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	<title>Solokarpfen &#187; Gesellschaft</title>
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		<title>Zur Situation in Deutschland</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Sep 2009 15:12:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Tauss</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Abschrift]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestag]]></category>
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		<category><![CDATA[Rede]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Abschrift meiner am 8. September 2009 -- vorerst letzten -- im Deutschen Bundestag gehaltenen Rede.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Frau Pr&#228;sidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Tagesordnungspunkt eins des heutigen Nachmittags lautet: Zur Situation in Deutschland. Ich glaube, es w&#228;re besser gewesen, wenn der Tagesordnungspunkt gehei&#223;en h&#228;tte: Zur wirtschaftlichen Situation in Deutschland. Das ist wichtig und der Schwerpunkt. Aber zur Situation in Deutschland geh&#246;rt meines Erachtens ein bisschen mehr, beispielsweise dass wir im Moment in einem Wahlkampf sind, der erneut &#8211; ich schaue die Frau Pr&#228;sidentin an, die in Sachen Rum&#228;nien sehr engagiert ist &#8211; zulasten anderer Menschen gef&#252;hrt wird &#8211; Koch l&#228;sst gr&#252;&#223;en &#8211;, in diesem Fall der Menschen in Rum&#228;nien. Aber auch Chinesen und andere wurden in diesem Wahlkampf schon erw&#228;hnt. Frau von der Leyen f&#252;hrt einen Wahlkampf mit falschen Anschuldigungen gegen Indien, dem sie unterstellt, nicht das Notwendige gegen Kinderpornografie zu tun.</p>
<p>Frau Bundeskanzlerin, ich glaube, es w&#228;re Zeit, dass sich diese Bundesregierung f&#252;r die Falschaussagen und die Verbreitung offenkundiger Unwahrheiten &#252;ber die entsprechenden Staaten und auch Indien gegen&#252;ber dem Parlament und der deutschen &#214;ffentlichkeit entschuldigt.</p>
<p>Zur Lage geh&#246;rt auch, wenn man &#252;ber Rum&#228;nien redet, das Folgende: Ich habe vorhin die Zeit genutzt, um ein bisschen googeln. Man kann feststellen, dass wir in gro&#223;em Ma&#223;e Menschen aus Rum&#228;nien anwerden, damit diese f&#252;r Menschen in Deutschland die Pflege &#252;bernehmen. Ich zitiere aus einem entsprechenden Angebot: Eine Rum&#228;nin lebt als Haushaltshilfe in Ihrem Haus. Sie ist fast rund um die Uhr pr&#228;sent. &#8211; Es schlie&#223;t mit dem humanit&#228;ren Absatz: Bitte bachten Sie aber, dass auch diese Menschen Freizeit haben. &#8211; Ich glaube, das sagt mehr &#252;ber die Situation dieses Landes aus als manch anderes, &#252;ber das wir gelegentlich diskutieren.</p>
<p>Die Freiheitsrechte und die B&#252;rgerrechte, die eigentlich keine Randnotiz sein sollten &#8211; auf dem Rand des Zweieurost&#252;cks sind die Worte &#8222;Einigkeit und Recht und Freiheit&#8220; vermerkt &#8211;, waren in der heutigen Debatte eine Randnotiz. Frau Bundeskanzlerin, Sie haben in Ihren gesamten Ausf&#252;hrungen zum Thema B&#252;rgerrechte und zum Thema Rechtsstaat nicht ein einziges Wort verloren. Auch dies kennzeichnet deutlich Ihren Wahlkampf, der von Sicherheit gepr&#228;gt ist. Erst ganz weit hinten kommt die Freiheit.</p>
<p>Ich habe gestern einen Bescheid eines Verwaltungsgerichts mit der Aufforderung erhalten, die Gerichtsgeb&#252;hren f&#252;r eine Auseinandersetzung zu zahlen &#8211; ich werde sie nat&#252;rlich zahlen &#8211;, die ich seit einigen Jahren mit dem Bundesministerium f&#252;r Verkehr f&#252;hre. Es ging darum, dass ich beantragt habe, als deutscher Abgeordneter &#8211; auch dieses h&#228;ngt mit dem Zustand Deutschlands zusammen &#8211; Einsicht in den Vertrag der Bundesrepublik Deutschland mit dem Mautkonsortium zu nehmen, der rund 10.000 Seiten umfasst. Ich kann Ihnen sagen: Mir als Abgeordnetem wird diese Einsicht verwehrt. Von den 10.000 Seiten darf ich vier Seiten betrachten. Das sind die ersten beiden Deckbl&#228;tter und die beiden r&#252;ckw&#228;rtigen Deckbl&#228;tter. Die Begr&#252;ndung lautet, es handle sich um Gesch&#228;ftsgeheimnisse. Auch das geh&#246;rt zur Situation Deutschlands, dass ein deutscher Abgeordneter nicht in Vertr&#228;ge hineinschauen darf, die die deutsche Bundesregierung zulasten und auf Kosten des deutschen Steuerzahlers mit der Privatwirtschaft abschlie&#223;t. Ich denke, auch dieser Skandal sollte, wenn man zur Situation in Deutschland spricht, benannt werden.</p>
<p>Zur Lage in Deutschland geh&#246;rt auch, dass wir nach den gr&#246;&#223;ten Datenschutzskandalen, die wir in der Geschichte der Republik hatten, hier ein allenfalls halbherziges Datenschutzgesetz hinbekommen haben, es aber nicht geschafft haben, den Bundesbeauftragten f&#252;r den Datenschutz personell zu verst&#228;rken. Wir haben hier ein Gesetz beschlossen, das am 1. August in Kraft treten sollte. Es hat meine Partei schier zerrissen und bei mir dazu gef&#252;hrt, dass ich meine Partei verlassen habe. Fragen Sie einmal, was mit diesem Gesetz geschehen ist. Es ist nat&#252;rlich nicht in Kraft getreten, weil es wegen der schlampigen Vorbereitung durch Frau von der Leyen und Herrn zu Guttenberg &#252;berhaupt nicht tauglich ist, vom Herrn Bundespr&#228;sidenten unterschrieben zu werden. Auch das ist die Lage in Deutschland. Daf&#252;r nimmt man aber in Kauf, 134.000 Petentinnen und Petenten, die sich gegen dieses Gesetz gewandt haben, zu beschimpfen. Die Konservativen verhalten sich beim Internet wie damals bei der Einrichtung des Eisenbahnverkehrs: Man verlangt, dass man mit einer Fahne vor der Lokomotive herl&#228;uft. Meine Damen und Herren von der Union, Sie reden &#252;ber Technikfreundlichkeit. Die letzte Technik, die Sie gut fanden, war vielleicht die Kernkraft. Mit dem Internet haben Sie nichts am Hut.</p>
<p>Vielleicht noch etwas zum Zustand des Parlaments. &#8211; Dar&#252;ber rede ich gerne nachher mit den Kollegen. &#8211; Ich k&#252;mmere mich im Moment sehr um inhaftierte Blogger in Aserbaidschan. Menschen, die im Internet ihre Meinung gesagt haben, sind in diesem Land verhaftet worden. Ich bin selbstverst&#228;ndlich hingefahren, zumal einer der Betroffenen einmal Praktikant in meinem B&#252;ro war. Wissen Sie, was die Auskunft der Bundestagsverwaltung war, als ich gesagt habe, ich w&#252;rde gerne dorthin fliegen? Ich habe den Bescheid bekommen, dass ich als Abgeordneter selbstverst&#228;ndlich eine Bildungsreise unternehmen k&#246;nnte &#8211; daf&#252;r k&#246;nnte ich auch meine Bonusmeilen, die ich erflogen habe, verwenden &#8211;, aber f&#252;r eine Reise in Sachen Menschenrechte d&#252;rfte ich Bonusmeilen nicht verwenden. Das ist der Zustand Deutschlands im Jahr 2009.</p>
<p>Man k&#246;nnte mit dem fortfahren, was vom Kollegen Westerwelle zum Bundesverfassungsgericht gesagt worden ist. Ich bin froh, dass bereits richtiggestellt worden ist, dass die Anregung zur Onlinedurchsuchung aus FDP-Kreisen in Nordrhein-Westfalen gekommen ist. Lieber Kollege Westerwelle, ich traue Ihnen ebenso zu, etwas f&#252;r die B&#252;rgerrechte zu tun, wie ich mir zutraue, eine Kuh zu werfen. Sie haben immer nur ein taktikes Verh&#228;ltnis zu den Menschenrechten gehabt. Dort, wo sie regiert haben, haben Sie mit dem Thema Menschenrechte, wie Sie an den aktuellen Landesregierungen sehen, nichts zu tun gehabt.</p>
<p>Was die Terroristen angeht, so w&#252;rde ich Ihnen, Herr Lafontaine, sehr empfehlen, nicht in die Kerbe zu hauen, in die auch der Herr Innenminister immer haut; denn mit dem Sch&#252;ren von Terrorangst werden immer mehr B&#252;rgerrechte und Menschenrechte in diesem Land eingeschr&#228;nkt.</p>
<p>Last, but not least, Frau Pr&#228;sidentin, zur Lage in Deutschland geh&#246;rt auch &#8211; das ist angesprochen worden &#8211; der Mindestlohn. Lassen Sie mich angesichts der Tatsache, dass ich heute wohl meine vorl&#228;ufig letzte Rede halte, den Garderobenfrauen und anderem Personal im Deutschen Bundestag danken. Vielleicht k&#246;nnten wir, bevor wir salbungsvolle Reden halten, mit Blick auf unsere Fahrerinnen und Fahrer, auf die, die hier als Personal arbeiten und bei denen ich mich herzlich bedanke, anfangen, &#252;ber einen Mindestlohn zu reden. Das w&#228;re gute und w&#252;rde dieses Parlament ehren. Ich &#228;rgere mich jedes Mal &#8211; ich sch&#228;me mich fast &#8211;, wenn ich an unseren Garderobenfrauen vorbeilaufe, weil ich immer daran denken muss, welche finanzielle Leistung diese bei einer ausw&#228;rtigen Firma besch&#228;ftigten Kr&#228;fte bekommen.</p>
<p>Frau Pr&#228;sidentin, ich bedanke mich f&#252;r Ihre Geduld. &#8211; Ich w&#252;nsche Ihnen alles Gute und einen sch&#246;nen Tag. Vielleicht k&#246;nnen Sie den einen oder anderen Punkt &#252;ber die Zukunft Deutschlands, den ich angesprochen habe, hier in diesem Parlament ber&#252;cksichtigen.</p>
<p>Besten Dank.</p>
<p>(<em>Bildquelle Startseite: <a href="http://www.flickr.com/photos/opyh/3644233672/">opyh @ flickr.com</a></em>)</p>




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		<title>Gestatten, Kanzlerkandidat!</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Sep 2009 21:57:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon Frost</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Merkel]]></category>
		<category><![CDATA[Parteien]]></category>
		<category><![CDATA[Steinmeier]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>

