Joss Whedon ist unter den Serienmachern des amerikanischen Fernsehens ein Star – allerdings einer, von dem man nie genau weiß, ob er gerade im Steigen oder im Sinken ist. Mit „Buffy – The Vampire Slayer“ landete er 1998 einen Riesenhit: Die Serie lief über sieben Staffeln, und auch das etwas düsterere Spin-Off „Angel“ brachte es auf fünf Staffeln und zu einer bemerkenswerten Beliebtheit.
Doch seine nächste Serie „Firefly“ wurde nach nur einer halben Staffel abgesetzt – vermutlich nicht zuletzt, weil der Sender die Folgen in einer falschen Reihenfolge ausstrahlte. Im Rückblick war die Absetzung von „Firefly“ ein gravierender Fehler – die Serie über die bunt zusammengewürfelte Renegaten-Crew eines kleinen Raumschiffs, die ebenso sehr Science Fiction wie Western ist, hat einen spannenden Plot und ist exzellent gecastet. Die Fans erkannten diese Qualitäten und verschafften „Firefly“ rasch einen Kultstatus, der bis heute anhält und zumindest zur Produktion des Kinofilms „Serenity“ führte, der 2005 in die Kinos kam.
Nun waren in den USA die 12 Folgen der ersten Staffel von Joss Whedons neuer Serie „Dollhouse“ zu sehen, die im Juli auch auf DVD erscheint (während genaugenommen sogar 14 produziert wurden). Eine zweite Staffel wurde bereits genehmigt – eine Nachricht, die Fans wie Kritiker eher überrascht haben dürfte, wurde der Serie doch schon von Anfang an ein ähnliches Schicksal wie „Firefly“ prophezeit. Die Skepsis ist verständlich: Der Erfolg einer Fernsehserie hängt schließlich nicht nur von der Originalität des Konzepts ab, sondern auch – und vielleicht sogar noch mehr – von der Beliebtheit der Charaktere. Und was soll man halten von einer Show, deren zentralem Charakter genau das fehlt – Charakter nämlich?
Im „Dollhouse“, einem abgeschirmten Gebäudekomplex irgendwo in Los Angeles, arbeiten die Angestellten des geheimnisvollen Forschungsinstituts „Rossum Corporation“ an einem spektakulären Experiment. Experimentiert wird allerdings nicht mit Chemikalien oder Versuchskaninchen, sondern mit Menschen. Junge Frauen und Männer, die ihr altes Leben hinter sich gelassen haben, und zwar im radikalsten Sinne: Ihre komplette Persönlichkeit, mit all ihren Charakterzügen und Erinnerungen, wurde gelöscht – sie sind Puppen („Dolls“) im wahrsten Sinne des Wortes. Diese „Actives“ werden nun für Einsätze vermietet, deren Bandbreite vom Auftragsverbrechen bis hin zum Escort-Service reicht; und für jeden dieser Einsätze wird ihnen eine neue, vorübergehende Persönlichkeit „aufgespielt“, eine Mischung aus Persönlichkeiten realer, oft verstorbener Menschen, von deren Authentizität die Actives selbst völlig überzeugt sind – bis sie ihren Einsatz erfüllt haben und ins Dollhouse zurückkehren, wo auch diese Identität wieder von der „Festplatte“ ihres Gehirns gelöscht wird.
Der Fokus der Serie liegt auf Echo (gespielt von Eliza Dushku, bekannt als Faith aus „Buffy“), einer der begehrtesten Aktiven des Dollhouse. In ihrem früheren Leben hieß sie Caroline, und auf sie konzentrieren sich auch die Nachforschungen des FBI-Agenten Paul Ballard (Tahmoh Penikett), der gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten das Geheimnis um das Dollhouse aufklären will.
Echos Kontaktperson auf Einsätzen, ihr Handler, ist Boyd Langton (Harry Lennix), der neu zum Dollhouse stößt, nachdem Alpha, einer der Aktiven, Amok gelaufen ist und ein Blutbad angerichtet hat, dem auch Echos früherer Handler zum Opfer gefallen ist. Alpha ist untergetaucht und verkörpert damit neben Agent Ballard die zweite Gefahr für das Dollhouse von außen – aber seine Tat zeigt bereits, dass der Erfolg des Experiments auch von innen bedroht wird: Denn das „Bespielen“ der Aktiven mit Persönlichkeiten funktioniert nicht so perfekt, wie es sollte. Bei Echo kommt es in extremen Stresssituationen zu Rissen in der aufgespielten Identität; Erinnerungsfetzen früherer Identitäten tauchen plötzlich in ihrem Gedächtnis auf.
