Ich bin gestern auf dem studentenbewegungserprobten Campus der Freien Universität Berlin unterwegs gewesen. Vor den Instituten, die in Villen untergebracht sind, sonnen sich ein paar Studierende beim Streikgespräch. Protest muss ja nicht bleich machen. „Reiche Eltern für alle“ fordern die Philosophen auf gelben Laken, die ein oder andere Wand ist mit Parolen besprüht, die Ethnologen haben ganz oldschool die Natursteingartenmauer vor ihrem Institut mit Pinsel und Farbe politisiert.
Traditionsgemäß ist das OSI besetzt, wie auch sonst, ohne wär’s ja kein echter Bildungsstreik an der Freien Universität. Ebenso traditionsgemäß beteiligen sich dann auch keine fünf Prozent der Studierenden an der Vollversammlung, dort aber feiert das Totholzmedium Flugblatt fröhliche Urständ, die Forderung nach freierer Bildlung, besseren Studienbedingungen, mehr Lehrpersonal und Mitbestimmung muss in einen globalen Kontext gebracht werden. Talkin about a revolution? Naja, auch die Blätter der Streikgegner fliegen en masse herum.
Zum Auftakt der studentischen Vollversammlung springen Kommilitonen mit dem Megafon durch die Mensa, sie wollen noch ein paar Hungrige zum Protest überreden, werden aber eher ausgelacht. Ansonsten ist schon um 13:00 Uhr das halbe Mensaangebot weggefuttert, die Mensa auch nicht leerer als sonst, dabei sollten die Studis doch gerade vollversammeln…
Ein paar ganz Engagierte besetzen am Nachmittag das Präsidium der Uni. Und das obwohl doch der Präsident sich schon vor beinahe zwei Wochen quasi hinter die Proteste gestellt hatte und es allen Unimitgliedern nahe legte, zur heutigen Demo zu gehen. Aber bei der Besetzung seiner Hütte hört die Solidarität auf, soweit kommt’s noch, mit den Chaoten den Raum zu teilen, dann doch besser polizeilich „brutal“ räumen lassen. So der AStA. Auch das hat Tradition. Laut dem Universitäts-Medienpartner Tagesspiegel verlief das Ende der Besetzung friedlich.
Am frühen Abend entfernt die Polizei noch ein paar Straßenkreuzungsblockierer. Kriegt nur alles kaum einer mit, denn es findet im beschaulichen Westberliner Villenviertel Dahlem statt.
Im Seminar ist es die Professorin, die zum Protestieren aufruft, weil ihre Studierenden erwartungsgemäß vor ihr sitzen, statt zu streiken. Der Grund, warum ein Student ihren Aufruf unterstützt, ist: damit die Radikalen nicht den Protest bestimmen. Immer schön brav bleiben, auch wenn es darum geht, Kritik zu äußern. Die liberale Hochschulgruppe hat das in ihrem zeitlos-ängstlichem Antikommunismus schon im Vorfeld gefordert.
Andernorts sieht es wohl ähnlich aus wie an der Freien Universität.
Es ließe sich so herrlich über diese regelmäßig wiederkehrenden Rituale ätzen. Einfach über Revolutionsromantiker und die protestfaule Mehrheit lästern. Wenn es nicht so traurig wäre.
- Weil Bildungspolitik immer wieder in den Mühlen des deutschen Föderalismus untergeht. Jedem Kleinstaat seine Schulreform, aber besser kein tragfähiges Gesamtkonzept. Stattdessen jagen wir uns bei den Pädagogen lieber gegenseitig die Lehrer ab, wobei reiche Länder natürlich Vorteile haben. Sozialdarwinismus für die Kleinsten.
- Weil genau den aber auch die Eltern betreiben. Während es den Eltern aus dem Prekariat oft an einem Zugang zur Wichtigkeit des Schulbesuchs ihrer Eltern fehlt, sagt die Bildungselite trotz allem theoretischen Reformwillen: Mein Kind spielt nicht mit den Schmuddelkindern, ich wil, dass es eine Gymnasialempfehlung erhält.
- Weil Tanja Recht hat.
- Weil seit Jahren alle Studien aufs Neue zeigen, dass es der elterliche Gedlbeutel ist, der über die Chancen des Nachwuchses im deutschen Bildungssystem entscheidet. Da haben auch Studiengebühren nichts daran geändert und auch die Gesamtschule kommt gegen die soziale Herkunft nicht an.
- Weil die Bachelorstudiengänge so wunderbar funktionieren.
- Weil immer mehr Wissenschaftler keine festen Stellen mit Lehrverpflichtung an den Unis haben, sondern wenn überhaupt auf befristeten von Fördermitteln (u.a. aus der Privatwirtschaft) bezahlten Forschungsstellen sitzen und somit im regulären Unibetrieb nur bedingt integriert sind und vor allem in der Lehre fehlen.
Es fällt gar nicht so einfach, gegen dieses Wirrwarr klare Forderungen zu stellen, ohne gleich unrealistisch genannt zu werden. Hut ab, vor denen, die dennoch fordern und ihre Forderungen an die Öffentlichkeit bringen. Gut, dass hier immerhin Schüler und Studierende zusammen agieren, wo sonst bei Bildungspolitik jeder sein eigenes Süppchen kocht.
Mit einer einzigen Protestwoche wird es aber kaum getan sein. Erst recht nicht, wenn fast alle fernbleiben.
Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Spreeblick.