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		<description><![CDATA[Frank-Walter Steinmeier hei&#223;t der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten. Was? Sie wussten das schon? Na, dann hat die neue Wahlplakate-Strategie der SPD wohl schon gewirkt. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Haben Sie es bemerkt? Die Parteien haben endlich die hei&#223;e Phase des Wahlkampfs er&#246;ffnet. Kanzlerin Merkel verordnet Regierungspartner SPD &#246;ffentlich eine Pause vom Regieren &#8211; vier Jahre soll sie mindestens dauern, damit sich die nicht nur in Th&#252;ringen und im Saarland nach links schielenden Genossen besinnen k&#246;nnen.</p>
<p>Herausforderer und Vizekanzler Steinmeier will da nicht nachstehen und wirft ausgerechnet der etwas galascheuen Chefin Galaqualit&#228;ten vor. “Nur auf roten Teppichen flanieren &#8211; das ist auf Dauer zu wenig”, sagt er wortgleich mehreren Zeitungen.</p>
<p>Na, sind Sie schon eingeschlafen? Tja, der Wahlkampf ist jetzt Chefsache, aber deshalb nicht wirklich spannend oder wenigstens unterhaltsam geworden. Am besten w&#252;rden die Protagonisten wohl gar nichts sagen, auch wenn das eine ziemlich utopische Vorstellung ist.</p>
<p>Aber zweifellos sind sie in diesem m&#252;den Saisonfinale am unterhaltsamsten, wenn sie nichts sagen. Komische Momente setzen die Parteien und ihre Strategieabteilungen h&#246;chstens unfreiwillig &#8211; zum Beispiel bei der Gestaltung ihrer Wahlplakate.</p>
<p>In der Parteizentrale der CDU etwa nimmt man es nicht so genau mit der Parteizugeh&#246;rigkeit, wenn denn die Botschaft stimmt. Zwischen dem wie immer l&#228;chelnden Bild des Wirtschaftsminister Guttenberg und dem CDU-Logo liest man: &#8222;Wir haben die Kraft f&#252;r Wirtschaft mit Vernunft&#8220;. Schade nur, dass dieser Minister weder bei der CDU noch seine Partei CSU au&#223;erhalb von Bayern zu w&#228;hlen ist. Aber, so haben sich die Strategen wohl gedacht, wenn einer gute Arbeit macht, ist er auf jeden Fall einer von uns &#8211; und die Leute werden schon nicht merken, dass das gar nicht stimmt.</p>
<p>Eigentlich ist das auch egal, denn der Dauerl&#228;chler ist inzwischen ohnehin hinter der Kanzlerin verschwunden, deren Konterfei auch die &#252;brigen Kompetenzler der CDU &#252;berdeckt. Den Innenminister, von dem niemand wei&#223;, ob er in seinem Alter noch einmal dieses Amt &#252;bernehmen w&#252;rde. Die Familienministerin, deren Elterngeld-Coup sich, bezogen auf die Geburtenrate, als Flop herausgestellt hat. Den Verteidigungsminister, dessen Bekanntheitsgrad noch unter dem des SPD-Kanzlerkandidaten liegt.</p>
<p><div id="attachment_1836" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><img src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/09/fws-250x250.jpg" alt="Frank-Walter Steinmeier baut auf deutsche Ingenieurskunst" title="Bild: (c) Simon Frost" width="250" height="250" class="size-medium wp-image-1836" /><p class="wp-caption-text">Frank-Walter Steinmeier baut auf deutsche Ingenieurskunst</p></div>Apropos SPD-Kanzlerkandidat. Auch die SPD hat umplakatiert. Bislang verk&#252;ndeten der &#214;ffentlichkeit unbekannte Menschen die angeblichen Vorz&#252;ge sozialdemokratischer Regierungspolitik: Arbeit, Bildung, Umweltschutz. Nanu, werden sie sagen, daran hat sich doch nichts ge&#228;ndert. Richtig. Und doch falsch. Denn der unbekannte Mann, der nun die vermeintlichen SPD-Segnungen f&#252;r Arbeit, Forschung und Generationengerechtigkeit anpreist, ist kein geringerer als Kanzlerkandidat Steinmeier selbst, der mal inmitten von Senioren, mal neben einem Arbeiter und mal neben einem kleinen M&#228;dchen steht.</p>
<p>Als ich die Plakate sah, f&#252;hlte ich mich spontan an ein Motiv aus der sp&#228;ten DDR erinnert, das zwei Arbeiter auf einer Baustelle zeigt. Beide tragen vorschriftsm&#228;&#223;ig einen Helm, beide l&#228;cheln freundlich, der eine hebt den Daumen. <a title="DDR-Plaktate.de" href="http://www.ddr-plakate.de/Biographie_time_d.php" target="_blank">&#8222;Klarer Kurs &#8211; Gut arbeiten, gesichert leben!&#8220;</a> steht auf dem Plakat von 1987. Auch in der SPD-Wahlkampfzentrale scheint es Menschen zu geben, denen dieses Motiv im Ged&#228;chtnis geblieben ist. &#8222;Anst&#228;ndige L&#246;hne f&#252;r die Menschen&#8220; steht da unter einem behelmten Steinmeier, der einen Arbeiter kumpelhaft am Arm h&#228;lt.</p>
<p>Auf einem anderen steht SPD-Kandidat neben einem kleinen M&#228;dchen. &#8222;Das schaffen unsere Ingenieure: Saubere Energie ohne Atomkraft&#8220;. Das h&#246;rt sich schon sehr nach sozialistischer Plan- und Hoffnungswirtschaft an, und Steinmeier wirkt seltsam deplatziert, wie als w&#252;rde er ahnen, dass sich Honecker neben einem solchen Spruch viel besser machte.</p>
<p>Aber immer noch besser, als das, was die FDP-Strategen ihrem Parteichef Guido Westerwelle angetan haben. Der l&#228;chelt freundlich von einem h&#252;bsch gelb grundierten Plakat mit blauem Parteilogo und muss im Slogan tats&#228;chlich zugeben: &#8222;Deutschland kann es besser&#8220;. Wenn eine Partei in ihrer Selbstanalyse schon so weit ist, k&#246;nnte sie gleich dar&#252;ber nachdenken sich aufzul&#246;sen.</p>
<p>Manchmal sollte man vielleicht auch auf Plakaten einfach nur schweigen.</p>