Dass die Willenlosigkeit der Aktiven nicht völlig absolut ist und brüchig wird, war zu erahnen und ist schon aus filmdramaturgischen Gründen fast zwangsläufig – die permanente Wiederholungsschleife von neuen Persönlichkeiten und ihrer Löschung muss unterbrochen werden, wenn überhaupt Handlung und Spannung erzeugt werden sollen; wenn aber die Aktiven beginnen, ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln, dann wird dadurch die Grundkonstellation der Serie früher oder später obsolet. Das ist nicht schlimm, macht es aber fragwürdig, ob das Konzept der Serie Spielraum lässt für mehr als drei Staffeln.
Ein anderes Problem erscheint gravierender, weil es nicht nur ein filmisches, sondern auch ein moralisches ist. Es ist klar, dass das Szenario des „Dollhouse“ Fragen nach Mündigkeit aufwirft, nach Konsens. Denn die Aktiven werden auf ihren Einsätzen nicht nur Situationen ausgesetzt, in denen ihr Leben in Gefahr ist, sie agieren auch als sexuelle Dienstleister – in jedem Fall handelt es sich um Extremsituationen, auf die keinerlei Einfluss haben.
Die moralische Frage hier ähnelt dem Dilemma, das Pedro Almodóvar in seinem Film „Sprich mit ihr“ aufbrachte: Darf man mit einer Koma-Patientin Sex haben – sie merkt es ja nicht? Die Antwort ist, rechtlich wie moralisch, sicher ein Nein. Dass die Aktiven vor ihrem Eintritt ins Dollhouse der Löschung ihrer Persönlichkeiten zugestimmt haben, macht die Sache ein wenig komplizierter – aber auch nur ein wenig: Denn durch die Löschung ihrer Persönlichkeit begeben sie sich in einen Zustand der Unmündigkeit, und in diesem Zustand können sie dem, was mit ihnen geschieht, nicht mehr zustimmen oder sich ihm verweigern – was bedeutet, das alles, was mit ihnen im Dollhouse geschieht, einen Missbrauch darstellt, an Seele, Körper und Geist.
Nun ist natürlich nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Fernsehserie solche Themen aufgreift und diskutiert. Nein, dagegen wäre gar nichts zu sagen – wenn die Situationen, denen die Aktiven ausgesetzt werden, nicht gar so sehr an erotische (Männer-)Fantasien erinnerten. Die Szenarien, in die Echo geworfen wird, sind fast immer sexuell aufgeladen und dienen nicht zuletzt dazu, Echo selbst entsprechend in Szene zu setzen: Selbst in ihrer Rolle als Spezialistin für Entführungsfälle, deren Persönlichkeit sie gleich in der ersten Folge übernimmt, ähnelt sie mit strenger Brille, straff zurückgebundenem Haar und deutlich zu eng sitzender, halb geöffneter Kostümbluse leider ein bisschen zu sehr der toughen Geschäftsfrau in der Eingangsszene eines Softpornos, kurz bevor sie vom muskulösen Heizungsinstallateur auf ihrem Schreibtisch gevögelt wird.Freilich: Erotische Fantasien sind ja nicht Schlechtes, selbst stereotype nicht; und „Dollhouse“ ist weder die erste noch die letzte Serie, die sich solcher Schablonen bedient. Das Problem ist, dass diese Klischees im Kontext der Handlung von „Dollhouse“ gerade den Diskurs über die Entmündigung der Figuren unterminieren und das Ganze etwas fragwürdig erscheinen lassen – denn der Zuschauer wird dadurch in eine Situation gebracht, in der er selbst die Aktiven permanent objektiviert. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass das von Joss Whedon sogar beabsichtigt ist – aber vielleicht überschätzt man mit dieser Vermutung doch auch die Selbstreflektiertheit der Serie, und es geht letztlich dann doch nur darum, Dushkus Oberweite ins Bild zu setzen.
Das ist – ganz abgesehen von moralischen Implikationen – zwar fraglos ästhetisch gefällig, aber vom Blickwinkel künstlerischer Originalität aus gesehen doch auch ein bisschen enttäuschend. Nach den komplexen und selbstbewussten weiblichen Charakteren, die Whedon für „Firefly“ erfand, erscheinen in „Dollhouse“ nicht nur die „Puppen“ ein wenig persönlichkeitsarm: Zwar haben in dem Netz aus Intrigen und Geheimnissen alle Figuren etwas zu verbergen – so richtig interessant werden sie dadurch aber nicht.
Letztlich ist dies wohl auch die größte Schwachstelle der Serie: Keine Frage, das Konzept ist faszinierend; die Ästhetik fängt stilsicher die subtil düstere, anti-utopistisch futuristische Atmosphäre ein, die Whedon so gut beherrscht; und der Plot ist ein komplexes, elaboriertes Gespinst aus falschen Fährten und langsam enthüllten Geheimnissen. Vielleicht ist aber das Konstrukt doch ein bisschen zu elaboriert: Denn die Komplexität der Handlung zwingt die Charaktere in die Rolle von Schachfiguren – für Charakterentwicklung bleibt da kein Raum.









