural History in Pittsburgh bezweifeln, dass „Ida“ ein direkter Vorfahre des Menschen ist. Bei „Ida“ handele es sich eher um eine Cousine dritten Grades. Und noch einen Punkt stellt er im Gespräch mit dem Sydney Morning Herald heraus: „Es gibt nicht das eine fehlende Bindeglied zwischen dem Menschen und unseren Primaten-Vorfahren – es gibt viele Teile eines Puzzles.“
Trotz aller Kritik, die jetzt auf ihn einprasselt, verteidigt Hurum seine PR-Kampagne rund um „Ida“. „Jede Popgruppe macht das, jeder Sportler macht das“, sagte er der „New York Times“. „Und wir müssen lernen, so auch in der Wissenschaft zu denken.“ Und zumindest seinen Arbeitgeber hat er bei diesem Plan auf seiner Seite. So freut sich die Direktorin des Reichsmuseums Oslo, Elen Roaldset, auf den Ansturm des Publikums. „Wir sind bislang kein Museum, das weltbekannt wäre wie etwa der Louvre. Aber das hier, könnte unsere ‚Mona Lisa‘ sein.“







