1125

Alles ist durchleuchtet

Sie sind unsichtbar, gefährlich und der letzte Schrei unter Technik begeisterten Künstlern. Statt mit Pinsel oder Kamera arbeiten ein New Yorker und ein Brite mit Röntgenstrahlen.

von Christoph Strobel

veröffentlicht am 24. Mai 2009

Die Analyse dessen, was sich unter der Oberfläche befindet, und die Suche nach dem, was die Dinge antreibt, fasziniert Philosophen, Wissenschaftler aber auch Künstler. Der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte 1895 unsichtbare Strahlen, mit deren Hilfe sich Abbilder des Körperinnern erstellen lassen. Jean-Paul Sartre befasste sich – stark vereinfacht – in seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ mit der Beziehung des Äußeren zum Innern. Und Hollywood verkleinerte in den Science-Fiction-Filmen „Die phantastische Reise“ (1966) und im Remake „Die Reise ins ich“ (1987) ein Team von Wissenschaftlern samt U-Boot, so dass sie in einen menschlichen Körper injiziert werden konnten.

Wenn der New Yorker Satre Stuelke, 44, den Dingen auf den Grund geht, ist er Wissenschaftler, Philosoph und Künstler zugleich. Mit einem Computertomographen, der normalerweise zur Diagnose und Darstellung des menschlichen Körpers eingesetzt wird, erstellt der Medizinstudent dreidimensionale Innenansichten von Alltagsgegenständen. Rund 70 Objekte hat Stuelke bereits mit Röntgenstrahlen von allen Seiten durchleuchtet und die Aufnahmen in kunstvolle Animationen umgewandelt, darunter Spielzeuge, Lebensmittel oder auch Haushaltsgeräte.

Bild: (c) radiologyart.com

Big Mac von Satre Stuelke (radiologyart.com)

Stuelke geht es darum, die verborgenen Seiten des Alltags zu entdecken und zu veranschaulichen. Ein „iPhone“ mit seinen Platinen, Transistoren und Verbindungen sieht aus wie das blaugefärbte Aquarell eines Stadtplans. Der Scan einer „Barbie“ offenbart überraschend eine skelettartige Struktur in den Beinen der Puppe, und die Schwarzweiß-Abbildung einer russischen Matrioshka-Puppe erinnert an einen mystischen Torgang. Bei der kunstvollen Bearbeitung der Aufnahmen setzt Stuelke neben einem Apple-Computer und Photoshop-Software auf sein Know-how als langjähriger Kunstdozent unter anderem an der School of Visual Arts in Manhattan.

Bei einigen Aufnahmen ließ Stuelke sich von den Lebensmittel-Motiven des Fotografen Robert Heinecken inspirieren. „Big Mac“ und „Chicken McNuggets“ von Mc Donald’s, ein Fertiggericht von Swanson mit der Bezeichnung „Hungry Man TV Dinner“, aber auch eine Banane landeten unter dem CT-Scanner des Weill Cornell Medical College. Keine leichte Aufgabe für Stuelke: „Versuchen Sie mal in Manhattan eine Banane zu finden, die keine Macken hat.“ Das Ergebnis lässt sich wie die meisten seiner Aufnahmen, die er auf radiologicalart.com veröffentlicht, in alle Richtungen drehen und wenden. „Wer hätte gedacht, dass „Chicken Mc Nuggets“ so umwerfend schön sein können?“, lobt der Künstler sein Werk.

Neben Satre Stuelke gehört Nick Veasey zu den bekanntesten Künstlern, die die Röntgentechnik für ihre Arbeiten verwenden. Der Brite durchleuchtet mit Vorliebe Insekten, Musikinstrumente oder Kleidungsstücke, aber auch größere Objekte wie einen alten Austin Mini. Die Motivation für seine Kunst erklärt Veasey mit Metaphern: „Wir alle wissen, dass wir ein Buch nicht nach seinem Umschlag und wahre Schönheit nicht nach dem äußeren Schein beurteilen sollten.“ Gleichzeitig will er mit seiner Kunst ein Zeichen gegen die alltägliche Überwachung durch Röntgenstrahlen setzen. Für die gefährliche Arbeit hat Veasey einen speziell abgeschirmtes Studio errichtet und mit Strahlenmessgeräten ausgestattet. Bilder seines Ateliers und seiner besten Arbeiten hat Veasey auf nickveasey.com veröffentlicht.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Pflichtfelder sind mit einem * markiert

*
*

Unter Uns

Eine berechtigte Frage. Wir haben das neue Jahr zum Anlass genommen, eine vorläufige Antwort zu formulieren.

Zum Redaktionsblog »

Über Uns

Solokarpfen ist ein Ort für Texte, die sich hintergründig und analytisch mit dem Zeitgeschehen befassen, die überraschend sind oder einfach nur unterhalten wollen. Texte zur Sache, Texte mit Meinung, Texte, die ein Umfeld verdienen, das nicht von Anzeigenkunden, Verlagsstrategien, Suchmaschinen- und Zielgruppenvorgaben dominiert wird.

Weitere Informationen »