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Die Lücke in den Köpfen

Ein deutscher Regierungschef besucht die Gedenkstätte Hohenschönhausen. 20 Jahre nach dem Mauerfall. Ein Medienereignis? Ja, denn in den 19 Jahren zuvor hat es kein Kanzler an diesen historisch hochbrisanten Ort geschafft. Und da wundern wir uns über die Verklärung der DDR.

von Simon Frost

veröffentlicht am 7. Mai 2009

Angela Merkel besucht die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Sie spricht mit ehemaligen Häftlingen des Stasi-Gefängnisses, schaut sich Verhörräume und Zellen an, steht Schülern aus den Altbundesländern Rede und Antwort zu ihrem Leben in der DDR und mit der Stasi.

Angela Merkel ist nicht allein in dem riesigen Gebäudekomplex an der Genslerstraße, tief im Berliner Osten, an diesem 5. Mai 2009, im 20. Jahr nach dem Fall der Mauer. Die Bundeskanzlerin wird umringt von Kamerateams, Reportern und Fotografen. An diesem recht nachrichtenarmen Tag ist ihr Besuch in der Gedenkstätte ein Mediengroßereignis. Und das durchaus zu Recht. Denn es ist das erste Mal, dass ein deutscher Regierungschef diesen Ort offiziell besucht.

1992 wurde das Gelände unter Denkmalschutz gestellt, 1994 die Gedenkstätte eingerichtet. Doch Gerhard Schröder, dessen SPD einst die Ost-Verträge schloss, war ebensowenig hier wie sein Vorgänger Helmut Kohl, der sich gerne als Kanzler der Einheit sieht. Den Medien, die über Merkels Besuch berichten, sind diese Umstände allenfalls eine Fußnote wert. Sie erwähnen diese Fakten lediglich, um zu betonen, wie besonders dieses Ereignis ist und warum sie ausgerechnet an diesem Tag hier sind.

Und das ist der eigentliche Skandal. Seit Jahren lamentieren Politiker und Politologen, dass die Ostdeutschen das Bild von der DDR verklären. Sie picken sich lediglich die guten Seiten an dem 1990 verschwundenen Staat heraus, heißt es – Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit, Rundum-Kinderbetreuung. Gleichzeitig wollten sie nicht wahrhaben, dass die DDR eine Diktatur oder zumindest ein Staat mir diktatorischen Zügen gewesen sei, der seinen Bürgern das Reisen nicht erlaubte – und sie bei Zuwiderhandlung in den Knast steckte, zum Beispiel nach Hohenschönhausen. Historiker und Pädagogen bemängeln, dass Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland nichts über die deutsche Teilung und das unterschiedliche Leben in den beiden Staaten wissen, Erich Honecker etwa für einen ehemaligen Bundeskanzler halten.

In der Tat: All diese Lücken – in der Erinnerung wie im Geschichtswissen der Menschen – sind belegbar, teilweise erschreckend und zu kritisieren. Nur erstaunen dürfen sie eigentlich keinen der lauten Kritiker. Denn eine Aufarbeitung der deutsch-deutschen Vergangenheit findet – auch 20 Jahre nach dem Mauerfall – nicht oder nicht im ausreichenden Maße statt. Während an den Schulen der Zeit des Dritten Reiches noch immer und zu Recht ein großer Teil der Geschichtsstunden gewidmet wird, fällt die Zeit der deutschen Trennung und der Wende in der DDR deutlich dagegen ab. Direkte Kontakte mit der jüngsten Geschichte, wie ein Besuch der Gedenkstätte Hohenschönhausen, sind noch immer die Ausnahme.

In den Stadtplänen Ost-Berlins existierte das Gelände des Stasi-Gefängnisses nicht. Dort fand sich ein leerer Fleck, eine Lücke. Der Staat war sich also durchaus bewusst, dass das, was in Hohenschönhausen den hauptsächlich politischen Gefangenen angetan wurde – von der chinesischen Wasserfolter bis zum systematischen Schlafentzug – nicht dem bunten, sorgenfreien und demokratischen Bild entsprach, den er so gern von der DDR nach außen vermittelte. Der Staat ließ den Otto-Normal-Bürger wohlwissend nicht an seinem Tun dort teilhaben.

Ein leerer Fleck, eine Lücke findet sich auch in vielen Köpfen der heutigen Bundesbürger. Zum Teil wollen sie die grausamen Wahrheiten aus DDR-Zeiten nicht wahrhaben, weil sie 40 Jahre ihres Lebens nicht einfach auf ein paar Schlagworte wie Diktatur, Spitzelei und Unfreiheit reduziert sehen wollen. Eine Lücke aus Verdrängung. Zum Teil haben sie gar keine Ahnung, weil sie weder vor noch nach der Wende den jeweils anderen Teil Deutschlands besucht oder sich mit ihm beschäftigt haben. Eine Lücke aus Desinteresse. Und zum Teil haben sie keine Ahnung, weil ihnen die jüngste Vergangenheit nicht oder nicht in angemessener Weise von denen, die sie erlebt haben, vermittelt wird. Eine Lücke aus Unwissenheit.

Noch einmal: Diejenigen, die diese Lücken kritisieren, haben Recht. Doch sie kritisieren an der falschen Stelle. Solange es 20 Jahre dauert, bis ein deutscher Regierungschef an einen hochbrisanten historischen Ort kommt, um eine Lücke zu schließen, die seine Vorgänger – bewusst oder unbewusst und von den Medien völlig unkommentiert – offen gelassen haben, darf sich niemand über die Lücken in den Köpfen der Deutschen wundern.

Ein Kommentar

  1. Thomas schrieb am 28.05.2009

    Schön, dass ein neues, hippes Web-Magazin, das sicher alles andere als „rechts“ sein will, unideologisch genug ist, gleich in seiner ersten Ausgabe ein Thema anzusprechen, das zum Beispiel der SPD-Präsidentschaftskandidatin so nicht über die Lippen kommen wollte: Der Unrechtsstaat DDR!

    Weiter so!

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