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		<title>Von wegen &#8222;Kommunikation&#8220;</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Sep 2009 13:30:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ronnie Vuine</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bundeswehr]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Bundeswehr f&#252;hrt in Afghanistan einen Krieg, hierzulande aber wird so getan, als sei jedes Wirken milit&#228;rischer Logik eine pers&#246;nliche Charakterschw&#228;che der entsandten Soldaten. Das ist nicht nur grob unfair und blau&#228;ugig, sondern auch lebensgef&#228;hrlich.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Sohn meines Onkels, ein Jahr &#228;lter als ich, war immer die coolere Sau von uns. Er war wilder, er traute sich mehr, und er klopfte die besseren Spr&#252;che. Unsere Piraten-Gefechte mit Lego-Kanonen waren legend&#228;r. Wenn man ihn besuchte, konnte man sicher sein, dass bei seinem Vater, meinem Onkel, ein Bud-Spencer-Film lief, es wurde gepr&#252;gelt und geschossen, und es wurden Spr&#252;che geklopft. Ich mag diesen Teil meiner Familie sehr.</p>
<p>Vor einigen Monaten, zur Beerdigung unserer Gro&#223;mutter, habe ich meinen Cousin wiedergesehen und erfahren, was er heute macht: Er ist Soldat. Dreimal, hat er mir erz&#228;hlt, war er in der Uniform der Bundeswehr in Afghanistan. Verdammtnochmal, fiel mir auf: Jemand muss das wirklich <em>machen</em>, da.</p>
<p>Heute, an einem wundersch&#246;nen Tag in Berlin, lag ich auf meinem Teppich und las Roland Barthes. Das Wetter allein w&#228;re f&#228;hig gewesen, mich mit Gl&#252;ck zu &#252;bersch&#252;tten. Bei Roland Barthes stand: <em>Letztlich, wenn man der Sache auf den Grund geht, l&#246;st das WETTER bei uns nur diesen (winzigen) Diskurs aus: dass es sich lohnt zu leben.</em> Eine Seite sp&#228;ter ein Haiku:</p>
<p><i>Ein Hund<br />
Bellt einen Hausierer an<br />
Pfirsichb&#228;ume in Bl&#252;te</i></p>
<p>Das ist die Sorte Dinge, mit denen ich mich gern besch&#228;ftige, an einem freien Septembersamstagmittag in Berlin, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.</p>
<p>Dann besuchte ich den Onlineauftritt der ZEIT, und las den Text <a href="http://www.zeit.de/online/2009/37/afghanistan-jung">Jungs Kommunikationsdesaster</a> &#252;ber einen Vorfall in Afghanistan.</p>
<p>Was ist geschehen? Man wei&#223; es nicht genau, von Berlin aus, gemeldet hat die Bundeswehr <a href="http://www.bundeswehr.de/portal/a/bwde/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLd443DnQHSYGZASH6kTCxoJRUfW99X4_83FT9AP2C3IhyR0dFRQCsXOUq/delta/base64xml/L2dJQSEvUUt3QS80SVVFLzZfQ180QzU!?yw_contentURL=%2FC1256EF4002AED30%2FW27VKE42665INFODE%2Fcontent.jsp">dies</a>: K&#228;mpfer der Taliban haben zwei Tanklastz&#252;ge erbeutet. Die Lastz&#252;ge wurden gefunden, und offenbar hat ein deutscher Offizier sie dann von amerikanischen Luftstreitkr&#228;ften zerst&#246;ren lassen, nachts, an einer Flussfurt. F&#252;nfzig Taliban seien dabei get&#246;tet worden, meldet die Bundeswehr. Knapp 90 Menschen seien get&#246;tet worden, sagt, ebenfalls laut ZEIT, der Gouverneur der Provinz, darunter Bewohner eines nahegelegenen Dorfes, die aus den liegengebliebenen Tankern Benzin zapfen wollten.</p>
<p>Kurz nachdenken: Gleich ob es 50 Taliban oder 100 Zivilisten waren &#8211; da waren sehr viele Leute, nachts, an einer Flussfurt, in der N&#228;he von zwei gekaperten Tanklastz&#252;gen voller Benzin. Weiter: Wenn man zwei vollbeladene Tanklastz&#252;ge zerst&#246;rt, ist der Effekt, unabh&#228;ngig von der eingesetzten Munition, wohl ziemlich enorm. Weiter: Es ist Nacht, und die Taliban tragen keine Uniformen. Vermutlich versucht ein Teil der Leute, die Lastwagen wieder flott zu bekommen. Irgendwo muss die Bundeswehr sein: Ein Fahrzeug? Eine Drohne? Jedenfalls kaum sichtbar, vermutlich also in einiger Entfernung. Schlie&#223;lich: Zwei Tanklastz&#252;ge mit Benzin stellen eine Bedrohung dar. Schwer zu sagen, wie gro&#223; die ist, aber die Situation ist m&#246;glicherweise nicht nur eine milit&#228;rische Gelegenheit, sondern auch eine sich entwickelnde Gef&#228;hrdung.</p>
<p>Es f&#252;hlt sich absurd an, diese Spekulationen auch nur anzustellen. Es ist alles Hollywood f&#252;r uns. Und Tatsache ist: Wir wissen nicht, was genau passiert ist. Wir haben nur eine Wahl: Wir m&#252;ssen den Leuten, die wir nach Afghanistan geschickt haben, vertrauen. Und wir m&#252;ssen uns klar machen, dass es sich bei diesen Leuten nicht um Filmhelden handelt, die nie getroffen werden und immer wissen, was zu tun ist, sondern um Leute wie uns. Leute, die so um die drei&#223;ig sind, noch nie im Krieg waren, und dieselben Bud-Spencer-Western gesehen haben wie wir. Was immer da in Afghanistan passiert ist, es ist entschieden worden von einem Offizier in der Uniform der Bundeswehr. Ein Offizier ist ein Mensch, der milit&#228;rische Entscheidungen verantwortet. Er wei&#223; nicht mehr als andere, er ist nicht mit Superkr&#228;ften gesegnet, er ist wie wir: Ein Typ, der jetzt, statt bei einem Unterwegsbier in der M10 zu versuchen, dieses M&#228;dchen nicht anzustarren, gezwungen ist, Entscheidungen zu f&#228;llen. Entscheidungen k&#246;nnen falsch sein, und im Krieg hat das scheu&#223;liche, echte, unerbittliche Konsequenzen. Das ist nicht nur ein markiger Spruch, es steht auch in den B&#252;chern von Leuten, die es erleben mussten.</p>
<p>Man kann die Idee einer Armee und die Logik des Milit&#228;rischen insgesamt ablehnen, das ist eine respektable Haltung. Etwas weniger als respektabel ist es, Leute, die in einem echten milit&#228;rischen Konflikt ihr Leben riskieren, mit pazifistisch &#252;berlegenem Spott zu &#252;berziehen, wenn sie einen Fehler gemacht haben. <em>Wenn</em> sie einen Fehler gemacht haben.</p>
<p>In diesem ZEIT-Text steht wirklich:</p>
<blockquote><p>Ein amerikanischer Jagdbomber warf zwei jeweils 225 Kilogramm schwere Bomben ab – ein gezielter, ein &#8222;chirurgischer&#8220; Angriff, wie Soldaten gerne sagen, sieht anders aus. Die Bundeswehr gab am Freitag an, dass sie tief in Nacht an einer Flussfurt nicht mit Zivilisten gerechnet habe. Die Strategen gingen deswegen auf Nummer sicher und verwandelten das Zielgebiet in eine Flammenh&#246;lle.</p></blockquote>
<p><em>Die Strategen</em> &#8211; das ist doch lupenrein: Spott. Vom Speersort aus wei&#223; Hauke Friederichs es also, h&#246;rt h&#246;rt: Man ging auf Nummer sicher. Es ist schwer, darauf zu antworten, ohne in denselben unanst&#228;ndigen Duktus aggressiv-&#252;berlegener Bescheidwisserei zu verfallen, deswegen nur das Stichwort zum Selbstnachdenken: Tanklaster.</p>
<p>Ob eine 225 Kilogramm schwere Bombe &#252;brigens eine gro&#223;e Bombe ist, wei&#223; ich nicht, aber eine schnelle Internetrecherche (z.B. <a href="http://www.globalsecurity.org/military/systems/munitions/gbu-38.htm">hier</a>) l&#228;sst vermuten, dass das durchaus etwas sein k&#246;nnte, was ein amerikanischer Jagdbomber eben an Bord hat. Nichts, was auf Dr&#228;ngen der Strategen extra geladen wird, um auf Nummer sicher zu gehen und das Zielgebiet in eine Flammenh&#246;lle zu verwandeln. &#220;brigens k&#246;nnte es nicht schaden, wenn Leute, die die Aufmacher bei der ZEIT &#252;ber milit&#228;rische Themen schreiben, solche Sachen w&#252;ssten. Das w&#228;re sicher viel n&#252;tzlicher als &#252;berheblicher Spott, f&#252;r alle Beteiligten am Prozess der Meinungsbildung.</p>
<p>Der Text enth&#228;lt noch mehr Sonderbarkeiten, es ist von einem &#8222;Anschlag&#8220; der Bundeswehr die Rede, und auf die Information, dass man bei der NATO ver&#228;rgert sei, folgt die Information, dass &#8222;deutsche Politiker sonst h&#228;ufig mit dem Zeigefinger auf die US-Streitkr&#228;fte zeigen&#8220; &#8211; das ist das Problem? Die M&#246;glichkeiten deutscher Politiker, mit dem Finger auf die US-Streitkr&#228;fte zu zeigen?</p>
<p>Und dann dieses: Die Staatsanwaltschaft Potsdam &#8222;pr&#252;ft einen Anfangsverdacht wegen eines eventuellen T&#246;tungsdelikts&#8220; gegen den deutschen Offizier.</p>
<p>Das hat sicher seine Richtigkeit, und dennoch ist es absurd. Die Staatsanwaltschaft Potsdam findet heraus, ob der Abwurf einer amerikanischen Bombe an einer Flussfurt in Afghanistan eine fahrl&#228;ssige T&#246;tung durch einen deutschen Offizier war? Wie ist die Rechtslage denn &#8211; wenn einer ein Taliban ist, darf man ihn dann fahrl&#228;ssig t&#246;ten? Oder ist es dann ein schwerwiegenderer Fall, wegen der Absicht? Was ist, wenn einer aus dem Dorf, also sozusagen in zivil ist, <em>und</em> ein Taliban? Ist die Grenze so scharf, wie man sich das in Deutschland w&#252;nscht, damit es gute Afghanen gibt, die man erschie&#223;en darf, und b&#246;se? Und w&#228;re der Versuch strafbar gewesen, wenn die Amerikaner nicht getroffen h&#228;tten? Das StGB scheint nicht optimal vorbereitet auf die Bewertung von Kriegshandlungen in der dritten Welt. Jurastudenten, aufgepasst, das wird in den Pr&#252;fungen sein.</p>
<p>Man kann Pazifist sein, man kann am Sinn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan zweifeln, man kann der Meinung sein, dass der Einsatz sinnvoll w&#228;re, die Bundeswehr aber die falsche Armee daf&#252;r ist. So, wie die Dinge zu liegen scheinen, gibt es aber einen anderen Grund, die Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen, und zwar sofort: Elementare Fairness gegen&#252;ber den Leuten, die sich da im Namen der Bundesrepublik exponieren. Das, was da l&#228;uft, hei&#223;t Krieg. Und es ist kein gehegter europ&#228;ischer Krieg nach den Regeln des V&#246;lkerrechts, es ist nicht einmal ein Partisanenkrieg. Es ist der Versuch, ein Land, in dem seit Jahrzehnten in schnell wechselnden Allianzen gek&#228;mpft wird, in dem keine bundesdeutsche Rechtskategorie gilt und sogar die Nationalstaatlichkeit eine externe Idee ist, in eine Demokratie zu verwandeln. Niemand hat so etwas je gemacht, niemand wei&#223; wie es geht. Vielleicht geht es gar nicht. In jedem Fall muss diese politische Idee mit Gewalt durchgesetzt werden, weil sie bewaffnete, organisierte Gegner hat. So etwas hei&#223;t Krieg. Dazu muss man sich stellen, alles andere ist unverantwortlich. Entweder man f&#252;hrt einen Krieg, dann definiert man Ziele, wechselt den Rechts- und Deutungsrahmen, macht sich klar, dass es h&#228;sslich werden wird und eine moralische Probe, oder man f&#252;hrt ihn nicht. Auf keinen Fall tut man so, als sei Krieg einfach &#228;h-b&#228;h und als ginge er weg, wenn man sich nicht darauf einl&#228;sst, ihn beim Namen zu nennen oder sich in milit&#228;rischen Dingen wenigstens grundlegend zu informieren. Und auf keinen Fall redet man &#252;ber die Leute, die ihr Leben riskieren und schie&#223;en m&#252;ssen, als spielten die ein Videospiel, ganz unabh&#228;ngig davon, wie man politisch zur Sache steht.</p>
<p>Mir ist bewusst, dass die Politically-Incorrect-Chauvi-Meute solche Argumente ebenfalls f&#252;hrt, und das macht die Sache nicht einfacher. Die Forderung selbst jedoch ist kaum mehr als die nach ein wenig Redlichkeit: Das Parlament hat Soldaten nach Afghanistan geschickt. Wer das Parlament f&#252;r die Vertretung des Volkes h&#228;lt und seine Kontrolle f&#252;r die Aufgabe von Presse und &#214;ffentlichkeit, kommt nicht darum herum, sich zu fragen, was er diesen Soldaten schuldet. Das kann entweder eine pazifistisch oder pragmatisch begr&#252;ndete Forderung nach Abzug sein, dann aber m&#246;glichst laut und entschieden &#8211; oder ein sachlicher und informierter Respekt vor dem, was die Bundeswehr da tut. Alles andere ist unanst&#228;ndig.</p>
<p>Wer dagegen, von links oder rechts, ohnehin l&#228;ngst beim politischen Zynismus gelandet ist und glaubt, dass es nur noch PR-Probleme gibt, das Parlament ohnehin Makulatur ist und jeder, auch ein Soldat in Afghanistan, eben selber schuld ist, wenn er sich diesen Beruf ausgesucht hat, dem w&#252;rde ich dringend empfehlen, die Debatte denen zu &#252;berlassen, die noch glauben, dass es eine Rolle spielt, was sie denken. Die Sache ist n&#228;mlich ernst.</p>
<p>(<em>Bildquelle Startseite: <a href="http://www.flickr.com/photos/oddwick/3841964956/">(cc) Todd Huffmann @ flickr.com</a>.</em>)</p>




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		<title>Und f&#252;hre uns nicht in Versuchung</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Sep 2009 13:30:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Eber</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Warum verweigern sich manche Menschen neuen Kommunikationsm&#246;glichkeiten radikal? Vielleicht, weil Freiheit Angst macht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>H&#228;tte ich als Jugendlicher in die Zukunft sehen k&#246;nnen, die Gegenwart h&#228;tte mich in den Wahnsinn getrieben. Es waren die 80er, eine Zeit mit viel Neon, vor allem aber eine Zeit, in der das Wort Handy noch nicht als Substantiv gebraucht wurde. Dabei w&#228;re f&#252;r keinen ein Mobiltelefon geeigneter gewesen als f&#252;r mich. Ich war bekannt f&#252;r meine Unp&#252;nktlichkeit, und gerade weil ich daf&#252;r bekannt war, verschwand in meinem Freundeskreis mit zunehmender Adoleszenz die Bereitschaft, an vereinbarten Treffpunkten auf mich zu warten. Mir w&#228;re mancher &#8222;Wetten, Dass..?&#8220;-Abend erspart geblieben, h&#228;tte ich schon damals per Handy herausfinden k&#246;nnen, auf welche Party, in welche Disko, in welchen Kinofilm die P&#252;nktlichen gezogen waren.</p>
<p>Es ist bekanntlich nicht beim Mobil-Telefonieren geblieben. Es folgte die Kurznachricht SMS, die Informationsverbreitung in Echtzeit &#252;ber Twitter, die Verkn&#252;pfung des gesamten Bekanntenkreises mit Hilfe sozialer Netzwerke. </p>
<p>Das ist nun einigen zu viel geworden. Auf<a href=" www.ausgestiegen.com "> ausgestiegen.com </a>kann man der Welt mitteilen, dass man seine Mitgliedschaft bei Facebook, studiVZ, MySpace, Xing und Co beendet hat. Chronologisch listet die Seite Namen und Gr&#252;nde auf: &#8222;Helmut Ottacher ist ausgestiegen, weil &#8218;ich mein Zeitkonto im Internet reduzieren m&#246;chte&#8216;&#8220;; &#8222;Amalia Bauer ist ausgestiegen, weil &#8218;ich wieder leben will&#8216;&#8220;; &#8222;Johann Striemitzer ist ausgestiegen, weil &#8218;ich lieber mit meinen Freunden und Freundinnen rede.&#8216;&#8220;</p>
<p><div id="attachment_1742" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.flickr.com/photos/swimboy1/2049864446/"><img src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/09/keyboard-250x187.jpg" alt="Besser die Finger davon lassen?" title="Bild: (cc) swimboy1 @ flickr.com" width="250" height="250" class="size-medium wp-image-1742" /></a><p class="wp-caption-text">Besser die Finger von lassen?</p></div> Es gibt Menschen, die werfen ihren Fernseher aus der Wohnung mit der Begr&#252;ndung, sie w&#252;rden eh selten fernsehen. Mir sind diese Menschen suspekt. Man entsorgt ja auch nicht seinen Staubsauger, weil man nur ein Mal die Woche Staub saugt. Warum verweigern sich manche den Medien radikal? Warum m&#246;chten sie nicht bisweilen einen spannenden  Film schauen, einen interessanten Artikel im Internet lesen, mit ihrem weit verstreuten Bekanntenkreis in Kontakt treten? Woher r&#252;hrt diese Alles-oder-Nichts-Mentalit&#228;t? Ich habe daf&#252;r zwei Erkl&#228;rungen, und um es vorweg zu nehmen: beide manchen mir diese Menschen nicht sympathischer. </p>
<p><em>Technik kann s&#252;chtig machen.</em> Dieses Ph&#228;nomen ist in den Medien selbst reichlich beschrieben worden: das dauerhafte Versinken in Online-Spielewelten, die gef&#252;hlte Notwendigkeit stetiger Erreichbarkeit, das st&#228;ndige Bed&#252;rfnis nichts zu verpassen. Wer dieser Suchtgefahr unterliegt, f&#252;r den kann es durchaus ratsam sein, die Finger von der Technik zu lassen, keine Frage. Viel besser w&#228;re es allerdings, es f&#228;nde eine Auseinandersetzung mit den Ursachen der Sucht statt. Die radikale Abstinenz ist n&#228;mlich auch eine Kapitulation vor der Schwierigkeit, verantwortungsvoll mit den vielf&#228;ltigen M&#246;glichkeiten umzugehen, die der technische Fortschritt bietet. Wer seinen Fernseher bei Ebay versteigert, entgeht der Verlockung, jeden Tag faul vor der Glotze zu liegen, er nimmt sich aber auch die M&#246;glichkeit, durch gezielte Programmauswahl bisweilen einen unterhaltsamen, bildenden, lustigen Abend zu verbringen. Freiheit hei&#223;t, w&#228;hlen k&#246;nnen. Wer sich diese Freiheit beschneidet, raubt sich &#8211; selbst wenn er dies freiwillig tut &#8211; Lebenserfahrung.</p>
<p><em>Technik kann Angst machen.</em> Seit tausenden Jahren versuchen die Menschen, Kommunikation von Zeit und Raum zu trennen. Die Rauchzeichen der Indianer, die Erfindung des Papierdrucks, der Fernschreiber, Radio, Fernseher, Internet: Jede dieser Neuerungen hat das Leben der Menschen ver&#228;ndert. Und immer gab es welche, die davor eindringlich warnten. Manche hatten nachvollziehbare Beweggr&#252;nde (der Kutscher, der vor den Gefahren der Eisenbahn warnt), andere einfach nur Angst. Es sind jene, denen der Status Quo &#252;ber alles geht, die das Neue zu allererst als Bedrohung sehen, weil ihnen die Neugierde f&#252;r das Unbekannte abhanden gekommen ist. Sie wollen ihr Leben bewahren, wie es ist, und f&#252;hlen sich doch immer unwohler, weil der Wandel, der um sie herum stattfindet, darauf keine R&#252;cksicht nimmt.</p>
<p>Wie gesagt: Radikalverweigerer sind mir nicht sympathisch. Auch weil diese Menschen h&#228;ufig meinen, sich als Gegen-den-Strom-Schwimmer pr&#228;sentieren zu m&#252;ssen. Was die Masse macht, ist nichts f&#252;r mich, ich wei&#223; es besser, ich bin einzigartig &#8211; denken sie. Ich kenne diese Einstellung. Ich war selbst ein wenig so. Meine Unp&#252;nktlichkeit habe ich gerne als Anpassungsverweigerung verkauft. Wahrscheinlich war es schlicht Faulheit. Im &#220;brigen: Ich habe mir irgendwann ein Moped gekauft. Als Handy-Ersatz, sozusagen. Ich konnte damit die potenziellen Orte, an die meine Freunde entschwunden waren, schneller abklappern.</p>




