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Generation NDW

In den 80ern stand NDW für „Neue Deutsche Welle“. Heute ist die Generation „Nach Der Wende“ gefordert, sich von Vorurteilen zu verabschieden und Geschichte neu zu schreiben.

von Ulrike Thiele

veröffentlicht am 9. Juni 2009

Zwanzig Jahre Mauerfall – das sind zwanzig Jahre voller Missverständnisse. Auf beiden Seiten des vierzig Jahre lang geteilten und mühevoll wieder zusammengeklebten Deutschlands herrscht auch heute noch viel Unwissen und Unverständnis über die jeweils anderen Deutschen. Die aktuell geführte Debatte über unsere Vergangenheit führt das Kommunikationsdesaster deutlich zutage. Immer wenn es darum geht, über die DDR zu sprechen, fängt einer an zu stammeln, ein anderer ist unheimlich empört und ein dritter tödlich beleidigt.

Das Gespräch über die DDR wird maßgeblich bestimmt von zwei Seiten: Die Seite derjenigen, die mit aller Vehemenz darauf bestehen, dass man dieses monströse System in all seinen Ausprägungen verdammen möge. So beispielsweise die CDU Mecklenburg-Vorpommerns, die die jüngsten Aussagen des SPD-Ministerpräsidenten Erwin Sellering in der FAS „unerträglich“ und „gefährlich“ fand. Zur Erinnerung: Sellering hatte verlangt, die DDR nicht als „totalen Unrechtsstaat“ zu verdammen.

Ost-Plattensammlung

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Die andere Seite ist die der trotzigen Ossis. Der trotzige Ossi ist einer, der sich von niemand anderem seine Geschichtsauffassung vorschreiben lassen will, schon gar nicht, wenn es um die eigene Geschichte geht. Und auch wenn er in der DDR unter Reisebeschränkungen, NVA oder mangelnder Berufswahl gelitten hat oder Menschen kannte, die darunter litten, schwört er heute Stein und Bein darauf, dass in der DDR nun wirklich nicht alles schlecht war. Jedenfalls nicht viel schlimmer als heute im vereinigten Deutschland. Klar, der Staat hat uns unterdrückt, aber heute unterdrückt uns der Boss, das Kapital, die Wirtschaft. Und wenn der trotzige Ossi diese Art Geschichtsrelativierung betreibt, dann weiß der Gegner von der anderen Seite sich nicht anders zu helfen, als die DDR mit dem Dritten Reich zu vergleichen. Woraufhin der trotzige Ossi sich noch mehr empört.

Grundsätzlich ist es ja gut, dass wir in diesem Jahr viel über die Vergangenheit reden. Es ist nun 20 Jahre her. Anlass genug, um zurück zu blicken und Bilanz zu ziehen. Wie sind wir mit unserer Geschichte umgegangen, welche Fehler haben wir gemacht und was können wir aus ihnen lernen? Doch in diesem Jahr 20 nach dem Mauerfall sollten wir uns auch fragen: Was können wir tun, um in Zukunft weiter zusammenzuwachsen? Um auch die viel zitierte „Mauer in den Köpfen“ einzureißen? Hierbei spielt die Art, wie wir miteinander reden eine entscheidende Rolle. Aber können wir es schaffen, ohne Bevormundung, ohne Empörung, ohne ständiges Unverständnis aneinander vorbei zu reden? Eines ist klar: die Generation, deren Biografie zu einem Großteil von den Erfahrungen der deutschen Teilung geprägt ist, wird es nicht schaffen, ohne Emotionen darüber zu sprechen.

Ein Diskurs aber, der dazu beitragen soll, das Wissen über die DDR und die deutsch-deutsche Geschichte zu vermehren, ein produktiver Diskurs also, kann nur in einer sachlichen Analyse bestehen. Dazu ist Distanz notwendig – eine Distanz, zu der nur nachfolgende Generationen in der Lage sind. Wir 20- bis 30-Jährigen haben die Chance und auch die Pflicht, jetzt über die DDR nachzudenken und zu diskutieren. Denn den Diskurs allein den Älteren zu überlassen hieße, Vorurteilen die Möglichkeit zu geben, unbeschwert weiter zu wuchern und die öffentliche Meinung zu dominieren. Es ist also noch lange nicht an der Zeit, die Geschichtsbücher zuzuschlagen und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Im Gegenteil. Wir Jungen müssen die Geschichtsbücher neu schreiben.

