Japan liegt an letzter Stelle. In keinem Land der Erde werden im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so wenige Kinder geboren. Die Geburtenrate beträgt dort 1,2. Das heißt: Je 10.000 Einwohner kommen pro Jahr 12 Kinder zur Welt. In Deutschland liegt die Rate bei 1,4 – unwesentlich höher also. Auch bei uns gilt: Die Bevölkerung schrumpft. 2008 wurden 168.000 weniger Menschen geboren als starben – die größte Differenz seit Bestehen der Bundesrepublik. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich seit Jahren in den meisten anderen europäischen Ländern.
Die Erkenntnis ist nicht neu: In der Tendenz sinkt die Geburtenrate je reicher ein Land wird. Zwei in der Ökonomie gängige Erklärungen: Erstens können sich in der Regel nur wohlhabende Staaten ein funktionierendes Rentensystem leisten. Es bedarf dann nicht mehr der Unterstützung möglichst vieler Kinder, damit Eltern im Alter ein zufrieden stellendes Auskommen haben. Zweitens: Je höher die Arbeitseinkommen, auf um so mehr muss bei der Erfüllung eines Kinderwunsches möglicherweise verzichtet werden – Kind oder Kariere eben.
Es gilt in der Wissenschaft als unstrittig, dass die ökonomischen Bedingungen den Kinderwunsch der Eltern beeinflussen. Weniger erforscht dagegen ist (zumindest von Ökonomen) der Umgang der Eltern mit ihren Kindern. Jetzt haben Garey Ramey und Valerie Ramey von der Universität von Kalifornien eine Untersuchung veröffentlicht, wonach Eltern in den USA seit Anfang der 90er Jahre zunehmend mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Besonders interessant: Der Anstieg ist bei den besser Gebildeten überproportional.
Das ist deshalb verwunderlich, weil im gleichen Zeitraum auch die Einkommen dieser Bevölkerungsgruppe überproportional zugenommen hatten. Diese Entwicklung müsste nach der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie eigentlich dazu führen, dass sich die Eltern weniger den Kindern und mehr ihrer Arbeit zuwenden, weil – wie Ökonomen es formulieren – die Opportunitätskosten steigen, jene imaginären Kosten, die dadurch entstehen, dass man auf etwas verzichtet. In diesem Fall ein komfortables Einkommen.
Was also bringt gut ausgebildete Amerikaner dazu, trotz besserer Einkommensmöglichkeiten mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen? Eine simple Erklärung könnte sein: Sie arbeiten zunehmend von zu Hause aus. Vor allem besser Gebildete verbringen viel Arbeitszeit am Computer, der aber muss nicht zwingend im Büro stehen. Ein zweiter Erklärungsversuch argumentiert mit der ökonomischen Theorie des abnehmenden Grenznutzen, nämlich dass je mehr man verdient, desto weniger Nutzen man aus jeder weiteren Einkommenssteigerung zieht. Ein Gehaltsanstieg könnte also dazu führen, dass Eltern lieber etwas weniger arbeiten und die gewonnene Zeit ihren Kindern widmen.
Allerdings zeigt die Studie der zwei Forscher auch, dass Eltern zwar mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, dass aber die gestiegenen Einkommensmöglichkeiten dazu geführt haben, dass die Eltern ebenfalls mehr arbeiten. Das ist deshalb kein Paradox, weil ja auch jene Freizeit, die man ohne Kinder verbringt, deutlich geschrumpft sein kann. Ein Kommentar auf dem Blog Freakonomics, wo die Untersuchung vorgestellt und diskutiert wird, vermutet, dass diese Entwicklung Folge des schlechten Gewissens der Eltern sei: Je mehr Zeit man im Büro verbringe, desto schuldiger fühle man sich, und desto mehr beschäftige man sich zu Hause mit den Kindern.
Die Erklärung der Forscher Ramey und Ramey dagegen ist nüchterner. Sie behaupten, Eltern würden deshalb heute mehr Zeit mit ihren Kinder verbringen, weil sie versuchten, deren Karrierebedingungen zu verbessern. In den USA hätten in den zurückliegenden Jahren die Zahl der Studienplätze an erstklassigen Colleges stark zugenommen. Dies würde vor allem in der gut ausgebildeten Bevölkerungsschicht den Anreiz erhöhen, die Kinder ausgiebig vorzubereiten, so dass sie diese besseren Studienplätze ergatterten.
Ob das wirklich der Grund ist? Vielleicht ist die Erklärung gar nicht monokausal, vielleicht kommen mehrere Ursachen zusammen. Möglicherweise spielt ja sogar jene unterhaltsamste Erklärung eine Rolle, die “Doug B” auf dem Freakonomic-Blog abgegeben hat: Das Phänomen der steigenden Eltern-Kind-Zeit ließe sich mit dem “Huxtable Effekt” erklären, schreibt er. Huxtable ist der Name jener Familie, die in der Familien-Serie “Die Cosby-Show” von 1984 bis 1992 in mehreren Staffeln zu sehen war: Die Mutter Rechtsanwältin, der Vater Arzt verbringen die Eltern dennoch die meiste Zeit bei ihren fünf Kindern. Diese überaus erfolgreiche Soap, aber auch andere Familienserien hätten eine ganze Generation geprägt, so “Doug B”, eine Generation, die es gewohnt gewesen sei, entweder als Scheidungskind aufzuwachsen oder in einer Familie, in der die Kinder ihre berufstätigen Väter nur selten zu Gesicht bekommen hätten. Der Traum vom Huxtable-Leben würde, so das Fazit des Kommentators, die heute erwachsenen Cosby-Fans dahin treiben, sich ganz besonders ausgiebig um ihre Kinder zu kümmern.