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		<title>Vermutlichkeit</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Aug 2009 07:02:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Frank Lachmann</dc:creator>
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		<guid isPermaLink="false">http://www.solokarpfen.de/?p=1538</guid>
		<description><![CDATA[Ein -- vermutlich -- etwas zu lang geratener Erlebnisbericht &#252;ber einen Samstag beim "Tag der offenen T&#252;r" der "FAZ", &#252;ber die "Zukunft der Zeitung" und &#252;ber einen kleinen Teil der Leichtathletik-WM.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wahrscheinlich wusste auch die &#8222;FAZ&#8220; nicht so recht, was sie an einem &#8222;Tag der offenen T&#252;r&#8220; im Hauptstadtb&#252;ro zeigen oder vorf&#252;hren sollte. Aber ARD, ZDF und Der Bundestag machten auch mit, wegen der Leichtathletik-WM war potentielle Zielgruppe in der N&#228;he, und sch&#246;nes Wetter war angek&#252;ndigt &#8211; nichts naheliegenderes also, als die T&#252;ren des ehrw&#252;rdig-imposanten Geb&#228;udes mit vollklimatisiertem Innenhof in der Berliner Mittelstra&#223;e ein kleines bisschen zu &#246;ffnen und &#8211; ja, was eigentlich?</p>
<p>Ach, Podiumsdiskussionen gehen immer. Das mag flapsiger und abwertender klingen, als es gemeint ist &#8211; aber ein wenig fragte man sich dann schon, wie das eigentlich so funktioniert mit dem Prestige und der Au&#223;enwirkung, wenn man &#8222;Frankfurter Allgemeine Zeitung&#8220; ist. Ob man bei solchen Sachen einfach wegen des Namens mitmachen muss; ob vielleicht nur eine der Podiumsdiskussionen zuerst geplant war und der Rest drumherumgestrickt wurde, damit jene nicht so allein im Kontextraum herumfliegt; ob hinter einer solchen Veranstaltung sogar bei der &#8222;FAZ&#8220; vielleicht eine Eventagentur steckt, die innerhalb von &#8211; gesch&#228;tzt &#8211; zwei Tagen einen Notfallplan durchziehen musste, der h&#252;bsche Halst&#252;cher der Infostand-Hostessen beinhaltete, lustig-wortspielerische Speisekarten&#252;berschriften, und &#8211; ach, nein, das war&#8217;s eigentlich schon.</p>
<p><div id="attachment_1550" class="wp-caption alignright" style="width: 188px"><a href="http://www.flickr.com/photos/zoeyprahalover/3756914123/"><img class="size-medium wp-image-1550" title="Bild: (cc) Zoey Hao @ flickr.com" src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/08/newspapers_o-178x250.jpg" alt="Totes Holz" width="178" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Totes Holz</p></div> Die eine Podiumsdiskussion jedenfalls, die latent interessant klang, war <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/programmhinweis-31/">die von/zwischen/mit Stefan Niggemeier und Claudius Seidl</a>. Der eine Institution im Medienjournalismus, der andere &#8211; nun ja, Claudius Seidl eben, Ressortleiter des Feuilletons der Sonntagszeitung. Man sollte sich unterhalten &#252;ber die &#8222;Zukunft der Zeitung&#8220;, und &#8211; in der Tat &#8211; es wurde &#8222;nett&#8220;. Also: harmlos, kuschelig, konsensig. Einigkeit in praktisch allen Punkten: das Medium Zeitung wird &#8211; vermutlich &#8211; nicht vollst&#228;ndig seine Daseinsberechtigung verlieren; die Rolle des gedruckten Wortes wird sich aber &#8211; vermutlich &#8211; ver&#228;ndern, weg von der nachrichtlich vermeldenden Aktualit&#228;t, hin zum l&#228;ngeren, ausgeruhten Text, hin zum Kommentar und Hintergrund; das Medium &#8222;Zeitung online&#8220; muss sich derzeit und zuk&#252;nftig unter anderem mit der Herausforderung der Leser-Beteiligung in jeder Hinsicht arrangieren, die &#8211; vermutlich &#8211; eher zu- als abnehmen wird; das &#8222;Showbusiness&#8220; unterscheidet sich zwischen Print und Online ganz erheblich; Onlinemedien stehen nicht im direkten Wettbewerb mit/gegen Print, sondern man wird sich &#8211; vermutlich &#8211; irgendwie erg&#228;nzen; Onlinemedien haben in manchen Bereichen (der Gestaltung unterschiedlicher Texttypen/-formen beispielsweise) einen ziemlichen Nachholbedarf; und irgendwie eiert man eben gerade so herum in dieser Zwischenzeit, in der alle beteiligten (Medien) noch nicht so ganz ihre neue Rolle gefunden haben.</p>
<p>Das Wort &#8222;Pubert&#228;t&#8220; stand im Raum &#8211; synonym f&#252;r diesen kulturellen &#220;bergangsbereich, den die Plattenindustrie gerade gegen den Rest der Welt aufgrund permanenter Bockigkeit verliert, und auf den die Printmedien offenbar auch gerade zusteuern &#8211; nur aussprechen wollte es keiner. Man fand sich nett und gut, aber Zweck der Veranstaltung war ja &#8211; vermutlich &#8211; auch kein Streitgespr&#228;ch mit konkretem Ergebnis, sondern eine Bestandsaufnahme beim durchaus leckeren (trotz des albernen Speisekartenzettels) Kaffee.</p>
<p>Was in keinster Weise schlimm ist; und was ja auch nur wieder einer Veranstaltung der &#8222;FAZ&#8220; entspricht, oder besser gesagt der eigenen Erwartungshaltung, wenn eine Veranstaltung im &#8222;FAZ&#8220;-Geb&#228;ude stattfindet. Als w&#228;re die FAZ die Oma der Medienfamilie, die oft kluge Dinge sagt, selten unkluge, damit manchmal recht und manchmal unrecht hat, der man aber nicht widerspricht, teils aus H&#246;flichkeit, teils aus Respekt, teils auch aus Langeweile. Die &#8211; vermutlich &#8211; Golf spielenden, gut gekleideten, aufgeschlossen guckenden Mittf&#252;nfziger-P&#228;rchen aus Wilmersdorf-Eigentumswohnungen, die den Raum immerhin ausreichend f&#252;llten, um die Veranstaltung als &#8222;okay besucht&#8220; bezeichnen zu k&#246;nnen, nickten zwischendurch, brummelten manchmal, kicherten an den richtigen Stellen, und f&#252;hlten sich &#8211; sowohl von Niggemeier als auch von Seidl &#8211; meistens best&#228;tigt. Also best&#228;tigten sie brav zur&#252;ck, mit netten Blicken und respektvoll kurzem Schlussapplaus und guter K&#246;rperhaltung, obwohl sie wahrscheinlich auch zu denen geh&#246;r(t)en, die &#8222;das Internet&#8220; in Anf&#252;hrungszeichen schreiben, die &#8222;ins Internet gehen&#8220; (und nach ein paar Stunden wieder raus), die Begriffe wie &#8222;Datenautobahn&#8220; und &#8222;Cyberspace&#8220; noch futuristisch anstatt ironisch meinen.</p>
<p>Nur am Ende, als zu Diskussion und R&#252;ckfragen aufgerufen wurde, merkte dann eine dieser Damen &#8211; sehr wahr, sehr korrekt, sehr angebracht und sehr konsequent &#8211; an, dass es doch nett gewesen w&#228;re, h&#228;tte man das Publikum in die vorangegangenen 45 Minuten einbezogen. H&#228;tte man die Kommentarfunktion eingeschaltet, h&#228;tte man mitdiskutieren lassen &#8211; wenn man schon dar&#252;ber spricht, dass die Entwicklung der Medien basisdemokratische Z&#252;ge tr&#228;gt und man &#8222;auf den Leser h&#246;ren&#8220; m&#252;sse. Und auch da konnten dann nur alle zustimmen. Sch&#246;n, wenn man so einer Meinung ist.</p>
<p>Flanierte man danach beim sch&#246;nen Wetter noch auf Unter den Linden herum und sah Marathonl&#228;ufer an sich vorbeirennen und h&#246;rte man das Publikum jubeln und sp&#252;rte man den &#8222;Eventcharakter&#8220; dieser Leichtathletik-WM, die da vor den T&#252;ren des &#8222;FAZ&#8220;-Geb&#228;udes gerade stattfand &#8211; anhand eines eher klassischen Sportereignisses also &#8211;, wurde einem all das erst richtig bewusst: dass es, 2009, &#252;berhaupt keinen Sinn (mehr) ergibt, Sportergebnisse einen Tag nach der Veranstaltung auf Papier gedruckt zu lesen. Dass es nicht einmal mehr Sinn ergibt, &#8222;so lange&#8220; damit zu warten, warten zu wollen, ein Ergebnis zu erfahren &#8211; wie man ja auch fr&#252;her schon im Unterschied zwischen denen, die Samstagabends &#8222;auf die Sportschau warten&#8220; wollten, und denen, die das Spiel schon live gesehen (respektive im Radio geh&#246;rt oder auf Teleclub/DF1/PremiereWorld/usw. gesehen) hatten, feststellte. Dass es hingegen nicht nur konsequent, sondern geradezu angebracht und fast schon <em>nat&#252;rlich</em> erscheint, innerhalb weniger Sekunden in den &#8222;daf&#252;r angebrachten&#8220; Medien Ergebnisse zu verbreiten. Und dass man dann aber auch im Printjournalismus nicht das Foto irgendeiner L&#228;ufergruppe erwartet oder Aufstellungen genauer Hundertstelsekundenlisten aller L&#228;ufer, sondern: den perfekt geknipsten Zieleinlauf eines Weltrekords, in Verbindung mit einem mehrseitigen, gut recherchierten, interessanten, tollen Text &#252;ber die gesellschaftliche Bedeutung dieser (einer) Sportart in Kenia oder Wei&#223;russland, &#252;ber Selbstwahrnehmung und Gef&#252;hl eines L&#228;ufers zwischen Kilometer 30 und 40, &#252;ber &#8222;Organisation am Rande&#8220; oder wie ein Streckenposten einen Marathonlauf wahrnimmt, &#252;ber politische oder wirtschaftliche Hintergr&#252;nde zu Sport und Sponsoring in anderen L&#228;ndern und unterschiedlichen sozialen Kreisen. &#220;ber Publikum, oder wie man sich als Fan von Curling oder Snooker f&#252;hlt. Texte eben, die durchaus stellenweise auch schon in der Sonntagszeitung zu finden sind; Texte, f&#252;r die in Blogs (oder anderswo online) noch sowohl die Mittel fehlen als auch das Durchhalteverm&#246;gen beim Lesen am Bildschirm.</p>
<p>Um mal die Radiometapher zu strapazieren: Onlinemedien wie byte.fm, Printmedien wie Deutschlandfunk beziehungsweise Deutschlandradio Kultur &#8211; das w&#228;re, nun ja, nett. Und das ist dann, hoffentlich, unter anderem auch die Zukunft der Zeitung</p>