2 Kommentare
Buffy startete 1997.
Der „Erfolg“ hängt von der Quote ab und dem guten Willen der Verantwortlichen bei Fox. Alles andere ist nahezu egal. Leider. Firefly hätte man auch nie einstellen dürfen. Quali hält keine Serie auf Sendung. Kaum eine gute Serie hat es in den letzten 10 Jahren auf mehr als 3 Staffeln gebracht, auch wenn die Kreativen gerne mehr produziert hätten. Extrem viele kriegen das Cancel in der ersten Staffel verpasst.
Das Dollhouse ist längst kein Experiment mehr, sondern läuft ganz regulär. In Niederlassungen die um den ganzen Globus verteilt sind.
Das Dollhouse ist eine privat betriebene, kriminelle Vereinigung und schert sich einen *beep* um Moralität und Recht. Die wollen das die Kasse stimmt und sie ihre Ziele erreichen.
Beim letzten Teil muss ich echt komplett widersprechen.
Das was Whedon hier negativ angelastet wird (no offense), ist exakt das was die Serie gut macht. Whedon hat eben Rückgrat. Würde es das Dollhouse in Realität geben, wäre das genau was passieren würde: das Kunden die Dolls auch zum Sex anfordern. Genau deshalb ist Whedon gut, weil er hier keinen auf Disney-Film macht und irgendeine heile Zuckerwelt aufbaut, die jedoch letztlich vollkommen an jeder Realität vorbei läuft. Das wäre, was bei mir Enttäuschung hervorrufen würde und mich denken ließe, dass hier das Konzept verschenkt wurde.
Sollte die Serie eine Chance über die zweite Staffel hinaus erhalten, denke ich auch nicht das sie zwangsläufig so weiterlaufen müsste wie bisher. Die in Staffel 1 aufgebaute Welt bietet viele Chancen für viele Szenarien. So ist es ohne weiteres denkbar, das Echo ab einem gewissen Punkt nicht mehr zu den Actives im Dollhouse gehört, sondern sich daran macht aufzuklären wer die wirklichen Betreiber des Dollhouse sind und versucht diesen das Handwerk zu legen. Dieses Potential wurde ja schon einmal kurz angedeutet „The Dollhouse deals in fantasy, but this is NOT their purpose“.
Ich finde außerdem, dass man Echo Unrecht widerfahren lässt, wenn man sie nicht als starken Char sieht. Es gab ja viele Momente in denen klar zu verstehen gegeben wurde, dass sie zwar im Augenblick in einer miesen Situation stecken mag, aber trotzdem kein hilfloses Opfer, oder ähnliches, ist. Zu oft hat sie auch ausgeteilt und ihren Doll-State kann man damit auch genauso gut als Erklärung ansehen, wieso es überhaupt noch möglich ist sie zu kontrollieren.
Alles in allem betrachte ich also eine Einstellung der Serie seitens Fox als deutlich größere Bedrohung, als das Whedon in 2 Staffeln die Stories für das Konzept der Serie ausgehen würden. Er ist ja zudem auch nicht „allein“, sondern hat sein mehr als bewährtes Team von kreativen Leuten wie Tim Minear und Jane Espenson als zuverlässige Verstärkung dabei.
Ich möchte nur einwerfen, dass die in-Szene-Setzung von Dushkus Oberweite und die ständige sexuelle Aufgeladenheit an mehrer Stellen von Joss Whedon und anderen als eine Art mission statement präsentiert und somit extrem gewollt ist: Dollhouse scheut sich als eine Serie über Serien nicht davor uns Zuseher selbst in die verzwickte Position zu bringen, die sexuelle Aufgeladenheit zu bemerken. Wir Zuseher objektivieren Charaktere und Actives auch, nicht anders als die Dollhouse-Kunden und Paul Ballard. Wir Zuseher engagieren Woche für Woche einen Joss Whedon bzw. Topher Brink, uns einen neuen Charakter-Cocktail zu unserer (oft auch sexuellen) Unterhaltung zu mixen. Diese Doppelbödigkeit der Serie, ihre für mich von Anfang an explizierte Meta-Ebene also Kommentar darüber, dass Actives Actors sind und wir Zuseher somit einen wichtigen Teil der Gleichung darstellen, kann ich aus allem was ich von den Leute dahinter (und allem, was ich am Schirm gesehen habe) nicht überbewerten. Für mich ist das da.
Und bezüglich Charakterentwicklung: Stimmt, die erste Staffel hat noch nicht so viel zu bieten. Wie jede erste Whedon-Staffel, um ehrlich zu sein. Hier wird nur das Universum ausgelegt, eine Prämisse definiert. Die einzige tatsächliche Charakterentwicklung hat mich aber doch sprachlos und begeistert zurückgelassen: Paul Ballard. Der ging seinen Weg über 12 Folgen und endet ganz woanders als da wo er anfing.