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Die Revolution muss warten

Es gibt keine sozialen Unruhen. Diejenigen, die am 1. Mai randalierten, waren diejenigen, die sowieso immer dabei sind. Von einer neuen gesellschaftlichen Bewegung sind wir meilenweit entfernt.

von Ulrike Thiele

veröffentlicht am 3. Mai 2009

Es kurzarbeitet sehr. Rings um mich herum bekommen immer mehr Leute aus den verschiedensten Branchen von ihren Chefs Weniger verordnet. Größer als die Freude über dazu gewonnene Freiheit ist bei ihnen die Angst, den Job ganz zu verlieren. Die Krise kommt also tatsächlich im deutschen Alltag an, auch wenn es einige Zeit so schien, als würden wir sie nur am Bildschirm an uns vorbeiziehen sehen. Und sie trifft eben nicht nur die Automobilindustrie oder die Medien, sondern beinahe alle Zweige unseres Wirtschaftssystems. Sechs Prozent Abschwung prognostizieren uns Konjunkturforscher in diesem Jahr. Das ist eine so hohe Zahl, dass die Grafiken, in denen die Abschwünge der vergangenen 50 Jahre verdeutlicht werden, neu gezeichnet werden müssen – mit viel Platz nach unten. Millionen werden voraussichtlich ihren Arbeitsplatz verlieren. Wie viele von ihnen die Hoffnung für ihre Zukunft verlieren, lässt sich weniger präzise messen. Aber wird es deshalb soziale Unruhen geben?

Wenn es Menschen schlechter geht, steigt ihre Wut. Und manche gehen auf die Straßen, bauen Barrikaden, zünden sie an und protestieren. Die brennenden Continental-Reifen in Frankreich sind leuchtendes Beispiel für den Zorn der Arbeitslosen. Das soll es auch bald hier geben – glauben zumindest einige Sozialdemokraten im Wahlkampf. Als könne man die deutsche Mentalität mit dem aufbrausenden Temperament der Franzosen vergleichen! Die haben das Wort „Revolution“ in ihren Gründungsmythos förmlich eingraviert. Ein Vergleich macht den Unterschied deutlich: Der letzte Generalstreik in Frankreich liegt gerade ein paar Wochen zurück – der letzte Generalstreik in Deutschland war 1920.

Doch abgesehen von diesen Unterschieden in ihrer politischen Kultur, eines haben beide Länder gemeinsam: Das Aufkeimen einer echten sozialen Bewegung, die Alternativvorschläge für das vorherrschende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem macht, lässt sich weder hier noch dort beobachten. Die, die in Berlin, Hamburg oder Paris demonstrieren oder teilweise auch randalieren sind jene, die das schon immer getan haben. In der aktuellen FAS bezeichnet Michaela Wiegel die meisten Revolten als „Kampf für den Status quo“. Von einem historischen Umbruch nach der Finanz- und Wirtschaftskrise ist derzeit nichts zu sehen. Die Aufgabe, zu handeln, überlassen die Bürger ihren Regierungen. Noch hält die Hoffnung, dass alles wieder gut wird, uns auf den Wohnzimmersesseln.

In einem klugen aber auch ernüchternden Beitrag für Carta beschreibt Johannes Pennekamp die Rolle der jungen Generation in diesem Zusammenhang. Mit Selbstkritik, jedoch ohne Selbstgeißelung erklärt er, warum uns als 20- bis 30-Jährige das Schicksal der Welt so wenig tangiert. In cooler Gleichgültigkeit warten wir ab und beobachten, anstatt zu versuchen, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Den Grund dafür sieht er darin, dass uns praktisch jede mediale Katastrophe nicht selbst betrifft. Fernseh- und Onlinebilder verschwimmen in immer schnellerer Frequenz vor unserem Auge, die Apokalypse ist jedes Mal nah, aber die Bäckerei nebenan steht noch. In diesem Bewusstsein haben wir den Blick für das große Ganze verloren, schreibt Pennekamp.

Die junge Generation aber sollte es sein, die die Gesellschaft vorantreibt, die neue Ideen – zumindest versucht – zu verwirklichen. Wir brauchen nicht nur neue Geschäftsideen! Wir brauchen auch neue Gesellschaftsideen! Die Frage lautet: In welcher Welt wollen wir leben? Und wie schaffen wir es, dieser Welt näher zu kommen? Wollen wir uns wieder mit Krediten den nächsten Aufschwung finanzieren, so lange bis das Kartenhaus erneut zusammen bricht? Wer solche Fragen stellt, ist nicht automatisch ein linker Spinner, der eine neue Utopie aufbauen will. Es muss auch nicht zwangsläufig darum gehen, den Kapitalismus abzuschaffen. Es gibt gewiss kreativere Möglichkeiten, das Leben menschlicher zu gestalten, als alle Herrschenden und Besitzenden zu enteignen oder zu töten.

Im Moment aber hat offenbar niemand Lust, über Alternativen nachzudenken. Wir haben neue Ideen zu oft scheitern sehen und keine Lust, uns die Finger schmutzig zu machen. Vermutlich wird deshalb alles weitergehen wie bisher. Bis zum nächsten Aufschwung und bis zur nächsten Krise.

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