Eine solche Unterstützung hat es lange Zeit nicht gegeben.“ Gerhart Baum kann das beurteilen. Er hat gewissermaßen den Überblick. Seit 1992 engagiert sich der FDP-Politiker in der internationalen Menschenrechtspolitik. 2004 brachte er vor dem Bundesverfassungsgericht den „Großen Lauschangriff“ zu Fall, 2006 das Luftsicherheitsgesetz, das den Abschuss von Passagiermaschinen im Entführungsfall legalisieren sollte. Er hat außerdem Verfassungsbeschwerde gegen die heimliche Durchsuchung von Computern eingelegt. „Ich begrüße es sehr, dass sich jetzt vor allem junge Leute gegen die Überwachungsmentalität, gegen Online-Durchsuchungen und Vorratsdatenspeicherung wehren“, sagt Baum.
Aber Baum weiß auch, dass die Bürgerrechte nicht allein im Netz gefährdet sind, und verweist beispielsweise auf die problematische Neuorganisation der deutschen Polizei durch das Bundeskriminalamtgesetz. Diese hat durch die Neufassung vom November 2008 Befugnisse erhalten, die nach Ansicht der Deutschen Vereinigung für Datenschutz (DVD) die Grenzen zwischen Polizei und Geheimdienst weiter verschwimmen lassen. In über 20 teils hochkomplizierten Paragraphen erhält das Bundeskriminalamt unter anderem die Befugnis, Journalisten, Ärzte und Rechtsanwälte zu überwachen, heimlich in Wohnungen einzudringen und private Computer zu manipulieren.
Laut Baum reagiere der Staat völlig übertrieben und mache die gleichen Fehler wie zur Zeit des RAF-Terrors. Damals war Baum als Bundesinnenminister an der sicherheitspolitischen Aufrüstung beteiligt. Heute will er das ändern. Der Politiker bekräftigt diesen Vorsatz in seinem am 24. August erscheinenden Buch „Rettet die Grundrechte“ (Kiepenheuer & Witsch). Seine These: Nach dem 11. September 2001 herrscht ein neuer Geist der Vorbeugung, der jeden Bürger potentiell verdächtig macht, der Notstand droht zum Normalfall zu werden.Ausgangspunkt ist die offensichtliche Gier von Geheimdienstexperten, Kriminalisten und Innenpolitikern nach persönlichen Daten der Bürger. Da sind zum einen die Grundrechtseingriffe bei der Vorratsdatenspeicherung, die jeden Bürger zu einem Risikofaktor machen. Zum anderen liefert Deutschland den USA Fluggastdaten, die weit ins Private hineingehen, und ermöglicht zudem den Amerikanern Zugriff auf Kontodaten. Immer wieder rutscht die Forderung nach einem Einsatz der Bundeswehr als Ersatzpolizei im Inland auf die Tagesordnung der CDU.
Entsprechende Vorstöße von Schäuble und Jung bezeichnet Baum in seinem Buch als abenteuerlich und gefährlich. „Ich bin voller Sorge“, sagt Baum, „dass wir unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung wie jetzt auch unter dem Vorwand der Bekämpfung von Kinderpornographie den Hauptwert unserer Verfassung, und das ist die Menschenwürde, verletzen. Der Präventionsstaat ist unersättlich, er findet kein Ende!“
Wir befinden uns in einer Spirale der Erosion von Grundrechten, die nur mühsam, wenn auch erfolgreich, vom Bundesverfassungsgericht in den Urteilen der letzten Jahre verlangsamt worden ist und zwar immer unter Berufung auf die Menschenwürde.
