Karstadt ist pleite. In den USA hat im vergangenen Monat General Growth Properties, der zweitgrößte Mall-Betreiber „Chapter 11″ – die US-Variante des Insolvenzverfahrens – beantragt. Im März lag der Umsatz des deutschen Einzelhandels 1,5 Prozent unterhalb des Vorjahreswertes und das, obwohl der März 2009 zwei Verkaufstage mehr hatte als der Vergleichsmonat 2008. Das Geschäft der Warenhäuser brach innerhalb eines Jahres um fast neun Prozent ein.
Dagegen etabliert sich der Online-Handel nach einer Studie der Managementberatung BBDO Consulting zunehmend als „universelle Alternative zum stationären Handel“. Musik- und Filmdownloads verdrängen CDs und DVDs. Und es wird nicht mehr lange dauern, dann haben sich Bücher als E-Books etabliert. Ist das Internet die Handelsplattform der Zukunft? Müssen wir uns damit abfinden, dass Warenhäuser und Shopping Center vom Aussterben bedroht sind?
Der Internethandel stellt den Austausch von Gütern und Dienstleistungen vor eine Herausforderung und darüber hinaus das Selbstverständnis des stationären Handels in Frage. Es wird wirtschaftlich nicht mehr nachvollziehbar sein, warum Produkte, die als Download-Datei angeboten werden können, zusätzlich auf einem Trägermedium wie CD, DVD oder Buch verkauft werden sollten.
Das Geschäft mit Non-Food-Artikeln lässt sich grundsätzlich bequem über das Internet abwickeln. Auf den Shopping- oder Herstellerportalen findet der Nutzer eine größere Auswahl als im stationären Handel. Direktkauf reduziert die Kosten für Vertrieb und Lagerhaltung. Social Media ersetzt das Kundenberatungsgespräch. Auf B2C- oder C2C-Plattformen werden Produktinformationen ausgetauscht und Fragen beantwortet. Umgekehrt liefert der Dialog den Herstellern Erkenntnisse, die in die Produktentwicklung und -verbesserung fließen.
Andererseits ist der Internethandel nicht die Lösung für alle Produkte. Lebensmittel, insbesondere Frischwaren wie Eier oder Milch sowie Dienstleistungen sind für den virtuellen Handel ungeeignet. Hier liegt die Chance des Einzelhandels und des Handwerks, sich in Zukunft neu zu erfinden.
Wie diese Renaissance der Branche aussehen könnte, zeigt beispielsweise die US-Designagentur Communication Arts. Auf der Internationalen Council On Shopping Center, die im Mai in Las Vegas stattfand, stellten die Designer aus Boulder, Colorado, mit „Crossroads City“ ihre Vision für das Shopping-Erlebnis der Zukunft vor. Statt mit technischen Detailzeichnungen überraschte Comm-Arts die Konkurrenz mit einem Comic. Auf zehn Seiten skizziert „Futuretail 2023″ Leben und Handel in „Crossroads City“.

Crossroads Comic
Glaubt man der Vision von Comm-Arts ist die Mall der Zukunft nicht mehr in ein Parkplatzmeer eingebettet. Die Architekten werden Zugänge für verschiedene Verkehrsmittel von Bussen über Züge bis hin zu Flugzeugen schaffen, aber auch für Radfahrer und Fußgänger. Nebenbei schaffen die Mega-Malls nicht nur Arbeitsplätze, sondern sorgen für eine gerechtere Verteilung der Arbeit. Während heute rund 90 Prozent der Konsumgüterartikel von Frauen hergestellt werden, spielen Männer in den Produktionsprozessen der Zukunft eine zunehmende Rolle.
„Crossroads“ ist eine Vision, die zur Zeit nur aus einer Konzept- und einer Comic-Seite besteht. Sie zeigt aber zwei Dinge: Erstens, die Aufteilung des Handels in E-Commerce und stationären Verkaufsflächen bringt mehr Veränderungen für den Kunden mit sich als das Ende des Tante-Emma-Ladens. Zweitens trifft der Strukturwandel insbesondere die Warenhäuser, die einst unangreifbaren Kolosse der Innenstädte. Lager- und Personalkosten sind gegen die Betriebskosten einer reinen E-Commerce-Plattformen nicht konkurrenzfähig. Selbst klassische Versandhäuser wie Quelle haben Schwierigkeiten, ihr Geschäft erfolgreich betreiben zu können.
Es klingt wie eine Ironie des Schicksals, dass sich der Strukturwandel ausgerechnet auf den Einzelhandel positiv auswirken könnte. Während planbare und wiederkehrende Anschaffungen bequem via Internet bestellt werden, läuft die Deckung des täglichen Bedarfs über den Einzelhandel, also über den Laden um die Ecke oder im Center auf der grünen Wiese. Verlierer des Wandels sind die Warenhäuser. Karstadt ist erst der Anfang.







