Der Sohn meines Onkels, ein Jahr älter als ich, war immer die coolere Sau von uns. Er war wilder, er traute sich mehr, und er klopfte die besseren Sprüche. Unsere Piraten-Gefechte mit Lego-Kanonen waren legendär. Wenn man ihn besuchte, konnte man sicher sein, dass bei seinem Vater, meinem Onkel, ein Bud-Spencer-Film lief, es wurde geprügelt und geschossen, und es wurden Sprüche geklopft. Ich mag diesen Teil meiner Familie sehr.
Vor einigen Monaten, zur Beerdigung unserer Großmutter, habe ich meinen Cousin wiedergesehen und erfahren, was er heute macht: Er ist Soldat. Dreimal, hat er mir erzählt, war er in der Uniform der Bundeswehr in Afghanistan. Verdammtnochmal, fiel mir auf: Jemand muss das wirklich machen, da.
Heute, an einem wunderschönen Tag in Berlin, lag ich auf meinem Teppich und las Roland Barthes. Das Wetter allein wäre fähig gewesen, mich mit Glück zu überschütten. Bei Roland Barthes stand: Letztlich, wenn man der Sache auf den Grund geht, löst das WETTER bei uns nur diesen (winzigen) Diskurs aus: dass es sich lohnt zu leben. Eine Seite später ein Haiku:
Ein Hund
Bellt einen Hausierer an
Pfirsichbäume in Blüte
Das ist die Sorte Dinge, mit denen ich mich gern beschäftige, an einem freien Septembersamstagmittag in Berlin, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.
Dann besuchte ich den Onlineauftritt der ZEIT, und las den Text Jungs Kommunikationsdesaster über einen Vorfall in Afghanistan.
Was ist geschehen? Man weiß es nicht genau, von Berlin aus, gemeldet hat die Bundeswehr dies: Kämpfer der Taliban haben zwei Tanklastzüge erbeutet. Die Lastzüge wurden gefunden, und offenbar hat ein deutscher Offizier sie dann von amerikanischen Luftstreitkräften zerstören lassen, nachts, an einer Flussfurt. Fünfzig Taliban seien dabei getötet worden, meldet die Bundeswehr. Knapp 90 Menschen seien getötet worden, sagt, ebenfalls laut ZEIT, der Gouverneur der Provinz, darunter Bewohner eines nahegelegenen Dorfes, die aus den liegengebliebenen Tankern Benzin zapfen wollten.
Kurz nachdenken: Gleich ob es 50 Taliban oder 100 Zivilisten waren – da waren sehr viele Leute, nachts, an einer Flussfurt, in der Nähe von zwei gekaperten Tanklastzügen voller Benzin. Weiter: Wenn man zwei vollbeladene Tanklastzüge zerstört, ist der Effekt, unabhängig von der eingesetzten Munition, wohl ziemlich enorm. Weiter: Es ist Nacht, und die Taliban tragen keine Uniformen. Vermutlich versucht ein Teil der Leute, die Lastwagen wieder flott zu bekommen. Irgendwo muss die Bundeswehr sein: Ein Fahrzeug? Eine Drohne? Jedenfalls kaum sichtbar, vermutlich also in einiger Entfernung. Schließlich: Zwei Tanklastzüge mit Benzin stellen eine Bedrohung dar. Schwer zu sagen, wie groß die ist, aber die Situation ist möglicherweise nicht nur eine militärische Gelegenheit, sondern auch eine sich entwickelnde Gefährdung.
Es fühlt sich absurd an, diese Spekulationen auch nur anzustellen. Es ist alles Hollywood für uns. Und Tatsache ist: Wir wissen nicht, was genau passiert ist. Wir haben nur eine Wahl: Wir müssen den Leuten, die wir nach Afghanistan geschickt haben, vertrauen. Und wir müssen uns klar machen, dass es sich bei diesen Leuten nicht um Filmhelden handelt, die nie getroffen werden und immer wissen, was zu tun ist, sondern um Leute wie uns. Leute, die so um die dreißig sind, noch nie im Krieg waren, und dieselben Bud-Spencer-Western gesehen haben wie wir. Was immer da in Afghanistan passiert ist, es ist entschieden worden von einem Offizier in der Uniform der Bundeswehr. Ein Offizier ist ein Mensch, der militärische Entscheidungen verantwortet. Er weiß nicht mehr als andere, er ist nicht mit Superkräften gesegnet, er ist wie wir: Ein Typ, der jetzt, statt bei einem Unterwegsbier in der M10 zu versuchen, dieses Mädchen nicht anzustarren, gezwungen ist, Entscheidungen zu fällen. Entscheidungen können falsch sein, und im Krieg hat das scheußliche, echte, unerbittliche Konsequenzen. Das ist nicht nur ein markiger Spruch, es steht auch in den Büchern von Leuten, die es erleben mussten.
