Die Überschrift von Owen Hatherleys Weblog ist eine legendäre Aufforderung: „Sit down man, you‘re a bloody tragedy.“ Der schottische Sozialist James Maxton maßregelte damit seinen, so heißt es, etwas ziellos vortragenden und nicht eben für politisches Rückgrat bekannten Parlamentskollegen Ramsay MacDonald. Sit down man, you‘re a bloody tragedy: Aus diesem Geist von Ungeduld, Schärfe und Haltung operiert Owen Hatherley, und sein Buch Militant Modernism ist eine unbedingte Empfehlung.
Militant Modernism, das ist: Ein fantastisches Titelbild und vier Texte über die Moderne und ihren verschollenen politischen Willen. Eine kurze, wilde Geschichte modernistischer Ästhetik mit den Mitteln der Architektur- und Filmkritik, vor allem aber eine Perspektivkorrektur, wie man sie selten verpasst kriegt. Hatherley bietet einen Gegenkanon auf, der die edle Einfalt der angeblich klassischen Moderne (und ihren schnuffeligen IKEA-Bastard) mühelos als Manipulation enttarnt, Zähmung und Zurechtwahrnehmung im Sinne einer auf ausreichend Langeweile bedachten Gegenwart. Vom Vortizismus über bits of the old ultra-violence und Sowjetarchitektur vor Stalin zu 20er-Jahre-Cyberpunk, jugoslawischen Sexpol-Filmen mit Wilhelm Reich und Eislers Musik zu Kuhle Wampe: Wer dachte, bei der anderen Moderne gehe es schon wieder nur um den hübsch anrüchigen ewigen Marinetti, irrt. Militant Modernism ist ein Kompendium von heißem Scheiß.Vor allen Dingen bemüht sich das Buch mit viel Hingabe um die Rettung eines Denkens, das nicht dumm war, aber diskreditiert ist bis zur Undenkbarkeit. In seiner Verteidigung der brutalistischen Betonbauten, die in England bis in die Siebziger hinein entstanden und dann von Faux-Victoriana und anderen historisierenden Fälschungen abgelöst wurden, benennt Hatherley ziemlich deutlich, was ihn umtreibt, konfrontiert mit der noch andauernden Abwicklung der Moderne: a collective groan of „what were we t h i n k i n g?“ standing in for thought.
Der Mann hat ernste Zweifel daran, dass die brutale Moderne, ihre Ästhetik der Kraft und ihre kollektivistischen Projekte, so offensichtliche Irrtümer waren, wie der gegenwärtige Geist der Restauration das haben will. Konnten wir wirklich nie etwas anderes wirklich wollen als simuliertes 19. Jahrhundert, Ziegel und Stuck und Sandsteinfassaden? Und war das ein Irrtum, der Gedanke, dass Architektur mitbedingt, wie wir denken und leben? Haben wir einfach Bedürfnisse, Stuck, Flügeltüren, Parkett, Einfamilienhäuschen, Kasten Bier? Oder wirkt Architektur doch, jede, auch die mit Stuck und Häuschen?
Die Artefakte in Hatherleys Gegenkanon sind nicht alle gleich obskur, aber alle flirren. Sie zeugen, jedes für sich, von der Möglichkeit eines uns zeitgenössischen Schnarchzapfen kaum vorstellbaren allgemeinen Erregungslevels, von der Möglichkeit des Möglichen. Zusammen ergeben sie ein berauschendes Bild. Die gescheiterten Projekte der Moderne wirken bei Owen Heatherley so viel begehrenswerter als die – wie jeder zugeben wird – immer drögeren Fleißerfolge der Gegenwart. Sie wirken begehrenswerter, weil sie erst einmal gescheitert sind, und an etwas, das es wert war. Wer je selbst versucht hat, etwas zu machen, weiß, dass, wer einmal gescheitert ist, eigentlich noch gar nicht richtig angefangen hat.
