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Oder bin ich von gestern?

Bei „Platte“ denken heute die meisten an missglückten sozialen Wohnungsbau. Es gab aber mal eine Zeit, da verstand man darunter einen Tonträger. Welche Zukunft hat das Musikalbum?

von Johannes Eber

veröffentlicht am 16. September 2009

Der kommende Freitag wird ein guter Tag. Ich werde mir eine CD kaufen. Wo, das weiß ich noch nicht. Einen Plattenladen meines Vertrauens gibt es nicht. Schon lange nicht mehr. Ich kaufe nämlich keine CDs mehr. Eigentlich. Nur bei absoluten Lieblingsbands überkommt mich das Verlangen, eine Ausnahme machen zu müssen. Bei der Berliner Band Element of Crime zum Beispiel. Am Freitag erscheint ihre neue Platte.

Ich werde also ein Geschäft mit CD-Abteilung aufsuchen, knapp 20 Euro zahlen, wieder nach Hause gehen und die CD in den Laptop schieben. Parallel zum ersten Hören werde ich die Musik auf den Rechner laden, dazu das Booklet durchblättern, die Texte mitlesen. Vermutlich wird die CD dann noch ein paar Tage auf dem Wohnzimmer-Tisch liegen bleiben, bevor sie in den Schrank zu den anderen CDs wandert. Dort wird sie über Jahre unberührt verweilen. Denn Musik höre ich nur noch über den Computer.

Meine erste selbstgekaufte Platte: "Misplaced childhood" (1985) von Marillion

Meine erste selbstgekaufte Platte: 'Misplaced childhood' (1985) von Marillion

Der Kauf einer CD scheint im doppelten Sinne antiquiert. Erstens ist das Speichermedium “Compact Disc” gar nicht mehr nötig. Es stammt aus einer Zeit, als die Übertragung von Dateien via Internet und die Speicherung großer Datenmengen auf Computern noch in den Kinderschuhen steckte. Diese Zeiten sind vorbei. Es ist ziemlich egal, ob die digitale Musik auf einer extra dafür angefertigten Plastikscheibe gespeichert wird oder auf der nicht weniger runden Festplatte des eigenen Computers. Der einzige Unterschied ist monetär: CDs sind teuer. Zweitens ist der Speicherplatz auf einer CD beschränkt. Maximal 80 Minuten passen darauf. Zwar ein Fortschritt zur LP (auf der ist nur für rund 45 Minuten Musik Platz), aber dennoch eine technische Beschränkung, die von gestern ist. Auf heutige Festplatten passen tausende Stunden Musik.

Warum also noch Musikalben auf CD? Aus Nostalgie? Aus Gewohnheit? Kaufen die Silberscheibe nur noch jene, die mit ihr groß geworden sind? Oder liegt dahinter ein tieferes, grundsätzlicheres Bedürfnis?

Vergangene Woche hat der Computer- und Softwarehersteller Apple auf seiner Musikplattform iTunes eine neue Funktion gestartet. Wer dort unter dem Namen „iTunes LP“ Alben kauft, erhält mehr als nur die Songs. Illustrierte Texte, Kommentare zur Entstehung, Booklets, Interviews, Videos und Bandfotos gibt es zur Musik dazu. Es ist der Versuch, dem Album zum Comeback zu verhelfen. Einzig das haptische Erlebnis fehlt.

Die Kritik ließ nicht auf sich warten. Der Musikfan verlange nach einzelnen Songs, statt nach Alben und überhaupt sei das LP-Konzept nicht auf das tonträgerlose Zeitalter übertragbar. — Ich glaube das nicht. Die CD mag aussterben, das Album-Format nicht. Es ist unabhängig vom technischen Fortschritt, so meine begründete Hoffnung.

Andere Unterhaltungsformen stützen meine These. Spielfilme haben sich in den vergangenen 100 Jahren stetig verändert. Sie wurden schneller, ausgereifter, authentischer. Was weitgehend gleich blieb: die Länge. 90 Minuten haben sich als für die Zuschauer angenehme Zeitspanne erwiesen. Ähnlich ist es bei Konzerten, Opern, Theaterstücken. Diese Formen der Unterhaltung mögen sich, was Inhalt und Präsentation betrifft, verändert haben – die „Menge“ aber blieb weitgehend gleich.

Denn der Mensch liebt das Erlebnis. Es beginnt mit der Vorfreude (z.B. Ankündigung der CD-Veröffentlichung, Kauf der Konzertkarte), es folgt die Vorbereitung (Fahrt zum Konzert, Kauf eines Buches); die Anspannung vor dem Start (Auspacken des Buches, Erlöschen der Lichter im Konzertsaal); dann das Ereignis selbst, mit Höhen und Tiefen, Anspannung und Entspannung; gegen Ende gern ein dramatischer Höhepunkt, gefolgt vom Ende, der Erlösung, gepaart mit Erschöpfung.

