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Eine ungewohnte Mischung

KiloWatts & Vanek ist ein ebenso szene- wie kontinentübergreifendes Projekt. Während der Singer/Songwriter Peter van Ewijk in Belgien an Ideen für neue Songs feilt, tüftelt der Amerikaner Jamie Watts ein paar tausend Kilometer weiter in Philadelphia an neuen Sounds.

von Philipp Strobel

veröffentlicht am 15. September 2009

Vertrackte Beats und elektronische Effekte treffen hier auf sanfte Gitarrenballaden. Eine interessante Mischung, die von einer Plattenfirma wie Dependent so nicht zu erwarten war. Sanfte Gitarrenballaden bei einer Dependent-Veröffentlichung … Moment! Dependent? Label-Chef Stefan Herwig hatte doch vor gerade einmal zwei Jahren erst beschlossen, keine physischen Tonträger mehr zu veröffentlichen. 2007 war illegales Filesharing, unter anderem, für ihn zu einem ausreichend großen Problem geworden und er resignierte: Dependent sollte fortan keine CDs mehr veröffentlichen.

Dadurch entstand eine schmerzliche Lücke, war das Label doch vor allem für ein glückliches Händchen bei der Entdeckung neuer und Förderung erfolgreicher Acts aus dem Elektronikbereich bekannt. Die Speerspitze des Future-Pop, bestehend aus Apoptygma Berzerk, Covenant und VNV Nation, veröffentlichte regelmäßig bei Dependent; daneben hatte das Label mit Bands wie Velvet Acid Christ, Babyland, Dismantled, Ivory Frequency oder dem Aushängeschild Suicide Commando auch ein beeindruckendes Repertoire für Fans des härteren Elektro-Sounds im Programm.

Zwei Jahre später, 2009: Neustart. Stefan Herwig ist mit Dependent wieder zurück am Puls der Zeit. Neben einer neuen Single der Synthpopper Mesh und „Septic VIII“, der Fortsetzung der Kult-Compilation-Reihe, steht die Veröffentlichung von „Focus And Flow“ an, dem Label-Debüt von KilloWatts & Vanek. Bedenkt man, dass KiloWatts & Vanek ihre erste Veröffentlichung auf dem „Soulseek Allstars Volume 1„-Sampler hatten, – einer Compilation der bekannten Filesharing-Plattform Soulseek – ist es umso erstaunlicher, dass Stefan Herwig das bisher nur auf der Webseite der Band in digitaler Form erhätliche Album auf seinem Label veröffentlicht.

Im „Hyberdized„-Forum der Gruppe Hybrids entdeckte Herwig vor einiger Zeit einen Link zu KiloWatts & Vanek. Von seiner Begeisterung motiviert, begann er nach einem deutschen Vertrieb für die beiden Ausnahmemusiker zu suchen. Fündig wurde er zunächst bei Motor Digital, dem Onlinelabel des Motor-Music-Gründers Tim Renner, doch als physischen Tonträger wollte zunächst niemand „Focus & Flow“ veröffentlichen. Für Herwig war das der entscheidende Grund, Dependent wieder zu aktivieren: Mit zwei so engagierten Plattenfirmen im Rücken dürfte für KilloWatts & Vanek doch nun eigentlich nichts mehr schief gehen.

KiloWatts & Vanek

Ganze vier Jahre Produktionsarbeit hat es gedauert, bis es Jamie Watts und Peter van Ewijk mit „Focus And Flow“ gelang, ein Album mit einem bisher nicht dagewesenen Spagat zwischen Gitarrenpop und Breakbeat zu erschaffen. Eine Platte, die weniger für die Tanzfläche als vielmehr für die Chill-Out-Lounge gemacht ist. „Glitchpop“ und „Folktronica“ sind die Genre-Bezeichnungen, die die beiden Bandmitglieder selbst für ihren Sound wählen. Das passt. Und bedenkt man, dass schon im Jahr 2005 an der Entstehung von „Focus And Flow“ gearbeitet wurde, ist es umso erstaunlicher, wie sehr die beiden Internet-Freunde ihrer Zeit voraus sind. Schon im Opener „Morningstar“ schmiegt sich van Ewijks sanfte Stimme perfekt zu den akustisch-elektronischen Tönen. Ruhige Akkordfolgen, viele Clicks und ein paar Cuts: Dieses Lied ist eine Aufforderung zum Entspannen, ein Befehl zum Träumen. „Everything is forgotten“, heisst es da, und das trifft die Grundstimmung sehr gut.