Man kann die Idee einer Armee und die Logik des Militärischen insgesamt ablehnen, das ist eine respektable Haltung. Etwas weniger als respektabel ist es, Leute, die in einem echten militärischen Konflikt ihr Leben riskieren, mit pazifistisch überlegenem Spott zu überziehen, wenn sie einen Fehler gemacht haben. Wenn sie einen Fehler gemacht haben.
In diesem ZEIT-Text steht wirklich:
Ein amerikanischer Jagdbomber warf zwei jeweils 225 Kilogramm schwere Bomben ab – ein gezielter, ein „chirurgischer“ Angriff, wie Soldaten gerne sagen, sieht anders aus. Die Bundeswehr gab am Freitag an, dass sie tief in Nacht an einer Flussfurt nicht mit Zivilisten gerechnet habe. Die Strategen gingen deswegen auf Nummer sicher und verwandelten das Zielgebiet in eine Flammenhölle.
Die Strategen – das ist doch lupenrein: Spott. Vom Speersort aus weiß Hauke Friederichs es also, hört hört: Man ging auf Nummer sicher. Es ist schwer, darauf zu antworten, ohne in denselben unanständigen Duktus aggressiv-überlegener Bescheidwisserei zu verfallen, deswegen nur das Stichwort zum Selbstnachdenken: Tanklaster.
Ob eine 225 Kilogramm schwere Bombe übrigens eine große Bombe ist, weiß ich nicht, aber eine schnelle Internetrecherche (z.B. hier) lässt vermuten, dass das durchaus etwas sein könnte, was ein amerikanischer Jagdbomber eben an Bord hat. Nichts, was auf Drängen der Strategen extra geladen wird, um auf Nummer sicher zu gehen und das Zielgebiet in eine Flammenhölle zu verwandeln. Übrigens könnte es nicht schaden, wenn Leute, die die Aufmacher bei der ZEIT über militärische Themen schreiben, solche Sachen wüssten. Das wäre sicher viel nützlicher als überheblicher Spott, für alle Beteiligten am Prozess der Meinungsbildung.
Der Text enthält noch mehr Sonderbarkeiten, es ist von einem „Anschlag“ der Bundeswehr die Rede, und auf die Information, dass man bei der NATO verärgert sei, folgt die Information, dass „deutsche Politiker sonst häufig mit dem Zeigefinger auf die US-Streitkräfte zeigen“ – das ist das Problem? Die Möglichkeiten deutscher Politiker, mit dem Finger auf die US-Streitkräfte zu zeigen?
Und dann dieses: Die Staatsanwaltschaft Potsdam „prüft einen Anfangsverdacht wegen eines eventuellen Tötungsdelikts“ gegen den deutschen Offizier.
Das hat sicher seine Richtigkeit, und dennoch ist es absurd. Die Staatsanwaltschaft Potsdam findet heraus, ob der Abwurf einer amerikanischen Bombe an einer Flussfurt in Afghanistan eine fahrlässige Tötung durch einen deutschen Offizier war? Wie ist die Rechtslage denn – wenn einer ein Taliban ist, darf man ihn dann fahrlässig töten? Oder ist es dann ein schwerwiegenderer Fall, wegen der Absicht? Was ist, wenn einer aus dem Dorf, also sozusagen in zivil ist, und ein Taliban? Ist die Grenze so scharf, wie man sich das in Deutschland wünscht, damit es gute Afghanen gibt, die man erschießen darf, und böse? Und wäre der Versuch strafbar gewesen, wenn die Amerikaner nicht getroffen hätten? Das StGB scheint nicht optimal vorbereitet auf die Bewertung von Kriegshandlungen in der dritten Welt. Jurastudenten, aufgepasst, das wird in den Prüfungen sein.