Wie gesagt: Wir Menschen lieben solche Erlebnisse. Sie passen in unseren Tagesablauf, in den Zeitrahmen unserer Freizeit. Wir wollen diese vier, fünf Stunden pro Tag auch mit Nachhaltigem füllen. Es soll sich etwas im Langzeitgedächtnis einnisten. Was uns Erinnerung schenkt. Und: Wir wollen eintauchen können, aus dem Alltag entführt werden. Ein einzelner Song schafft das nicht. Er ist zu kurz. Einem Album, das wir lieben, gelingt es. Es ist nicht so lang wie ein Konzert oder ein Film. Aber nicht aufgrund technischer Beschränkungen, sondern weil beim Menschen der Seh- den Hörsinn dominiert. Wo die Augen nichts zu tun haben, geht die Aufmerksamkeit schneller verloren. Deswegen sind Musikalben kürzer als Spielfilme, aber noch lange genug, dass sich Vorfreude einstellt, man den Weg zum Media-Markt auf sich nimmt und es sich zu Hause erst gemütlich macht, bevor man die Playtaste drückt. So, wie auch ich es am kommenden Freitag tun werde, bevor die ersten Töne von „Immer da wo du bist bin ich nie“ erklingen werden. In Vorbesprechungen dieser Platte habe ich gelesen, die Musik solle schwer depressiv machen. Ich freu’ mich schon drauf.

3 Kommentare

  1. marco schrieb am 16.09.2009

    ich kann dem autor nur zustimmen, dass das albumkonzept auch losgelöst vom speicherformat cd sinn macht.
    die musiker werfen die lieder ja auch nicht einfach chronologisch auf die cd…ich nehme schon an da ist konzept dahinter.
    auch finde ich das manche songs erst im albumkontext wirklich wirken…

  2. Danke für diese Meinung! Mir kamen in letzter Zeit ähnliche Gedanken.

    Ich bin aber eigentlich der sicheren Überzeugung, dass die Künstler das Albenkonzept nicht aufgeben werden – selbst wenn es überhaupt keine physikalischen Datenträger mehr geben wird.

    Allerdings glaube ich auch nicht, dass physikalische Datenträger an sich komplett aussterben werden. Ich selbst kann von mir behaupten, ein Problem damit zu haben, die gleiche Summe Geld anstatt für einen physikalischen Datenträger für digitale Daten egal ob mit oder ohne digitalen Zusatzangeboten zu bezahlen. Es ist was anderes etwas in der Hand zu halten oder nur auf der Festplatte oder dem MP3-Player liegen zu haben.

    Ich werde mir von nun an wahrscheinlich wenn ich mir physikalische Datenträger zulege (was ich aktuell wie der Autor auch nur bei besonderen Lieblingsbands mache) keine CDs sondern richtige Schallplatten (wenn verfügbar) kaufen. Ich finde das Format irgendwie besser und habe wie der Autor eigentlich auch wenig wirkliche Verwendung für CDs. CDs lege ich auch nur einmal ein um den Inhalt zu digitalisieren. Die digitalen Daten kann ich mir aber auch auf anderem Weg besorgen. Interessant finde ich auch die zur Zeit öfter angebotenen Paketen aus Schallplatte und digitalem Download.

  3. Ich liebe es, die CD in den Händen zu halten und das Booklet per Hand durchzublättern… Ich brauch das haptische Erlebnis… daher kaufe ich von meinen Lieblingskünstlern CDs – auch wenn ich die Musik überwiegend auf dem Rechner höre.

    Allerdings kaufe ich oft erst Monate nach dem Release, da die Preise dann sinken. Schau mich um, wo es die CD günstig gibt.

    Der hohe CD-Preis zu Releasestart hängt in Deutschland auch damit zusammen, dass bei der Bewertung für die Charts nicht die verkaufte Stückzahl, sondern der Umsatz zählt. Eine CD, die 20 Euro kostet, zählt dann doppelt so stark, wie ein CD, die nur 10 Euro kostet…

    Wartet man 3 Monate ab, sinken die Preise meist. Leider sind Online-Stores meist viel günstiger, als der „Real Life“-Einzelhandel… bzw. Saturn, Media Markt u. Co.

    Sollte die CD wirklich mal aussterben,werd ich viele Tränen weinen.

    Liebe Grüße
    Brigitte

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