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Warum gehen wir wählen?

Die Wahlbeteiligung bei der Europawahl war erschreckend niedrig, sagt die Politik, sagen die Medien. Ökonomen sehen das anders. Sie wundern sich eher, warum so viele Wähler Stimmzettel ausfüllen. Das nämlich ist eigentlich eine irrationale Handlung.

von Johannes Eber

veröffentlicht am 9. Juni 2009

Über die Interpretation der Zahl herrscht Konsens: 43,4 Prozent – die Beteiligung der Deutschen bei der Europawahl sei viel zu niedrig, klagen Politik und Medien. „Das ist kein Zustand, mit dem man sich in politischer Verantwortung abfinden kann“, sagt etwa der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmert (CDU). Und die Aachener Zeitung macht aus der Mehrheit der Deutschen gleich potenzielle Systemfeinde: „Sind die Verweigerer überhaupt noch Demokraten?“, fragt ein Kommentar. Und: „Die Demokratie ist ihnen doch egal. Sie sind Biedermänner. Sie drücken sich selbst vor dem einfachsten und fundamentalsten Engagement für dieses Gemeinwesen. Sie sind Brandstifter!“.

Wenn Ökonomen menschliches Handeln verstehen wollen, machen sie eine einfache Rechnung auf: Sie vergleichen Kosten und Nutzen. Leiste ich mir ein neues Auto oder verzichte ich darauf und fliege in den Sommerurlaub? Trage ich den Müll runter oder spare ich mir das Treppensteigen und nehme dafür in Kauf, dass es in der Wohnung muffelt? – Was bringt’s, was kostet’s? Unzählige Male täglich wägen wir Aufwand und Ertrag ab. Man muss dafür nicht einmal die Grundrechenarten beherrschen.

Diese intuitive Mathematik macht das Ausfüllen von Wahlzetteln zum Minusgeschäft. „Der Gang zum Wahllokal, möglicherweise das Anstehen, die Begegnung mit den Wahlhelfern, wird der Einzelne – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – als belastend, als wohlfahrtsmindernd, kurz: als Kosten empfinden“, schreibt der luxemburgische Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Guy Kirsch in seinem Lehrbuch „Neue Politische Ökonomie“. Den Kosten aber stünde kein Nutzen gegenüber. Das Gewicht des Einzelnen sei im politischen Entscheidungsprozess so klein, dass seine Stimmabgabe am Endergebnis nichts ändere. „Es ist demnach leicht erklärbar, warum in vielen Ländern die Wahlbeteiligung niedrig ist.“

Balkendiagramm

Balkendiagramm

Wenn aber der Gang ins Wahllokal nichts bringt, sondern nur etwas „kostet“: Warum werden dann überhaupt Stimmzettel angekreuzt? Warum ist die Wahlbeteiligung bisweilen sogar hoch, etwa bei der Bundestagswahl, wo vier von fünf Wahlberechtigten einen Zettel in die Wahlurne werfen?

Weil Gesellschaften trickreich sind. Trickreich im Verhindern von individuell rationalem, aber kollektiv schädlichem Verhalten. Wahlen sind ein solches Beispiel: Handelt jeder rational, geht am Ende keiner wählen – ohne Wahlbeteiligung aber funktioniert Demokratie nicht.

Deswegen definieren Gesellschaften Handlungen, die individuell nachteilig, aber kollektiv erwünscht sind, als moralisch. Je höher die individuellen Kosten, desto größer die Ehre. Im Kriegseinsatz etwa werden Hymnen geschmettert und Orden verliehen – und gestorben wird „für Volk und Vaterland“. Dort, wo maximale Kosten (der eigene Tod) entstehen können, wird die Rationalität durch Überhöhung des eigenen Lebens vernebelt. Für den Einzelnen endet diese Irrationalität bisweilen in der größtmöglichen Tragik, für die Gesellschaft ist ein solches Verhalten wünschenswert. Sie hält sich so gegen äußere Feinde verteidigungsfähig.

Bei demokratischen Abstimmungen sind die Kosten freilich weit niedriger. Die Logik aber ist die Gleiche: Die Moral erschafft einen eigentlich nicht vorhandenen Nutzen. Der Politikwissenschaftler und Mathematiker William Riker hat das „Paradox des Wählens“ schon vor vielen Jahren beschrieben: Wählen erzeuge einen Konsumnutzen, weil der Wähler ein Gefühl der Befriedigung erhalte, wenn er seinen staatsbürgerlichen Pflichten nachkomme, so Riker 1968 in der Fachzeitschrift American Political Science Review.

Ganz ausgeschlossen ist es übrigens nicht, dass eine einzelne Stimme wahlentscheidend werden kann. Ein anderer Wissenschaftler, der Ökonom Dennis Mueller, hat dies einmal ganz allgemein und theoretisch ausgerechnet: Bei 100 Millionen Wählern liegt die Wahrscheinlichkeit bei 0,006 Prozent.

Literatur:

  • William Riker und Peter Ordeshook: A Theory of the Calculus of Voting, 1968, American Political Science Review 62(1): 25-42
  • Dennis Mueller: Public Choice III, 2003, Cambridge University Press, Cambridge
  • Guy Kirsch: Neue Politische Ökonomie, 2004, Lucius &Lucius

4 Kommentare

  1. Ein Gedanke (eines Wählenden Bürgers): Beim Gang aus dem Wahllokal habe ich mch gefragt, wie mich dies beeinflusst, da die Politik doch immer wieder zeigt, wie wenig die Stimme des Bürgers zählt.

    Die Politik tanzt vor, wie unwichtig den BPolitikern der Auftrag der Demokratie ist: Irgendwo zwsichen Zensursula, Subventionspolitik und Gesundheitsreform ist der Nutzen der Politik und die Beteiligung des Bürgers verschwunden.

    Wenn etwas( aus der Argumentation des Artikels) keinen Nutzen hat, werden auch keine Kosten als akzeptabel erachtet.

    Finde ich als Demokrat ehrlich schade, aber ich lasse mir meine Gesinnung auch nicht von den Medien aberkennen.

  2. hab auf dich verwiesen :)

    http://totalerscheiss.wordpress.com/2009/06/08/europawahl-und-was-nun/#comments

  3. achso: im Kommentar 18

  4. @christine: :-)

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