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Der Preis des Lebens

Alles – bloß kein Geld! Die Leber-Transplantation bei Apple-Chef Steve Jobs hat eine Organspenden-Debatte entfacht. Was ist erlaubt, um Leben zu retten?

von Johannes Eber

veröffentlicht am 25. Juni 2009

In der Kommentarspalte preisen sie ihr Innerstes an. Eine gewisse „Ha“ schreibt am 23. Juni auf der asiatischen Nachrichtenseite Asian Sentinel: „Ich bin 25 Jahre alt, weiblich. Meine Blutgruppe ist Typ A. Ich würde gerne meine Niere für 25.000 US-Dollar verkaufen. Kontaktieren Sie mich: Moonchild_xmas84@ya(…).“ Ein „Brandon“ verfolgt das gleiche Anliegen: „Hallo ihr, wenn es da draußen jemanden gibt, der wirklich eine Niere braucht, dann bin ich bereit zu helfen. Der Preis ist verhandelbar, aber Reise und Krankenhauskosten müssen zusätzlich bezahlt werden. Wenn sie es wirklich ernst meinen, dann schreiben Sie bitte an jonbarry45@ya(…). Danke.“

Sechs weitere derartige Angebote belegen die Dringlichkeit des Artikels über den Kommentaren. Dort wird über den Plan der Regierung von Singapur berichtet, an Organspender künftig ganz offiziell bis zu 33.000 US-Dollar zu bezahlen. Der illegale Organhandel in Asien soll mit seinen eigenen Waffen bekämpft werden.

Durch die Transplantationsoperation von Steve Jobs ist auch in den USA die Debatte über Organspenden neu entfacht. Wie jetzt bekannt wurde, hat der Gründer und Chef des Computerkonzerns Apple vor zwei Monaten im Bundesstaat Tennessee eine neue Leber erhalten. Kritiker vermuten eine Vorzugsbehandlung des prominenten Reichen. Jobs hatte im Januar eine sechsmonatige Auszeit angekündigt, es war aber unklar geblieben, woran er erkrankt war.

Die meisten Ärzte schließen eine Bevorzugung des Apple-Chefs allerdings aus. Das gegenwärtige System sei nur schwer zu hintergehen, sagen Experten gegenüber der New York Times. Dennoch sind Wohlhabende im Vorteil: Die Wartezeiten für Transplantationen unterscheiden sich in den USA beträchtlich. Wer Geld hat, zieht in die Umgebung von Hospitälern mit kurzen Wartezeiten. Eine solche Nähe ist nötig, weil die Zeitspanne zwischen Organentnahme und Implementierung gering sein muss.

Bild: (cc) ImadCode @ flickr.com Es ist in den USA außerdem erlaubt, an mehreren Orten gleichzeitig eine Transplantation zu beantragen. „Wenn man einen Jet hat und nur sechs Stunden benötigt, um an jeden Ort des Landes zu gelangen, gibt es viele Möglichkeiten am Transplantationsprogramm teilzuhaben“, sagt Dr. Michael Porayko, medizinischer Direktor an der Vanderbilt Universität.

Das Hauptproblem aber ist in den USA das gleiche wie in Deutschland: Es gibt viel mehr Kranke als Spender. 2005 lag die Zahl der Nierentransplantationen in den Vereinigten Staaten bei 16.000 – ein Anstieg von 45 Prozent in zehn Jahren. Im gleichen Zeitraum nahm die Warteliste aber um 119 Prozent zu. Während dieses Wartens auf eine neue Niere sterben dort 3500 Menschen jährlich.

Ökonomisch betrachtet besteht das Drama in einer Angebotslücke – die Nachfrage übersteigt das Angebot. Auf normalen Märkten würde in einem solchen Fall der Preis steigen. Das Angebot würde daraufhin zu, die Nachfrage abnehmen. Geht es ums Leben, sind solche Geschäfte verboten. Lediglich ein Freiwilligen-Markt ist vorhanden, in Form von Organspende-Ausweisen sowie von Lebendspenden – etwa bei Nierentransplantationen – für nahe bedürftige Angehörige.

Nicht wenige Ökonomen beklagen dies. Peter Oberender, Direktor der „Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie“ an der Universität Bayreuth fordert, „mit finanziellen Anreizen die Bereitschaft des Einzelnen zur Organspende“ zu erhöhen. Das Problem dabei ist: In einem solchen Markt besteht die Gefahr, dass Schwache ausgenutzt werden. Wenig informiert über die Folgen, könnten etwa finanziell Bedrängte über den Tisch gezogen werden.

Andere Ökonomen halten eine derartige Marktlösung für ethisch fragwürdig, zumindest für politisch nicht durchsetzbar. Sie suchen deshalb nach neuen Ansätzen. Der Harvard-Wissenschaftler Alvin Roth hat einen solchen für Lebendspenden gefunden: die Transplantationskette.

Die Idee: Viele Transplantationspatienten haben zwar einen potenziellen Spender, oft der Lebenspartner, aber die körperlichen Voraussetzungen, etwa die Blutgruppe, passen nicht zusammen. Findet dieses Paar nun ein anderes in der gleichen Situation, kann es der Fall sein, dass die Voraussetzungen des jeweils anderen spendenden Partners passen. Während Geschäfte mit Organen in den USA verboten sind, ist der Handel es nicht. Die beiden Paare können sich also gegenseitig ihre Nieren spenden.

Ein solcher Handel ist nicht nur als „Paartausch“, sondern auch als Kette möglich: Paar A spendet eine Niere an Paar B und erhält dafür eine Niere von Paar C, das wiederum eine Niere von Paar B bekommt.

Noch besser funktioniert diese Kette, wenn das erste Kettenglied kein Paar, sondern ein freiwilliger Spender ist. Dann nämlich erhält jedes Paar zuerst ein Organ, bevor es eines geben muss. Der Vorteil: Reißt die Kette, weil ein Paar kein Organ geben will, steht kein Paar schlechter als wenn es die Transplantationskette erst gar nicht gegeben hätte.

Die Idee von Alvin Roth ist in Form des so genannten New England Program for Kidney Exchange bereits in die Tat umgesetzt. Mit Erfolg. Matthew Jones aus Michigan, Vater von fünf Kindern, hat mit seiner Organspende die bisher längste Kette ausgelöst. 2006 gab er eine Niere an eine Fremde. Deren Mann spendete darauf seine Niere an einen anderen Bedürftigen. Dessen Partner spendete ebenfalls. Die Kette geht bis heute weiter. Zehn Menschenleben hat Matthew Jones bisher gerettet.

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