Und damit sind wir am Kern dessen angekommen, was dieses Buch verhandelt: Die Frage, was wir wollen, bzw., was wir wollen können. Dass es nichts mehr zu wollen gäbe, nur furchtsam zu bewahren, ist eine der finstersten Vereinbarungen der Gegenwart. Wenn man eins vom fast vertriebenen Geist der Moderne lernen kann, dann, dass es immer zu wollen gibt. Nicht notwendigerweise Beton brut, vielleicht war der nur Mittel zum Zweck und sehr geeignet, seinen Punkt zu machen, sondern: Jedenfalls mehr, wirklicher, vorwärts, kurz: Leben, Details bitte einfüllen, persönlich und für das Zeitalter, und bitte gründlich nachdenken und: nicht vergessen.
Diese Aufgabe an die Vorstellungskraft und an eine wache Analytik der Gegenwart, die Forderung nach einem Menschenbild, nach einem überzeugenden Ort, den es zu gewinnen geben könnte, ist dringend. Sie ist dringend im Hinblick auf die letzten Reste der Gegenkultur, die sich in einem undeutlichen Widerstand auflöst, der nichts mehr zu wollen scheint als die Knute des bösen Vaters. Noch dringender ist sie im Angesicht der gerade stattfindenden Ausformung des digitalen Milieus. Wir wissen noch nicht viel über uns, die erwachsenen Netzleute. Eine breit geteilte Faszination am Urbanen, am Körper im gestalteten Raum, lässt sich in jeden Fall schon feststellen. Wir haben begriffen, dass es draußen passieren müsste (was immer es ist). Wohin die Reise aber geht, ist weitgehend offen – was wir eigentlich wollen von unserer neuen Öffentlichkeit, außer dass sie uns nicht weggenommen werde, darüber haben wir uns noch nicht verständigt. Katzen, die Cheeseburger wollen, machen nicht satt. Grüne Twitter-Avatare werden nicht helfen, wenn es ernst wird. Und das kann ja passieren. Weg von hier geht es von alleine, die Frage ist, wo es hingehen soll.
Dass aus demokratisierten Medien etwas Interessantes kommen könnte, kommt uns doch, wenn wir ehrlich sind, zusehends selbst zweifelhaft vor. Der Stolz der Amateure hebt nicht die Bescheidenheit ihrer Mittel auf, und gegen die ungeheure globale Bilder- und Begehrensmaschinerie haben sie nur ihre kaum lebensgroßen Personen zu setzen. Aber, schreibt Hatherley über Baudrillard, der 1971 ungefähr zur ebendieser Einsicht gelangt, this claim would suggest that Baudrillard had never listened to London pirate radio.
Irgendwie geht es eben doch: Es ist bewiesen, gerade mit Musik ist es immer wieder bewiesen. Nicht von Großbürgern, die auf Parkett großgeworden sind, sondern typischerweise von Leuten aus dem Beton. Manchmal muß die Aufregung erst durch den Stein, und ein transformatives Projekt beginnt nicht mit Fackel und Fahne, sondern mit Input, Input für Gehirne und Augen und Begierden; es ist ein lang laufendes, mühseliges, kleinteiliges Programm für die Befreiung der Libido aus dem Griff der Werbung, eine Selbsterziehung und eine Erziehung der Anderen.
Militant Modernism ist bei Zero Books erschienen. Im Herbst folgt Mark Fishers Capitalist Realism, und wer Mark Fisher schon kennt und jetzt Owen Hatherley gelesen hat, ahnt, dass sich bei Zero was zusammenbraut. Aufmerksame Ästhetik im erweiterten Umfeld des jungen Spekulativen Realismus; Leute, die nicht aus der Defensive kommen, keine Lust auf romantische Verliererposen und keinen Grund zur Bitterkeit haben, weil sie zugeben können, dass es ihnen gut geht und ihre Unzufriedenheit ästhetischer und intellektueller Natur ist:
Man muss sich den Stumpfsinn ja nicht endlos antun.








