Ich war heute nicht demonstrieren. Ich habe keine Petition unterschrieben. Ich habe kein politisches Statement auf Facebook hinterlassen. Ich habe heute noch nicht mal viel über die Gesellschaft nachgedacht. Ich bin eine Vertreterin der „Generation Krise“, die vor kurzem im „Spiegel“ sehr treffend skizziert wurde. Mich zeichnen als Angehörige dieser Generation – deren Vertreter von sich selbst nie behaupten würden, dass sie eine Generation sind – nach Meinung älterer Generationen vor allem zwei Eigenschaften aus: Egoismus und Lethargie.
Es ist nicht so, dass ich mir über die Welt, unseren Kontinent oder unser Land keine Gedanken machen würde. Ich mache mir viele Gedanken, sehr viele sogar. Aber diese Gedanken führen zu keinem fassbaren Schluss oder zu irgendeiner Konsequenz, die ich daraus ziehen müsste. Und ich vermute mal, so geht es der Mehrheit meiner Alterskollegen zwischen 20 und 35. Dabei lebt die Generation Krise in einem Zustand ständiger Unsicherheit, gewissermaßen in einer Dauerkrise.
Wir schuften für lau in unbezahlten Praktika, wir studieren stromlinienförmig in Bachelor- und Masterstudiengänge unsere verschulten Programme ab. Wir lassen uns Zeitverträge, Minijobs und Ein-Euro-Jobs andrehen. Wir ziehen von Hamburg nach München, zwischendurch sammeln wir noch ein paar Auslandserfahrungen in Washington und Rio, gehen von dort nach Köln, um schließlich irgendwann in Mannheim einen befristeten Job zu finden. Wir sind wie Hamster im Rad – wir hören nie auf zu laufen. Das alles tun wir in der Hoffnung, dass es sich irgendwann auszahlen wird und wir wenigstens so leben können wie unsere Eltern. Wir kämpfen für Träume, die simpel und nicht besonders anspruchsvoll sind. Es sind Träume von einem Haus, einer Partnerschaft und einer Familie. Es sind Träume von einem Jahresurlaub in der Sonne, von Anerkennung im Job, von einer kleinen Beförderung.
Das macht uns in den Augen früherer Generationen zu Schwächlingen. Sie schauen auf uns mit Verachtung und werfen uns unsere Angepasstheit vor, so wie „Zeit“-Feuilletonchef Jens Jessen. „Wie könnt ihr Euch dagegen nicht wehren?“, fragen sie uns. „Warum macht ihr das mit?“ Die Antwort lautet: Weil es uns immer noch vergleichsweise gut geht. Zu gut jedenfalls, als dass wir genau beschreiben könnten, was uns eigentlich fehlt. Das aber wäre eine Grundvoraussetzung, um gemeinsam für eine Sache zu kämpfen.
Die Gesellschaft hat in den vergangenen zwanzig Jahren rasante Umbrüche erlebt. Das Scheitern des Kommunismus, die Balkankriege, den 11. September 2001, die Klimaerwärmung, die Globalisierung, die weltweite Vernetzung und schließlich die Krise des kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftssystems. Wollt ihr uns wirklich erzählen, ihr wisst, was in dieser Welt richtig und falsch ist? Vielleicht ist es das, was uns fehlt. Der Mut, auf den Tisch zu hauen und den Alten zu sagen: „Haltet den Mund. Wir suchen gerade nach unseren Ziele und unserer Identität. Aber wir sind noch nicht so weit.“
Eigentlich sind wir ja eine überaus angenehme Generation. Eine freundliche Generation. Vielleicht die sympathischste Generation, die es je gab. Diese Generation bringt nur selten Kämpfer hervor. Aber sie bringt auch keine Diktatoren und Despoten hervor. Wir wären trotzdem zu vielem fähig, weil wir so fleißig, so zäh, so gut ausgebildet, so diszipliniert sind. Wir könnten so vieles besser machen als frühere Generationen und wir werden das auch tun. Im Moment noch jeder auf seine Weise. Aber irgendwann, wenn wir ein Selbstbewusstsein als Generation entwickelt haben – dann vielleicht auch wieder gemeinsam.








6 Kommentare
Dass die Geschichte im Spiegel konstruiert ist und bereits vor fünf Jahren genau so hätte geschrieben werden können, steht außer Frage.
Ebenso wie die Hälfte dieses Textes schon in frühere Zeiten gepasst hätte. Die Verlinkung des Jessen-Textes aus 2008 zeigt symptomatisch, dass dieses Generationengeschreibe eigentlich immer dasselbe sagt: Generation Leistungsdruck. Generation Chancenlos. Generation Möchtegern. Generation Spießrutenlauf.