Man kann Pazifist sein, man kann am Sinn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan zweifeln, man kann der Meinung sein, dass der Einsatz sinnvoll wäre, die Bundeswehr aber die falsche Armee dafür ist. So, wie die Dinge zu liegen scheinen, gibt es aber einen anderen Grund, die Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen, und zwar sofort: Elementare Fairness gegenüber den Leuten, die sich da im Namen der Bundesrepublik exponieren. Das, was da läuft, heißt Krieg. Und es ist kein gehegter europäischer Krieg nach den Regeln des Völkerrechts, es ist nicht einmal ein Partisanenkrieg. Es ist der Versuch, ein Land, in dem seit Jahrzehnten in schnell wechselnden Allianzen gekämpft wird, in dem keine bundesdeutsche Rechtskategorie gilt und sogar die Nationalstaatlichkeit eine externe Idee ist, in eine Demokratie zu verwandeln. Niemand hat so etwas je gemacht, niemand weiß wie es geht. Vielleicht geht es gar nicht. In jedem Fall muss diese politische Idee mit Gewalt durchgesetzt werden, weil sie bewaffnete, organisierte Gegner hat. So etwas heißt Krieg. Dazu muss man sich stellen, alles andere ist unverantwortlich. Entweder man führt einen Krieg, dann definiert man Ziele, wechselt den Rechts- und Deutungsrahmen, macht sich klar, dass es hässlich werden wird und eine moralische Probe, oder man führt ihn nicht. Auf keinen Fall tut man so, als sei Krieg einfach äh-bäh und als ginge er weg, wenn man sich nicht darauf einlässt, ihn beim Namen zu nennen oder sich in militärischen Dingen wenigstens grundlegend zu informieren. Und auf keinen Fall redet man über die Leute, die ihr Leben riskieren und schießen müssen, als spielten die ein Videospiel, ganz unabhängig davon, wie man politisch zur Sache steht.
Mir ist bewusst, dass die Politically-Incorrect-Chauvi-Meute solche Argumente ebenfalls führt, und das macht die Sache nicht einfacher. Die Forderung selbst jedoch ist kaum mehr als die nach ein wenig Redlichkeit: Das Parlament hat Soldaten nach Afghanistan geschickt. Wer das Parlament für die Vertretung des Volkes hält und seine Kontrolle für die Aufgabe von Presse und Öffentlichkeit, kommt nicht darum herum, sich zu fragen, was er diesen Soldaten schuldet. Das kann entweder eine pazifistisch oder pragmatisch begründete Forderung nach Abzug sein, dann aber möglichst laut und entschieden – oder ein sachlicher und informierter Respekt vor dem, was die Bundeswehr da tut. Alles andere ist unanständig.
Wer dagegen, von links oder rechts, ohnehin längst beim politischen Zynismus gelandet ist und glaubt, dass es nur noch PR-Probleme gibt, das Parlament ohnehin Makulatur ist und jeder, auch ein Soldat in Afghanistan, eben selber schuld ist, wenn er sich diesen Beruf ausgesucht hat, dem würde ich dringend empfehlen, die Debatte denen zu überlassen, die noch glauben, dass es eine Rolle spielt, was sie denken. Die Sache ist nämlich ernst.
(Bildquelle Startseite: (cc) Todd Huffmann @ flickr.com.)








2 Kommentare
Dieser Artikel trifft meine Gedankengänge auf den Punkt!
Was ist das denn für ein unsinniger Artikel?
„Es ist der Versuch, ein Land, in dem seit Jahrzehnten in schnell wechselnden Allianzen gekämpft wird, in dem keine bundesdeutsche Rechtskategorie gilt und sogar die Nationalstaatlichkeit eine externe Idee ist, in eine Demokratie zu verwandeln. “
Ganz ehrlich, es tut mir leid das sagen zu müssen, aber jemadem der ERNSTHAFT dieser Ansicht ist, scheinen entweder grundlegende Kenntnisse oder gewisse intellektuelle Verarbeitungsprozesse zu fehlen. Es ist kein Wunder, dass der Rest des Textes zu diesem vorgelegten Nivau passt.
„Wer dagegen, von links oder rechts, ohnehin längst beim politischen Zynismus gelandet ist und glaubt, dass es nur noch PR-Probleme gibt, das Parlament ohnehin Makulatur ist und jeder, auch ein Soldat in Afghanistan, eben selber schuld ist, wenn er sich diesen Beruf ausgesucht hat, dem würde ich dringend empfehlen, die Debatte denen zu überlassen, die noch glauben, dass es eine Rolle spielt, was sie denken. Die Sache ist nämlich ernst.“
Ganz genau! Das ist sie! Zu ernst um sie Tröumern zu überlassen, die die Realität nicht erkannt haben. Es geht in Afghanistan um vieles, um Pipelinepläne, um geostrategische Interessen, das einzige, worum es mit Sicherheit nicht geht, ist die Demokratisierung dieses Landes.
Dieser Text ist weder hintergründig, noch analytisch er ist einfach nur realitätsfern.