Ganz anders treibt hingegen „After You“ mit einer beeindruckenden Dynamik nach vorn. Während das Anfangsriff noch an spätere The-Cure-Songs erinnert, wird im Mittelteil auch vor Drum & Bass-Elementen nicht zurückgeschreckt. Manche Geräusche sind einem hier völlig neu und lassen nur schwer ihre Entstehung erahnen. Steigt man wiederum erst bei Song drei („Solar Flare“) in das Album ein, ahnt man während der ersten Minute nicht, was hier alles gleich noch an elektronischer Wucht losgetreten wird. Die Gitarre am Anfang des Tracks täuscht einen ruhigen Popsong an, nur um danach fast völlig in einer Sphäre elektronischer Spielereien unterzugehen. Eigentlich hätte sich dieser instrumentale Song auch wunderbar beispielsweise als Hidden Track auf dem neuen Archive-Album „Controlling Crowds“ gemacht.

In „Blue Vapourtrails“ gibt es dann ein Wiederhören mit der bereits sehr vertrauten Stimme van Ewijks. „Run now“, „leave now and don’t come back again“, fordert er in „So Strange“. Kaum vorstellbar, dass er das wirklich ernst meint, so groß ist die Kluft zwischen den inhaltlich harten Worten einerseits und der klanglich versöhnlichen Stimme andererseits. Wäre da nicht diese gewisse Kantigkeit und die vielen Breaks, die die Soundatmosphäre bestimmen, könnten KiloWatts & Vanek vermutlich nur noch schwer von totgehörten Mainstream-Acts unterschieden werden. Beispielsweise in „Combray“: Dieser Song hat absolutes Hitpotenzial und ist ein heißer Anwärter für eine Single-Auskopplung. Vor allem auch für ein paar knallende Remixe anderer Künstler aus dem Dependent-Portfolio würde er sich gut eignen.

Dr. A-Funz von Arzt+Pfusch schreibt im Dependent-Forum: „KiloWatts & Vanek – the best music from Dependent in years“, und damit hat er dort eine rege Diskussion entfacht. In der Tat ist es das erste Mal seit Sulpher der Fall, dass auf einer Dependent-Veröffentlichung so klar Gitarrenklänge im Vordergrund stehen. Mit Seabound und Mind.In.A.Box sind zwar weitere Bands abseits des Elektro-Geknüppels im Labelprogramm, doch der Sound von KiloWatts & Vanek stellt in diesem Umfeld ein absolutes Novum dar. Mal erinnert der Gesamteindruck an aktuelle Veröffentlichungen von Depeche Mode, die Herangehensweise an frühe Sounds von Nine Inch Nails, die Atmosphäre an die Düsterheit bei IAMX, aber immer gibt es auch eine gewaltige Nähe zu Fricklern wie The Postal Service oder Apparat – die bezeichnenderweise auch auf dem neuen „Septic“-Sampler vertreten sind.

Bleibt zu hoffen, dass KiloWatts & Vanek auch innerhalb der Szene auf offene Ohren stoßen. Ihnen und auch Stefan Herwig wäre es sehr zu wünschen. Eine gewisse Stagnation im Bereich Electro ist ja nun schon seit Jahren zu beobachten – die Herren Watts & van Ewijk könnten mit „Focus And Flow“ die Möglichkeit haben, das zu ändern. Wenn schon vielleicht nicht in den Clubs, dann doch zumindest in den heimischen Stereo-Anlagen. Und vielleicht bietet sich für den ein oder anderen Nicht-Szene-Kenner nun auch mal die Gelegenheit, in den Backkatalog von Dependent reinzuschnuppern.

Interessant aber dürften auch die Live-Shows des Duos sein. Wie sich eine Band wohl auf der Bühne präsentiert, die keinen gemeinsamen Proberaum hat, sondern Musik durch E-Mail-Verkehr und Datenaustausch entstehen lässt. Immerhin war das erste Konzert der beiden Protagonisten auch ihr allererstes Treffen im echten Leben. Durch ihre eigenwillige Art der Komposition haben die beiden einmal mehr bewiesen, was die moderne Entwicklung für Fortschritte mit sich bringt. Dank einfacher Technik ist das Produzieren über den „großen Teich“ hinweg heute kein Problem mehr – Musik kann auch über eine weite Distanz genau so konstruiert werden, als würden die Musiker nebeneinander in einem Tonstudio sitzen. Durch hohe Reisekosten und andere Hürden wäre es vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen, dass kreative Köpfe, die nicht in der gleichen Stadt oder zumindest im gleichen Land leben, musikalisch zusammenarbeiten. Und das ist nur ein Grund, warum Technik als Medium nicht verteufelt werden sollte – trotz vermeintlich negativer Entwicklungen, wie zum Beispiel dem illegalen Filesharing. Das musste sich letztendlich auch Stefan Herwig eingestehen.

(Dieser Text ist auch im Negatief Magazin erschienen.)

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