(– Gerhart Baum)
Unterstützung für seine Thesen und Bemühungen erhält Baum aktuell von der Piratenpartei. Es mehren sich sogar die Aufforderungen, Baum für die Partei zu gewinnen. Dieser begrüßt die Bewegung, ist aber von der der Organisation nicht überzeugt: „Mir ist das etwas zu eng. Es geht eben nicht um die Netzkultur allein. Der Staat greift in vielerlei Hinsicht in unsere Bürgerrechte ein.“
Der Bürgerrechtler sieht aber ein Signal, das die etablierten Parteien nicht ignorieren sollten. „Ändern kann man nur etwas, wenn die vorhandenen Parteien sich dem Thema stellen“, sagt Baum und stärkt seiner Partei den Rücken: „Die FDP hat nach dem 11. September alle umstrittenen Sicherheitsgesetze mit guter Begründung abgelehnt. Sollte es nach der Bundestagswahl zu einer Koalition mit der Union kommen, was ich hoffe, dann erwarte ich, dass sie einen Teil der Maßnahmen rückgängig macht und neuen problematischen Eingriffen nicht zustimmt.“
Baum ist kein Freund von neuen Gesetzen. Er wünscht sich eher eine Reform des allgemeinen Datenschutzrechtes. Dafür bedarf es keiner speziellen Gesetze für das Internet. Im Gegenteil. Eine inhaltliche Durchregulierung des Internets sei mit dem Grundsetzen des Rechtsstaates nicht vereinbar. „Und deshalb“, so Baum, „muss das weithin unwirksame Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornographie wieder zurückgenommen werden. Mit diesem Gesetz macht sich der Staat auf den Weg zu einer Internetzensur – ein sehr bedenklicher Vorgang.“
Bedenklich und höchst gefährlich sei aber auch der eigene, häufig sorglose Umgang mit privaten Daten. „Es wird ja nichts vergessen und gelöscht, vieles davon kann missbraucht und gegen die Internetnutzer verwendet werden. Ich plädiere dafür, höchst vorsichtig mit dem Internet umzugehen.“ Baum, der im Oktober 77 Jahre alt wird, will das Internet aber keineswegs schlechtreden: „Im Gegenteil: Das Internet bringt ja ganz neue Chancen der Kommunikation, es ist ein enormer Gewinn.“









4 Kommentare
ich finde es schade, dass herr baum meint, dass die piraten nur interesse an dne buergerrechten im internet haben.
Ich habe hohen Respekt vor Gerhart Baum und werde mir morgen das neue Buch holen. Seit 2 Monaten Pirat, werde ich es nach dem Lesen auch auf dem Infostand der Konstanzer Piraten auslegen – neben dem GG.
In der Tat treibt die Piraten, so wie ich es erfahren habe, weit mehr um als nur die Netzkultur. Aber viele kommen halt aus der IT-Szene.. und da wird das GG gern als „Betriebsanleitung für dies Land“ bezeichnet.
Ich hoffe, dass Gerhart Baum noch mehr über die Piraten erfährt.. und am Ende eine Wahlempfehlung für uns ausspricht :^)
Ist ja alles schön und gut, nur sollte man der FDP nicht ganz so viel zu trauen bzw. vertrauen! auf heise.de stand die Tage:
Westerwelle kündigt schärfere Sicherheitsgesetze an
http://www.heise.de/tp/blogs/8/143245
Zudem die FDP als Opposition natürlich gerne in den letzten Jahren gegen bestimmte Gesetze gestimmt hat. Das liegt aber in der Natur einer Opposition im Bundestag ;-)
Auch wenn die Piraten (noch oder nur) eine Themenpartei sind, so denke ich, ist es absolut Notwendig diese für die Einhaltung unsere Freiheit und Grundrechte zu unterstützen. Ich sehe keine andere Partei die sich so loyal mit diesem akuten Thema befasst…
Jetzt wieder Schäuble:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,645345,00.html
Die Bundeswehr soll auch innerhalb Deutschlands aktiv werden dürfen, fordert Innenminister Schäuble. Dazu will der CDU-Politiker in der nächsten Legislaturperiode das Grundgesetz entsprechend ändern – in der Großen Koalition scheiterte sein umstrittenes Vorhaben an der SPD.
4 Trackbacks
[...] http://www.solokarpfen.de/gesellschaft/1500-gefaehrlicher-staat/ […]
[...] aus Angst vor dem Tod. Der FDP-Politiker Gerhart Baum befürchtet die Zerstörung des liberalen Rechtsstaats als Folge einer ständig beschworenen Terrorgefahr. In seinem Buch fordert er deshalb: „Rettet […]
Damit ihr wisst, wen ihr wählt…
Heute mal eine Zusammenstellung interessanter Links:
Kanzlerduell: Internet-Nutzer werden ausgesperrt
Piraten-Gaming-Portal Pirate Gaming ist gestartet
Die Piratenpartei dominiert den Wahlkampf im Netz
Artikel: Gefährlicher Staat zum neuen …
[...] […]