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		<title>Gef&#228;hrlicher Staat</title>
		<link>http://www.solokarpfen.de/gesellschaft/1500-gefaehrlicher-staat/</link>
		<comments>http://www.solokarpfen.de/gesellschaft/1500-gefaehrlicher-staat/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 23 Aug 2009 09:03:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Strobel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[CDU]]></category>
		<category><![CDATA[FDP]]></category>
		<category><![CDATA[Gerhart Baum]]></category>
		<category><![CDATA[Grundrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Piratenpartei]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Schäuble]]></category>

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		<description><![CDATA[Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Der FDP-Politiker Gerhart Baum bef&#252;rchtet die Zerst&#246;rung des liberalen Rechtsstaats als Folge einer st&#228;ndig beschworenen Terrorgefahr. In seinem Buch fordert er deshalb: "Rettet die Grundrechte!"]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine solche Unterst&#252;tzung hat es lange Zeit nicht gegeben.&#8220; Gerhart Baum kann das beurteilen. Er hat gewisserma&#223;en den &#220;berblick. Seit 1992 engagiert sich der FDP-Politiker in der internationalen Menschenrechtspolitik. 2004 brachte er vor dem Bundesverfassungsgericht den &#8222;Gro&#223;en Lauschangriff&#8220; zu Fall, 2006 das Luftsicherheitsgesetz, das den Abschuss von Passagiermaschinen im Entf&#252;hrungsfall legalisieren sollte. Er hat au&#223;erdem Verfassungsbeschwerde gegen die heimliche Durchsuchung von Computern eingelegt. &#8222;Ich begr&#252;&#223;e es sehr, dass sich jetzt vor allem junge Leute gegen die &#220;berwachungsmentalit&#228;t, gegen Online-Durchsuchungen und Vorratsdatenspeicherung wehren&#8220;, <a href="http://www.kiwi-verlag.de/437-0-interview-gerhart-baum.htm">sagt</a> Baum.</p>
<p>Aber Baum wei&#223; auch, dass die B&#252;rgerrechte nicht allein im Netz gef&#228;hrdet sind, und verweist beispielsweise auf die problematische Neuorganisation der deutschen Polizei durch das Bundeskriminalamtgesetz. Diese hat durch die Neufassung vom November 2008 Befugnisse erhalten, die nach Ansicht der <a href="http://www.datenschutzverein.de/Pressemitteilungen/2008_BKA-Gesetz.pdf">Deutschen Vereinigung f&#252;r Datenschutz</a> (DVD) die Grenzen zwischen Polizei und Geheimdienst weiter verschwimmen lassen. In &#252;ber 20 teils hochkomplizierten Paragraphen erh&#228;lt das Bundeskriminalamt unter anderem die Befugnis, Journalisten, &#196;rzte und Rechtsanw&#228;lte zu &#252;berwachen, heimlich in Wohnungen einzudringen und private Computer zu manipulieren.</p>
<p><div id="attachment_1535" class="wp-caption alignright" style="width: 130px"><a href="http://www.kiwi-verlag.de/437-0-interview-gerhart-baum.htm"><img src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/08/baum.jpg" alt="Streitschrift f&#252;r Deutschland" title="Bild: (c) Kiepenheuer &amp; Witsch" width="120" height="190" class="size-full wp-image-1535" /></a><p class="wp-caption-text">Streitschrift f&#252;r Deutschland</p></div>Laut Baum reagiere der Staat v&#246;llig &#252;bertrieben und mache die gleichen Fehler wie zur Zeit des RAF-Terrors. Damals war Baum als Bundesinnenminister an der sicherheitspolitischen Aufr&#252;stung beteiligt. Heute will er das &#228;ndern. Der Politiker bekr&#228;ftigt diesen Vorsatz in seinem am 24. August erscheinenden Buch &#8222;Rettet die Grundrechte&#8220; (<a href="http://www.kiwi-verlag.de/36-0-buch.htm?isbn=9783462039801">Kiepenheuer &amp; Witsch</a>). Seine These: Nach dem 11. September 2001 herrscht ein neuer Geist der Vorbeugung, der jeden B&#252;rger potentiell verd&#228;chtig macht, der Notstand droht zum Normalfall zu werden.</p>
<p>Ausgangspunkt ist die offensichtliche Gier von Geheimdienstexperten, Kriminalisten und Innenpolitikern nach pers&#246;nlichen Daten der B&#252;rger. Da sind zum einen die Grundrechtseingriffe bei der Vorratsdatenspeicherung, die jeden B&#252;rger zu einem Risikofaktor machen. Zum anderen liefert Deutschland den USA Fluggastdaten, die weit ins Private hineingehen, und erm&#246;glicht zudem den Amerikanern  Zugriff auf Kontodaten. Immer wieder rutscht die Forderung nach einem Einsatz der Bundeswehr als Ersatzpolizei im Inland auf die Tagesordnung der CDU.</p>
<p>Entsprechende Vorst&#246;&#223;e von Sch&#228;uble und Jung bezeichnet Baum in seinem Buch als abenteuerlich und gef&#228;hrlich. &#8222;Ich bin voller Sorge&#8220;, sagt Baum, &#8222;dass wir unter dem Vorwand der Terrorismusbek&#228;mpfung wie jetzt auch unter dem Vorwand der Bek&#228;mpfung von Kinderpornographie den Hauptwert unserer Verfassung, und das ist die Menschenw&#252;rde, verletzen. Der Pr&#228;ventionsstaat ist uners&#228;ttlich, er findet kein Ende!&#8220;</p>
<blockquote><p>Wir befinden uns in einer Spirale der Erosion von Grundrechten, die nur m&#252;hsam, wenn auch erfolgreich, vom Bundesverfassungsgericht in den Urteilen der letzten Jahre verlangsamt worden ist und zwar immer unter Berufung auf die Menschenw&#252;rde.</p>
<p><em>(&#8211; Gerhart Baum)</em>
</p></blockquote>
<p>Unterst&#252;tzung f&#252;r seine Thesen und Bem&#252;hungen erh&#228;lt Baum aktuell von der Piratenpartei. Es mehren sich sogar die Aufforderungen, Baum f&#252;r die Partei zu gewinnen. Dieser begr&#252;&#223;t die Bewegung, ist aber von der der Organisation nicht &#252;berzeugt: &#8222;Mir ist das etwas zu eng. Es geht eben nicht um die Netzkultur allein. Der Staat greift in vielerlei Hinsicht in unsere B&#252;rgerrechte ein.&#8220;</p>
<p>Der B&#252;rgerrechtler sieht aber ein Signal, das die etablierten Parteien nicht ignorieren sollten. &#8222;&#196;ndern kann man nur etwas, wenn die vorhandenen Parteien sich dem Thema stellen&#8220;, sagt Baum und st&#228;rkt seiner Partei den R&#252;cken: &#8222;Die FDP hat nach dem 11. September alle umstrittenen Sicherheitsgesetze mit guter Begr&#252;ndung abgelehnt. Sollte es nach der Bundestagswahl zu einer Koalition mit der Union kommen, was ich hoffe, dann erwarte ich, dass sie einen Teil der Ma&#223;nahmen r&#252;ckg&#228;ngig macht und neuen problematischen Eingriffen nicht zustimmt.&#8220;</p>
<p>Baum ist kein Freund von neuen Gesetzen. Er w&#252;nscht sich eher eine Reform des allgemeinen Datenschutzrechtes. Daf&#252;r bedarf es keiner speziellen Gesetze f&#252;r das Internet. Im Gegenteil. Eine inhaltliche Durchregulierung des Internets sei mit dem Grundsetzen des Rechtsstaates nicht vereinbar. &#8222;Und deshalb&#8220;, so Baum, &#8222;muss das weithin unwirksame Gesetz zur Bek&#228;mpfung der Kinderpornographie wieder zur&#252;ckgenommen werden. Mit diesem Gesetz macht sich der Staat auf den Weg zu einer Internetzensur &#8211; ein sehr bedenklicher Vorgang.&#8220;</p>
<p>Bedenklich und h&#246;chst gef&#228;hrlich sei aber auch der eigene, h&#228;ufig sorglose Umgang mit privaten Daten. &#8222;Es wird ja nichts vergessen und gel&#246;scht, vieles davon kann missbraucht und gegen die Internetnutzer verwendet werden. Ich pl&#228;diere daf&#252;r, h&#246;chst vorsichtig mit dem Internet umzugehen.&#8220; Baum, der im Oktober 77 Jahre alt wird, will das Internet aber keineswegs schlechtreden: &#8222;Im Gegenteil: Das Internet bringt ja ganz neue Chancen der Kommunikation, es ist ein enormer Gewinn.&#8220;</p>




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		<pubDate>Fri, 21 Aug 2009 15:10:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Eber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Lindner]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlplakate]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Wahlkampf findet zunehmend im Internet statt, hei&#223;t es. Dabei kenne ich in meinem Wahlkreis keinen Kandidaten besser als  diesen Martin Lindner von der FDP. Ich treffe ihn jeden Morgen.