Frage mich, ob es das früher auch gab? Dieses Generationenraten in einschlägigen Medien? Und dass frühere „Generationen“ Ziele, Ideale hatten, zumindest mehr, als es heute der Fall ist, wage ich auch zu bezweifeln. In der Retrospektive sieht sowas immer verklärter aus.
Sehe ich genauso. Mich hat dieser flache Spiegelartikel genervt, weil er zu einseitig ist. Und weil er nicht versteht, dass wir verstanden haben.
Wir haben nicht diese generelle Kontra-Haltung, weil wir die Welt begriffen haben, in der wir leben. Wir formen sie, indem wir tun.
Nicht lamentieren.
Wir sind fleißig – nicht laut.
Ich fand die Geschichte im Spiegel weder flach noch einseitig, sondern ausgewogen, weil er nämlich nicht nur die Leute gezeigt hat, die irgendwie in Berlin wohnen und was mit Medien machen (typisches Krisenklientel) sondern auch ganz normale Arbeiter, die beim Autobauer am Band stehen, Leiharbeiter nämlich.
Konstruiert – ja, aber das sind solche Geschichten zwangsläufig. Denn natürlich sind nicht alle jungen Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, es gibt bestimmt auch welche, die sich ne goldene Nase verdienen (mir fällt allerdings gerade keiner ein).
Klar ist doch, dass es sowas wie einen roten Faden gibt, der sich durch unsere Generation (ich weiß, dass ihr das Wort hasst) zieht. Harte Arbeit aber trotzdem die Unsicherheit, ob sie jemals etwas bringt.
Aber, Sönke da gebe ich dir recht, wir lamentieren nicht sondern sind fleißig. Und ich finde, darauf können wir stolz sein. Das wollte ich mit der Sympathie für meine Generation ausdrücken. Wir können selbstbewusst auf den Tisch hauen und sagen: seht her, was wir so leisten. Ihr habt kein Recht, uns schlecht zu machen.
Wo ich mir noch nicht sicher bin ist, wie Du sagst, dass wir die Welt formen. Und auch, dass wir sie begriffen haben, möchte ich bezweifeln.
„So wie nie eine ältere Generation wusste, was besser für die Jüngeren war.“
Das sehe ich anders. Früher war nicht alles besser, aber früher war die Welt beständiger, so dass viele, nicht alle, Generationen gut daran getan haben, ihre Nachfolger „zu erziehen“.
Vielleicht ist es ein Problem, dass unsere Vorgänger selbst aus einer Generation der Rebellen bestehen, die irgendwann herausgefunden haben, dass sich im Deutschland zum Ende des letztes Jahrhunderts ein recht schönes, beständiges Leben einrichten lässt – und jetzt um jeden Preis diese Sicherheit gegen „die Jungen“ verteidigt. Ihnen aber gleichzeitig die selben Phantasien einer heilen Welt unter die Nase reibt…
„Und auch, dass wir sie begriffen haben, möchte ich bezweifeln.“
Ich ebenso.
Wenn wir nicht lernen, NEUE Ansätze zu verfolgen, dann wird das ewige Spiel weiter gehen, in dem jede Generation nur auf die Fehler der vorherigen REAGIERT. Ausweicht, vermeidet, rebelliert und letztendlich abhängig bleibt. Wir haben in dem Spiel keine Sonderstellung, nur weil sich gerade unsere Generation in der Gegenwart befindet. Das ist leider nur abstrakt.
Netter Artikel
Die Frage ist auch, was wir mit unserem System noch anfangen wollen in Hinsicht auf exorbitante Staatsschulden, nicht zu bezahlende Zukunftsschulden etc. Wir leben seit über 100 Jahren in einem System, das permanent Schuldenpyramiden generiert, die uns regelmäßig um die Ohren fliegen und unsere Gesellschaften in immer tiefere Krisen führt. Diese Systeme kollabieren in regelmäßigen Abständen von 60-80 Jahren. Wie alt war noch einmal die BRD :) ?
Wir werden warscheinlich nicht zu einem gedeckten Geldkreislauf kommen, weil sich die Mehrheit der Welt für den Turbokapitalismus entschieden hat und wir auf Gedeih und Verderb auch nach einem Reboot des Systems- wie z.B. 1948 nach der Geldreform- weiter frische Schulden machen müssen. So müssen wir jetzt eben alle in der Realität dieser letzten Zuckungen unseres Systems verharren und werden vielleicht zur vergessenen Generation. Ein Wunder wäre es, wenn wir einen stabileren Geldkreislauf erleben könnten. Ansonsten plädiere ich dafür, dass wir eben wie Oma und Opa durch schwere Zeiten durch müssen, alles verlieren, ein paar Mal wieder von vorn anfangen, um in 60- 80 Jahren unseren Enkeln und Urenkeln wieder einen Trümmerhaufen zu hinterlassen.