Dazu müssen wir uns aber in erster Linie erstmal dafür interessieren. Und uns bewusst werden, dass eben noch längst nicht alles gesagt wurde. Dass da eine riesige Lücke im Wissen über die 40-jährige Geschichte herrscht. Dass wir die Meinung unserer Elterngeneration nicht ungefiltert übernehmen können. Wir tun inzwischen vieles dafür, dass Deutschland zusammenwächst: wir studieren und arbeiten im Osten und im Westen, wir bringen Freunde aus dem „anderen Deutschland“ mit nach Hause und zeigen unseren Eltern, dass die eigentlich genauso sind wie wir. Wir sorgen für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Ost und West – ganz automatisch. Aber ist das schon genug? Geben wir Interviews in den Feuilletons? Werden wir zu Polittalks eingeladen? Bloggen wir darüber? Bestimmen wir die öffentliche Meinung? Sind wir uns eigentlich überhaupt der historischen Bedeutung dieses 9. November 1989 bewusst? Wissen wir, was wir durch ihn gewonnen haben – oder vielleicht auch verloren haben?

Wir tun es nicht. Wir haben mit der Gegenwart genug zu tun – mit Studium, Jobsuche, unbezahlten Praktika. Aber es wartet da ein gewaltiges Kapitel auf Aufarbeitung. Wenn wir es ignorieren, verstaubt es ungelesen auf dem Dachboden der Geschichte. Und die Chance, etwas daraus zu lernen, wird von Tag zu Tag geringer.

5 Kommentare

  1. doktordab schrieb am 09.06.2009

    agree! agree! agree!

  2. sehr gut!

  3. christoph kratistos schrieb am 10.06.2009

    „Und wenn der trotzige Ossi diese Art Geschichtsrelativierung betreibt, dann weiß der Gegner von der anderen Seite sich nicht anders zu helfen, als die DDR mit dem Dritten Reich zu vergleichen“ Was nicht nur Godwin, sondern auch Geschichtsrelativierung at it’s best ist.

    „Wir 20- bis 30-Jährigen haben die Chance und auch die Pflicht, jetzt über die DDR nachzudenken und zu diskutieren. Denn den Diskurs allein den Älteren zu überlassen hieße, Vorurteilen die Möglichkeit zu geben, unbeschwert weiter zu wuchern und die öffentliche Meinung zu dominieren.“
    Die *Vor*-Urteile kommen jawohl eher von „uns“, immerhin haben die Älteren (wie sie nicht müde werden, zu erwähnen), dass alles bewusst er- und gelebt. Das Problem ist meiner Meinung nach viel eher, dass sich die Älteren nie auch nur ein bisschen einig geworden sind in der Geschichtsdeutung. Das DDR-Bild ist in Ost und West immer noch viel zu unterschiedlich. Was nicht nur am trotzigen Ossi(tm) liegt.

  4. Lieber Christoph Kratistos, ich gebe Ihnen vollkommen recht. Wir haben die Vorurteile teilweise von unserer Elterngeneration übernommen. Deshalb lautet ja mein Appell, sich selbst eine Meinung zu bilden. Dies gelingt nur, wenn wir uns weiterhin über das Thema austauschen – sachlich und anhand von Fakten.

    Wenn nun die Älteren sich nie einig geworden sind in der Geschichtsdeutung, so wie Sie es beschreiben, dann spricht das doch erst recht dafür, dass wir als ihre Kinder dies tun. Denn wir haben die nötige Distanz, die es dazu braucht.

    Mir liegt es auch fern, alles auf den „trotzigen Ossi“ zu schieben. Dies habe ich, denke ich, auch deutlich gemacht. Ich habe ihn vielleicht etwas bunter beschrieben, weil er mir vertrauter ist, auch aus meiner eigenen Familie. Ich gebe zu, auch ich bin nicht frei von Vorurteilen, die ich aber versuche, mühsam abzustreifen :)

    Viele Grüße und viel Spaß weiterhin beim solokarpfen-Lesen.

  5. auch irgendwie passend zum Thema – und ziemlich creepy:
    http://mediathek.daserste.de/daserste/servlet/content/2509746?pageId=487872&moduleId=310918&categoryId=&goto=1&show=

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  1. [...] Generation NDW (Solokarpfen) — Ist schon alles über die DDR gesagt worden? Ja, könnte man glauben. Nein, meint Ulrike Thiele. […]

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