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Vielleicht macht Martin Lindner, dieser Langweiler, ja alles richtig. Ich treffe ihn jetzt regelm&#228;&#223;ig bei mir um die Ecke, genauer gesagt jeden Morgen. Was hei&#223;t treffen: Martin Lindner h&#228;ngt am Laternenpfahl, mit Kabelbindern fixiert, ein Wahlplakat von ihm ist es, um genau zu sein, in DIN A1. Aus drei Metern H&#246;he schaut der Mann, der offensichtlich in meinem Wahlkreis f&#252;r die FDP kandidiert, t&#228;glich auf mich herab. “Leistung muss sich lohnen”, lese ich dann, w&#228;hrend ich mit dem Rad zur Arbeit fahre, und ich denke mir, dass der Mann irgendwie recht hat.</p>
<p>Die Optik des Plakats steht dem Slogan in nichts nach. Euphemistisch gesagt: Es ist zeitlos. Das Gelb der FDP, das Foto des Kandidaten, der Slogan aus der Mottenkiste &#8211; es k&#246;nnte aus den 70ern stammen, aus den 80ern oder aus den 90ern. Wahrscheinlich <em>ist es</em> aus den 70ern <em>und</em> aus den 80ern <em>und</em> aus den 90ern. Nur Bild und Namen wird man irgendwann ausgetauscht haben: Martin Lindner, so erfahre ich auf seiner Internetseite, ist 45 Jahre alt, und erst seit 1998 in der FDP. Was dort auch steht: Er wohnt in Gr&#252;nwald, ist Jurist, verheiratet und hat sechs Kinder.</p>
<p>Sonst erfahre ich auf <a href="http://www.martin-lindner.info/">seiner Webseite</a> wenig: Er bittet mich um &#8222;Unterst&#252;tzung im bevorstehenden Wahlkampf&#8220; (Wann f&#228;ngt der Wahlkampf denn eigentlich an?), er findet, dass &#8222;Deutschland vor einer Richtungswahl stehe&#8220; (mal wieder) und er will deswegen in den Bundestag einziehen, damit Berlin &#8222;nicht nur von Staatsapologeten, Gleichmachern und Jammerlappen vertreten&#8220; werde (d’accord, Herr Lindner!). &#220;berzeugt hat mich Martin Lindner damit nicht, aber immerhin: Sein Name ist mir mittlerweile ein Begriff. Weil flei&#223;ige Parteisoldaten dieses Plakat drucken lie&#223;en, es auf Sperrholz klebten, danach vermutlich in einen Kleintransporter verluden, mit diesem Kleintransporter in meine Stra&#223;e fuhren, eine Leiter an die Laterne stellten und dann den Lindner dort aufgeh&#228;ngt haben.</p>
<p>Dabei hei&#223;t es doch allerorten, dass der Wahlkampf sich zunehmend im Internet abspiele. &#8222;Das Internet wird zum zentralen Medium f&#252;r die Kommunikation zwischen Politik und B&#252;rgern&#8220;, sagt etwa August-Wilhelm Scheer. Er ist der Pr&#228;sident des Bitkom, dem Verband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche. Scheer hat diese Woche eine Umfrage pr&#228;sentiert, wonach vor allem f&#252;r J&#252;ngere das Internet bei Fragen rund um Politik zum Hauptmedium geworden sei. Drei Viertel der 18- bis 29-J&#228;hrigen informierten sich im Web &#252;ber Politik, so ein Ergebnis der Umfrage. Und 44 Prozent der wahlberechtigten Bundesb&#252;rger glaubten, dass eine Partei ohne den Einsatz des Internets heute keine Wahl mehr gewinnen k&#246;nne.</p>
<p><div id="attachment_1431" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.flickr.com/photos/34104164@N02/3181143479"><img src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/08/wahlplakat-250x225.jpg" alt="H&#228;ngt sie h&#246;her." title="Bild: (cc) Piraten Hessen @ flickr.com" width="250" height="250" class="size-medium wp-image-1431" /></a><p class="wp-caption-text">H&#228;ngt sie h&#246;her.</p></div> Im Vergleich zu den Internet-Auftritten von Parteien und Politikern wirken die Wahlplakate am Stra&#223;enrand anachronistisch. Man wundert sich, dass es &#252;berhaupt noch gen&#252;gend Parteimitglieder gibt, die sich zum B&#252;ttel f&#252;r die Karriere anderer machen und in ihrer Freizeit von Stra&#223;enlaterne zu Stra&#223;enlaterne ziehen. Und man fragt sich, wie um alles in der Welt ein Ursache-Wirkungszusammenhang in der Art entstehen soll, dass ein aus drei Metern H&#246;he herab l&#228;chelnder Politiker beim W&#228;hler den Effekt ausl&#246;st, dass dieser am Wahltag in der Wahlkabine mit seinem Stift das Kreuz hinter diesem Kandidaten macht.</p>
<p>Ich habe jedenfalls noch nie jemanden sagen h&#246;ren, dass er dieses Mal Partei X oder Kandidat Y gew&#228;hlt habe, weil das Wahlplakat so sch&#246;n/ansprechend/interessant war. Auf der anderen Seite: Wer gibt so etwas schon zu? Und: Vielleicht sind sich viele des Effekts gar nicht bewusst. Vielleicht wirken die Plakate ja unterschwellig. Schlie&#223;lich kenne auch ich Martin Lindner nur wegen des Plakats. Und h&#228;tte er nicht nur Phrasen auf seiner Webseite stehen, vielleicht w&#252;rde ich ihn am 27. September sogar w&#228;hlen.</p>
<p>M&#246;glicherweise liegt darin das schlichte &#8222;Geheimnis&#8220; eines erfolgreichen Wahlkampfes, n&#228;mlich in der Kombination aus alten und neuen Medien. Fr&#252;her oder sp&#228;ter geht jeder W&#228;hler aus seiner Wohnung und dann wirft er am Stra&#223;enrand einen Blick auf die Martin Lindners der Politik-Szene. Damit ist der erste Schritt vollzogen: die Wahrnehmung der Person, der erste Kontakt. Ein zartes Band ist gekn&#252;pft. Was folgt, ist &#220;berzeugungsarbeit: Man sieht den Kandidaten in einer Talkshow, liest einen Zeitungsartikel &#252;ber ihn oder stolpert in einem Sozialen Netzwerk &#252;ber sein Profil. Die M&#246;glichkeiten, aus einem ersten Kennenlernen eine dauerhafte Beziehung zwischen Politiker und W&#228;hler zu machen, sind vielf&#228;ltiger als die Zahl der Medien selbst.</p>
<p>Oskar Lafontaine zum Beispiel ist gerade im Saarland auf Stimmenfang (Landtagswahl 30. August). Er l&#228;sst kein Fest, kein Jubil&#228;um, keine Er&#246;ffnung aus. Lafontaine will jeden potentiellen W&#228;hler mit Handschlag begr&#252;&#223;en (was im Saarland fast machbar sein d&#252;rfte). Und immer ist ein Fotograf mit einer Polaroid-Kamera an seiner Seite. Wer Lafontaine die Hand sch&#252;ttelt, wird abgelichtet. Und der Fotograf h&#228;ndigt die Bilder sofort aus. 50 Bilder die Stunde, 50 m&#246;gliche W&#228;hler die Stunde. &#8222;Das Geheimnis des Polaroid ist&#8220;, <a href="http://www.dradio.de/aktuell/1019179/">so</a> Lafontaine, &#8222;dass die Menschen eine Erinnerung haben an diese Begegnung und das ist nat&#252;rlich so, dass viele dieses Foto auch ihren Bekannten und Verwandten zeigen, insofern ist das eine Methode, die ich seit Jahren anwende und die sich immer bew&#228;hrt hat.&#8220;</p>
<p>Selbst die im und wegen des Internets entstandene Piratenpartei pflastert mittlerweile die Stra&#223;enr&#228;nder mit ihren orangefarbenen Plakaten zu. Das eine tun, ohne das andere zu lassen, so lautet das Motto aller Parteien im aktuellen Wahlkampf. Alle k&#228;mpfen an allen Fronten um  h&#246;chstm&#246;gliche Aufmerksamkeit.</p>
<p>Martin Lindner hat da noch ein wenig Nachholbedarf: Sein Internetauftritt ist nicht aktuell und au&#223;er eines Gru&#223;wortes und einer kurzen Vita erf&#228;hrt man nichts &#252;ber ihn. Also, Martin Lindner werde ich wohl nicht w&#228;hlen. Aber es gibt ja auch noch andere. Seit gestern wei&#223; ich zum Beispiel, wer f&#252;r die SPD in meinem Wahlkreis kandidiert. Er h&#228;ngt seit neuestem am gleichen Laternenpfosten wie Martin Lindner, &#252;ber ihm um genau zu sein. Es ist der alte Bekannte Wolfgang Thierse. Und wie der b&#228;rtige Thierse  vom Laternenpfosten so auf mich runter schaut, da denke ich mir, dass es vielleicht doch f&#252;r jeden Politiker eine ganz individuelle Wahlkampfstrategie braucht. Der altv&#228;terliche Thierse und das Werbemittel &#8222;Wahlplakate an Laternenpfosten&#8220;, beide scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen, und passen damit irgendwie ziemlich hervorragend zusammen.</p>




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		<title>Nerv&#246;se Zuckungen</title>
		<link>http://www.solokarpfen.de/gesellschaft/1350-nervoese-zuckungen/</link>
		<comments>http://www.solokarpfen.de/gesellschaft/1350-nervoese-zuckungen/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 13 Aug 2009 22:53:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Chauvinismus]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gender]]></category>
		<category><![CDATA[Klischee]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Sexistische Klischees begegnen uns &#252;berall. Aber d&#252;rfen wir sie auch bewusst bedienen? Wann ist die Grenze des Ertr&#228;glichen &#252;berschritten? Schwer zu sagen, aber heute habe ich es umso deutlicher gesp&#252;rt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Naheliegend, dass ich auf Sexismus nerv&#246;s reagiere. Immerhin kann man mich gut in die Opferecke stellen, zudem studiere ich bald den Opferstudiengang schlechthin (Gender). Ich habe au&#223;erdem kurze Haare, eine androgyne Attit&#252;de, ziehe keine R&#246;cke an und mag gro&#223;e Br&#252;ste nicht. Meine Freundin ist sehr viel h&#252;bscher als ich, sie kleidet sich weiblich, sieht auch mit kurzen Haaren sehr feminin aus und wird auf der Stra&#223;e offen angegafft. M&#228;nner verstehen ihr liebevolles M&#228;nnerverst&#228;ndnis oft miss und deuten das als Flirt und Begehren.</p>
<p><a href="http://www.facebook.com/photo.php?pid=183173&#038;id=723919346"><img src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/08/n723919346_183173_6663-168x250.jpg" alt="Bild: (c) Ailine Liefeld" title="Bild: (c) Ailine Liefeld" width="168" height="250" class="alignleft size-medium wp-image-1361" /></a>Mein Ex-Freund hat mich im Vollrausch mit &#8222;Schei&#223;lesbe&#8220; beschimpft und noch immer ernte ich von M&#228;nnern hochgezogene Augenbrauen bei dem Satz, dass ich gerne Kinder m&#246;chte. Gern lasse ich mir Fragen zu meiner &#8222;Weiblichkeit&#8220; gefallen oder wie zwei Frauen Sex haben, ohne angeblich Sex zu haben. Oder ob ich mich nach Schw&#228;nzen sehne. (Diese Frage kann ich mit &#8222;Ja&#8220; beantworten &#8211; zumindest, was meine Tr&#228;ume angeht.) M&#252;helos kl&#228;re ich &#252;ber Dildos auf und interessiere mich brennend daf&#252;r, ob man Taschenmuschis vor Benutzung in der Mikrowelle aufw&#228;rmt. (Die Antwort lautet &#8222;Nein&#8220;.)</p>
<p>Manchmal bekomme aufgrund all dieser Dinge Aggressionen und m&#246;chte dem n&#228;chsten Mann, der mir Komplimente macht f&#252;r die hei&#223;e Schnitte an meiner Seite und ob er denn mal an uns beide rand&#252;rfe, gern seine zwei (vorzugsweise auch nur eins) N&#252;sse abhacken. Zum Gl&#252;ck belasse ich es bei Drohgeb&#228;rden, die nicht minder bescheuert aussehen. Danach rede ich mir ein, ich h&#228;tte unglaublich cool und unfeministisch gewirkt.</p>
<p>Den reich-ranicki&#8217;schen Finger schwingend: Ja, M&#228;nner sind trotzdem toll und ich freue mich jeden Tag &#252;ber ihre Anwesenheit. Oftmals hei&#223;e ich sie sogar herzlicher in meiner wirren Welt willkommen als Frauen. Hier nun die Vor(ur)teile von M&#228;nnern aufzulisten, ist allerdings obsolet, weil selbstredend.  Umso deutlicher muss man &#252;ber ihre sonderbaren Ausw&#252;chse flanieren (ja, ich werde bildhaft), n&#228;mlich den Drang sexistisch zu werden, wenn es um Frauen geht.</p>
<p>Aus diesem Drang sind Pornos entstanden oder urzeitliche Alltagsgebaren, h&#228;ssliche Kolumnen von F.-J. Wagner oder Bumsratgeber wie die &#8222;Men&#8217;s Health&#8220;. Dieser Drang brachte sogar den Feminismus hervor und daf&#252;r hasse ich M&#228;nner. Dass sie seitdem neben ihrem Totschlagpr&#252;gel auch noch ihr Totschlagargument f&#252;r Kritik an ihrem sexistischen und patriarchalischen Verhalten haben.</p>
<p>Nicht minder hasserf&#252;llt blicke ich auf die Frauen, die das Ganze wiederum so sexy finden, dass sie gleich mit ins Boot h&#252;pfen und sich diesem durchaus menschlichen und deshalb auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbaren Duktus anschlie&#223;en. Und damit f&#228;lschlicherweise ein Argument f&#252;r statt gegen Sexismus liefern.  Dabei lie&#223;e sich das Ganze doch recht logisch und trivial auf den Punkt bringen: M&#228;nner wollen ficken. Frauen wollen ficken. Is so.</p>
<p>Leider aber leitete irgendwann eine &#228;rmliche Figur aus der Vereinigung beider Geschlechter ein Reinstecken und Reingestecktwerden ab, aus Brust und Muskel die Eigenschaften schwach und stark. Aus Empf&#228;nger wurde Hure bei Vielm&#228;nnerei und aus Verteiler bei Vielweiberei der tolle Typ. Biologie allein macht noch keinen Sexismus.  Am Ende der Fahnenstange stehen (noch mehr Bilder) nun beispielsweise Texte wie <a href="http://www.solokarpfen.de/gerede/1251-kreuzigung-fleisches/">diese</a>.</p>
<p>Zum Gl&#252;ck hat der, welcher mit halbwegs Intelligenz gesegnet, das Verm&#246;gen zur Differenzierung. Doch statt inhaltlicher Auseinandersetzung bei all den Hintergr&#252;nden, die Sexismus in Rein- und abgewandelter Form bereits geschaffen hat, finden sich oft genug platte Argumente, die solche Ausw&#252;chse rechtfertigen: Zynismus, Provokation, Spiel (womit auch immer). Klischees sind immerhin so halblustig, dass man sich ganz political incorrect mit ihnen gemein machen kann und trotzdem noch einen Br&#252;ller bei Bier und Zigarette hervorbringt. Halb so wild. Halb so ernst. Der Muschi-Moers (Achtung: feuilletonistischer Text liegt vor. Bei nichtverstandenen Wortbedeutungen bitte googlen.) ist geboren.</p>
<p>Gern. Ich bin dabei. Jeder will der Muschi-Moers sein. Nur: die wenigsten haben das Zeug dazu. (Ich &#252;brigens nicht. Das einzige, was mir bleibt, sind Pornos, die mehr Absurdit&#228;t aufweisen, als dass sie die Butter auf dem Brot des Sexismus sind.)  Die Welt braucht keine halbgaren Muschi-Moers, die das Wort Vergewaltigung in den Mund nehmen, humorisierend verunglimpfen und behaupten, es sei eine Kolumne. F&#252;r die Frauen und M&#228;nner nicht mehr als Steckfiguren in einem Happy Meal sind.  Wir sind sexistisch sozialisiert seit Jahrhunderten, daf&#252;r k&#246;nnen wir relativ wenig. Kultivieren muss man das deswegen noch lange nicht.</p>




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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2009 15:41:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Eber</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Merkel]]></category>
		<category><![CDATA[Parteien]]></category>
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		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>

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		<description><![CDATA[Viele klagen &#252;ber sinkende Wahlbeteiligungen. Die Menschen interessierten sich immer weniger f&#252;r Politik, hei&#223;t es. Fr&#252;her war das anders. Zum Gl&#252;ck sind diese Zeiten vorbei.  ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn mich meine Erinnerung nicht t&#228;uscht, hatte ich diesen Traum in meiner Kindheit mindestens hundert Mal. Andere fallen regelm&#228;&#223;ig in unendlich tiefe L&#246;cher oder verlieren ihre Z&#228;hne &#8211; ich hatte st&#228;ndig diesen Kriegstraum. Ich laufe durch meinen kleinen Heimatort (der mir damals gar nicht klein vorkam), als ich die Fu&#223;g&#228;ngerzone erreiche, heulen pl&#246;tzlich die Sirenen auf &#8211; Fliegeralarm. Schutz suchend fl&#252;chte ich in den nahegelegenen Zeitschriften- und Tabakladen &#8222;Baumann&#8220;, ich finde eine Treppe, die nach unten f&#252;hrt und verkrieche mich in einen Keller, w&#228;hrend drau&#223;en die ersten Bomben fallen. Krachend laut versetzen sie mich in  Todesangst.</p>
<p>Nein, ich bin kein Kriegskind. Ich wurde 1971 geboren. Und dennoch ist mir der Krieg in gewisser Weise vertraut. Nicht der reale Krieg, zum Gl&#252;ck. Der potenzielle Krieg. Krieg, der jederzeit ausbrechen kann. F&#252;r den die Pl&#228;ne bereits fertig in den Schubladen liegen. Auf beiden Seiten: die Abwehrstrategien bei den Guten, die Angriffs&#252;berlegungen bei den B&#246;sen. Auf beiden Pl&#228;nen liegt die kleine nordbadische Kreisstadt Tauberbischofsheim mitten im Kampfgebiet, im Artilleriekampfgebiet. Panzer gegen Panzer h&#228;tten hier gek&#228;mpft &#8211; vorausgesetzt, beide Seiten h&#228;tten im Kriegsfall auf den Einsatz von Raketen mit Atomsprengk&#246;pfen verzichtet. Dann w&#228;re ein Bodenkampf sinnlos gewesen.</p>
<p>Der Verzicht auf Atomsprengk&#246;pfe schien mir damals unwahrscheinlich. Die Russen waren meiner festen &#220;berzeugung nach zu allem f&#228;hig. Und sp&#228;testens jeden ersten Samstag im Monat wurde meine Vorstellung untermauert. Dann war Probealarm. Der stetige auf- und abschwellende Heulton von einer Minute Dauer k&#252;ndigte den Luftangriff an, der nach jedem Auf- und Abschwellen unterbrochene Ton signalisierte eine Gefahr durch radioaktiven Niederschlag oder chemische Kampfstoffe.</p>
<p>Die schrille Sirene durchdrang alles und jeden, regelm&#228;&#223;ig, alle vier Wochen. Aber keiner schreckte deshalb von seinen Samstagsaktivit&#228;ten auf. M&#228;nner polierten weiter ihre Autos, Kinder spielten Fu&#223;ball, Frauen bereiteten das Mittagessen vor. Die drohende Katastrophe war Teil des Alltags geworden. Die Zivilschutzanlagen (wie die Sirenen offiziell hie&#223;en) gab es schlie&#223;lich schon seit Ende der 50er Jahre. Man lebte mit ihnen und mit der Angst. Und man tr&#228;umte davon.</p>
<p>Gew&#228;hlt wurde freilich schwarz. Die Roten wohnten im Ruhrgebiet, vereinzelt auch in der Nachbarschaft. Es waren Verwirrte. Sie redeten von Abr&#252;stung. Vom &#8222;Frieden schaffen ohne Waffen&#8220;. Sie wussten nicht, dass sie manipuliert wurden, von den echten Roten, den Kommunisten. Die wollten den Westen weich klopfen. Deren milit&#228;rische Kraft verringern. Um dann zuzuschlagen. Ohne Vorwarnung. &#8222;Erstschlag&#8220; nannte man das. Die Weltherrschaft war das Ziel der Kommunisten in Moskau. Unter den  Erwachsenen, die meine Kindheit begleiteten, bestand daran kein Zweifel.</p>
<p>Deshalb str&#246;mten die Menschen bei der Bundestagswahl auch zu den Urnen. Der kalte Krieg trieb sie dort hin. Die <a href="http://www.bpb.de/wissen/P4WO2I,0,0,Wahlbeteiligung_nach_Geschlecht.html">Wahlbeteiligung</a> lag bei 90 Prozent, teilweise sogar dar&#252;ber. Es ging um gut und b&#246;se, richtig und falsch, Leben und Tod. Die Ideologie hatte ihre gro&#223;e Zeit. Auf beiden Seiten. Auch bei mir. Die Schwarzen mussten gewinnen. Nur so blieben die Amis unsere Freunde, nur so war unsere Verteidigung stark genug, dass sie selbst den m&#228;chtigen Russen Angst machte. Dass sie lieber blieben, wo sie waren. Als Helmut Kohl 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum an die Macht kam, war ich gerade elf und sehr erleichtert.</p>
<p>Ein Jahr sp&#228;ter war Wahl: Die Union kam auf 48,8, die SPD auf 38,2 Prozent, die Welt war noch schwarz-wei&#223;, schwarz-rot um genau zu sein. Das ist lange vorbei. Die beiden ehemaligen Volksparteien  verlieren kontinuierlich. In <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,623633,00.html">Umfragen</a> n&#228;hert sich die SPD den ehemals kleinen Parteien.  Schuld soll das Personal sein. Steinmeier bei der SPD zum Beispiel. Zumindest mit Schuld. Ihm fehle das Charisma eines Gerhard Schr&#246;ders. Auch dessen K&#228;mpfernatur. Der Steinmeier sei nett und freundlich. Und das sei sein Problem. Zu nett. Zu freundlich.</p>
<p>Andere verweisen auf die aktuelle Situation der SPD. Sie sei an der Regierung, stelle aber nicht den Kanzler. Deshalb w&#252;rde die SPD in der Bev&#246;lkerung nicht als tatkr&#228;ftige Partei wahrgenommen. Merkel sei die  handelnde &#8211; oder besser gesagt, die als handelnd wahrgenommene &#8211; Person. Und mit ihr die CDU. Weil die SPD aber eben de facto in der Regierung sei, k&#246;nne sie auf der anderen Seite nicht mit einem typischen Oppositionswahlkampf punkten, also Forderungen stellen (&#8222;Wenn wir an der Macht sind, dann werden wir …&#8220;). So wie das Oppositionsparteien eben tun. Die fordern gerne das Blaue vom Himmel runter. &#8222;Fordert nicht, macht doch!&#8220; w&#252;rde man der SPD bei einem solchen Wahlkampf zurecht entgegenrufen.</p>
<p>Hinzu kommt: Die SPD hat Konkurrenz von allen Seiten. Die Linken haben sich breit gemacht, f&#252;r sozial engagierte Jung-Gebliebene gibt es die Gr&#252;nen und f&#252;r die wirklich Jungen etabliert sich gerade die &#8222;Piratenpartei&#8220;. Gut m&#246;glich also, dass das Problem der SPD gar nicht Frank-Walter Steinmeier ist, sondern die Konkurrenz.</p>
<p>Gut m&#246;glich auch, dass diese Konkurrenz entstehen konnte, weil den gro&#223;en Parteien die gro&#223;en Themen abhanden gekommen sind. Klar, es gibt Gesundheitsreformen, die Wirtschaftskrise, Bildungsfragen. Was aber fehlt, ist die Polarisierung. Ob Studieren kostenlos sein soll oder Geb&#252;hren daf&#252;r erhoben werden, ist bedeutsam. Auch die Diskussion &#252;ber Wege aus dem Konjunkturtal. Aber mal ehrlich: Daf&#252;r auf die Stra&#223;e gehen? Das machen h&#246;chstens jene, die ganz unmittelbar betroffen sind. Die Konfliktlinien verlaufen heute nicht durch die <em>eine</em> Gesellschaft, sondern durch unterschiedliche soziale Gruppen.</p>
<p>Dadurch wird der Bundestagswahlkampf weniger aufregend. Die Medien bedauern dies. Das verstehe ich. Schlie&#223;lich leben sie von der Kontroverse. Die SPD findet das schrecklich. Auch das verstehe ich.</p>
<p><a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frank-Walter_Steinmeier_25a.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1281" title="Bild: (cc) Armin K&#252;belbeck @ wikimedia.org" src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/08/Frank-Walter_Steinmeier_25a-250x250.jpg" alt="Bild: (cc) Armin K&#252;belbeck @ wikimedia.org" width="250" height="250" /></a>Aber mir gef&#228;llt diese Entwicklung. Nicht die der SPD im Speziellen, aber ich mag die Unaufgeregtheit dieses Wahlkampfes, in dem von &#8222;Kampf&#8220; kaum mehr die Rede sein kann. Und ja, vermutlich wird sich dies auch negativ auf die Wahlbeteiligung auswirken. Auch das werden viele bedauern. Auch das kann ich verstehen. Die Mitbestimmung aller ist in der Geschichte der Menschheit noch eine recht junge und, wie ich finde, sehr unterst&#252;tzenswerte Entwicklung. Auf der anderen Seite belegt die Empirie: Die Wahlbeteiligung sinkt immer dann, wenn es den Menschen gut geht. Wenn keine Katastrophen am Horizont sichtbar sind. Es gibt dann einfach weniger Dramatisches, wor&#252;ber abzustimmen w&#228;re. Mancher sagt sich dann: Dann entscheide ich halt mal nicht mit. Gut finde ich das nicht, aber es beruhigt mich irgendwie. Ein aktuelles Wahlkampfthema jedenfalls hat sich bisher nicht in meine Tr&#228;ume geschlichen. Und das darf auch ruhig so bleiben.</p>




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		<title>Prost Wahlzeit!</title>
		<link>http://www.solokarpfen.de/gesellschaft/1214-prost-wahlzeit/</link>
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		<pubDate>Sun, 09 Aug 2009 17:15:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Strobel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Bier]]></category>
		<category><![CDATA[Obama]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Stammtisch]]></category>
		<category><![CDATA[Steinmeier]]></category>

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		<description><![CDATA[Die SPD trinkt zu wenig Bier. Das ist gut f&#252;r die Leberwerte der Nation. Den Umfragewerten der Partei dagegen schadet die Enthaltsamkeit. Ein Drama in vier Akten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Radio dudelt Rudi Carrell: &#8222;Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?&#8220;. Keine Frage, vom Sommer hatte man sich mehr versprochen. Mehr Sonnentage, mehr Biergartenzeit und &#8211; als SPD-W&#228;hler &#8211; mehr Prozentpunkte bei den Sonntagsfragen. Wohin soll das noch f&#252;hren?</p>
<p><strong>Erste Station: Berlin, Bundespressestrand</strong></p>
<p>Die Marketingstrategen der &#8222;Financial Times Deutschland&#8220; haben ganze Arbeit geleistet, um Sommergef&#252;hl, Bier und Stimmung in Einklang zu bringen. Allen Wetter- und Umfrageprognosen zum Trotz installierten sie am Bundespressestrand &#8211; unterst&#252;tzt von einer Brauerei aus dem Siegerland &#8211; zwei Zapfh&#228;hne, einen roten und einen schwarzen, so dass die Besucher w&#228;hlen k&#246;nnen, ob sie ein Steinmeier- oder ein Merkel-Bier trinken wollen. Seit dem 1. August nun str&#246;mt das Bier und wird digital auf den Milliliter genau gemessen.</p>
<p>Na dann, Prost! Eine erste Bilanz, die die Zeitung auf ihrer <a href="http://www.ftd.de/kehle">Webseite</a> ver&#246;ffentlichte, kann sich sehen lassen. 164 Liter flossen binnen drei Tagen durch die Zapfh&#228;hne. Die Analyse ergab einen deutlich h&#246;heren Verbrauch aus dem Merkel-Hahn &#8211; 134 Liter gegen&#252;ber 30 Liter f&#252;r Steinmeier.</p>
<p>Aber was hei&#223;t das schon? Ist der jeweilige Bierverbrauch pro Zapfhahn ein repr&#228;sentatives Indiz f&#252;r die politische Stimmung im Land? &#8211; Sicher nicht. &#8211; Aber das Spa&#223;barometer lenkt den Blick auf einen Aspekt, der von modernen Wahlkampfstrategen gern verdr&#228;ngt wird: Die Bundestagswahl im September wird (noch) nicht auf Facebook, StudiVZ oder Twitter entschieden, sondern dort, wo das Bier flie&#223;t: in den Bierzelten und -g&#228;rten. Am Stammtisch.</p>
<p>Dazu passt, dass die &#8222;Zeit&#8220; das Dossier ihrer aktuellen Ausgabe diesem m&#228;chtigen Mikrokosmos widmet, an dem Meinung entsteht und in das Land verbreitet wird. Fazit: Am Stammtisch k&#246;nnen Politiker noch viel lernen. Aber leider stehe der Politikverdrossenheit der Bev&#246;lkerung eine &#8222;Bev&#246;lkerungsverdrossenheit der Politiker gegen&#252;ber&#8220;, so der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte in der &#8222;Zeit&#8220;. &#8222;Es fehlt der Kontakt zum normalen B&#252;rger.&#8220; Mit Blick auf die Zapfhahn-Statistik k&#246;nnte man auch sagen: Die SPD hat das Biertrinken verlernt.</p>
<p><strong>Zweite Station: M&#252;nchen, Nockherberg</strong></p>
<p><a href="http://www.flickr.com/photos/wm_archiv/2732659207/"><img src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/08/cc_Allie_Caulfield_flickr-250x187.jpg" alt="Bild: (cc) Allie_Caulfield @ flickr.com" title="Bild: (cc) Allie_Caulfield @ flickr.com" width="250" height="125" class="alignleft size-medium wp-image-1247" /></a> Einen weiteren Beweis f&#252;r diese Schw&#228;che gibt der SPD-Kanzlerkandidat am Mittwochabend vergangener Woche zum Besten. Steinmeier trifft auf dem M&#252;nchner Nockherberg alte Parteifreunde wie M&#252;nchens Oberb&#252;rgermeister Christian Ude oder den Schauspieler Ottfried Fischer. Unter den echten Menschen im Biergarten erregt Steinmeiers Ankunft kaum Aufsehen. Schlimmer noch: „Er fremdelt“, berichtet der „Erdinger Anzeiger“. Steinmeier habe nicht einmal H&#228;nde gesch&#252;ttelt. Und als ein Kellner zwei Mass Bier f&#252;r Ude und Steinmeier bringt, soll B&#252;rgermeistergattin Edith von Welser-Ude besorgt gefragt haben: &#8222;Du wolltest doch sicher Wein, oder?&#8220;.</p>
<p>Es bedarf keiner gro&#223;en Fantasie, wie Gerhard Schr&#246;der an gleicher Stelle einen Auftritt inszeniert h&#228;tte. Sein bei anderer Gelegenheit ge&#228;u&#223;erter Wunsch &#8222;Hol mir mal ne Flasche Bier&#8220; ist vor dem aktuellen Hintergrund als taktisches Meisterst&#252;ck zu werten.</p>
<p><strong>Dritte Station: Washington, Wei&#223;es Haus</strong></p>
<p>Nachhilfe in Sachen Bier-und B&#252;rgern&#228;he gab vor ein paar Tagen auch US-Pr&#228;sident Barack Obama, dessen Wahlkampf f&#252;r die SPD gern als wegweisend gilt, als er den schwarzen Harvard-Professor Henry Gates sowie den wei&#223;en Polizisten James Crowley zum &#8222;Friedensbier&#8220; ins Wei&#223;e Haus einlud.</p>
<p>Dem Treffen vorausgegangen war eine Verkettung ungl&#252;cklicher Umst&#228;nde: Crowley hatte Gates als Einbrecher verd&#228;chtigt, als dieser etwas umst&#228;ndlich die eigene Haust&#252;r aufschlie&#223;en wollte. Der w&#252;tende Professor warf Crowley daraufhin vor, ein Rassist zu sein. Der Streit endete f&#252;r Gates in Crowleys Handschellen. Zu allem &#220;berfluss bemerkte Obama wenig sp&#228;ter am Rande einer Pressekonferenz, dass sich der Polizist &#8222;dumm&#8220; Verhalten habe. Ein gemeinsames Bier sollte die Gem&#252;ter k&#252;hlen. Crowley w&#228;hlte die Marke &#8222;Blue Moon&#8220;, Gates w&#252;nschte sich &#8222;Red Stripe&#8220; und Obama entschied sich f&#252;r ein &#8222;Bud Light&#8220; der Brauerei Anheuser Busch.</p>
<p>Obamas Bier-Berater hatten ihre Hausaufgaben gemacht. Das Marktforschungsunternehmens Scarborough Research hatte in einer <a href="http://blog.nielsen.com/nielsenwire/category/politics/">Studie</a> US-B&#252;rger zu ihrem politischen Profil, ihrem Wahlverhalten und ihrer Spendenbereitschaft f&#252;r politische Organisationen befragt. Anschlie&#223;end verglichen sie das Ergebnis mit denselben Angaben der Bier trinkenden Bev&#246;lkerung. Es stellte sich heraus, dass die Werte aller US-B&#252;rger sich prozentual nur geringf&#252;gig von den Werten der &#8222;Bud Light&#8220;-K&#228;ufer unterschieden. &#8222;Bud Light&#8220; gilt demnach als das politisch korrekte Bier.</p>
<p>Lediglich der Hinterb&#228;nkler Richard Neal sorgte f&#252;r leichte Katerstimmung nach dem an sich harmonischen Biergipfel. Der Kongressabgeordnete aus Massachussettes krakeelte, dass doch der &#8222;Bud Light&#8220;-Hersteller Anheuser Busch vom brasilianisch-belgischen Brauereikonzern Inbev &#252;bernommen worden sei. Der Pr&#228;sident habe also eindeutig gegen den Buy-American-Grundsatz versto&#223;en. &#8211; F&#252;r Steinmeier w&#228;re viel gewonnnen, wenn die Wahl seiner Biersorte zum Streitgegenstand an deutschen Stammtischen w&#252;rde.</p>
<p>Einer wie Ude hat es da leichter. Mit nur zwei Schl&#228;gen stach  der M&#252;nchner Oberb&#252;rgermeister das erste Bierfass beim vergangenen Oktoberfest an. Mangelnde Volksn&#228;he kann man ihm nicht nachsagen, eher eine gesunde Distanz zur &#8222;Berliner Raumkapsel&#8220;, wie er die Bundespolitik nennt. Vielleicht war er es, der dem Kanzlerkandidaten den Wink gab, die Mass auf dem Nockherberg vom Kellner anzunehmen. Am Ende z&#228;hlt wom&#246;glich jeder Liter.</p>
<p>2005 &#252;brigens traf die Prognose des Bierbarometers vom Bundespressestrand ins Schwarze. Erst im Schlussspurt &#252;berholte damals das Merkel-Bier die Konkurrenz aus dem Schr&#246;der-Hahn.</p>
<p><strong>Letzte Station: Berlin, Haus der Brauer</strong></p>
<p>Nur einen Kilometer vom Bundespressestrand entfernt sitzt der Deutsche Brauer-Bund, der seit 1991 eine ausf&#252;hrliche Bierstatistik f&#252;hrt. Erst neulich gaben die Brauer die Zahlen f&#252;r das erste Halbjahr 2009 bekannt. Die Lage ist bierernst. 49,3 Millionen verbrauchte Hektoliter markieren den niedrigsten Wert seit Beginn der Statistik. Hauptgrund f&#252;r den R&#252;ckgang ist laut Brauer-Bund das schlechte Wetter. Und wer daran schuld ist, das wusste <a href="http://www.youtube.com/watch?v=hbI47JAhA_s">Rudi Carrell schon 1983:</a> die SPD.</p>
<blockquote><p><span>Der Sommer war der Reinfall des Jahrhunderts.<br />
Es gab Regen. es gab Hagel, es gab Schnee.<br />
Mein Milchmann sagt: &#8222;Dies Klima hier wen wunderts,<br />
denn Schuld daran ist nur die SPD.&#8220;</span></p></blockquote>




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