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Hallo Wähler, wir hängen hier oben!

Der Wahlkampf findet zunehmend im Internet statt, heißt es. Dabei kenne ich in meinem Wahlkreis keinen Kandidaten besser als diesen Martin Lindner von der FDP. Ich treffe ihn jeden Morgen.

von Johannes Eber

veröffentlicht am 21. August 2009

Vielleicht macht Martin Lindner, dieser Langweiler, ja alles richtig. Ich treffe ihn jetzt regelmäßig bei mir um die Ecke, genauer gesagt jeden Morgen. Was heißt treffen: Martin Lindner hängt am Laternenpfahl, mit Kabelbindern fixiert, ein Wahlplakat von ihm ist es, um genau zu sein, in DIN A1. Aus drei Metern Höhe schaut der Mann, der offensichtlich in meinem Wahlkreis für die FDP kandidiert, täglich auf mich herab. “Leistung muss sich lohnen”, lese ich dann, während ich mit dem Rad zur Arbeit fahre, und ich denke mir, dass der Mann irgendwie recht hat.

Die Optik des Plakats steht dem Slogan in nichts nach. Euphemistisch gesagt: Es ist zeitlos. Das Gelb der FDP, das Foto des Kandidaten, der Slogan aus der Mottenkiste – es könnte aus den 70ern stammen, aus den 80ern oder aus den 90ern. Wahrscheinlich ist es aus den 70ern und aus den 80ern und aus den 90ern. Nur Bild und Namen wird man irgendwann ausgetauscht haben: Martin Lindner, so erfahre ich auf seiner Internetseite, ist 45 Jahre alt, und erst seit 1998 in der FDP. Was dort auch steht: Er wohnt in Grünwald, ist Jurist, verheiratet und hat sechs Kinder.

Sonst erfahre ich auf seiner Webseite wenig: Er bittet mich um „Unterstützung im bevorstehenden Wahlkampf“ (Wann fängt der Wahlkampf denn eigentlich an?), er findet, dass „Deutschland vor einer Richtungswahl stehe“ (mal wieder) und er will deswegen in den Bundestag einziehen, damit Berlin „nicht nur von Staatsapologeten, Gleichmachern und Jammerlappen vertreten“ werde (d’accord, Herr Lindner!). Überzeugt hat mich Martin Lindner damit nicht, aber immerhin: Sein Name ist mir mittlerweile ein Begriff. Weil fleißige Parteisoldaten dieses Plakat drucken ließen, es auf Sperrholz klebten, danach vermutlich in einen Kleintransporter verluden, mit diesem Kleintransporter in meine Straße fuhren, eine Leiter an die Laterne stellten und dann den Lindner dort aufgehängt haben.

Dabei heißt es doch allerorten, dass der Wahlkampf sich zunehmend im Internet abspiele. „Das Internet wird zum zentralen Medium für die Kommunikation zwischen Politik und Bürgern“, sagt etwa August-Wilhelm Scheer. Er ist der Präsident des Bitkom, dem Verband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche. Scheer hat diese Woche eine Umfrage präsentiert, wonach vor allem für Jüngere das Internet bei Fragen rund um Politik zum Hauptmedium geworden sei. Drei Viertel der 18- bis 29-Jährigen informierten sich im Web über Politik, so ein Ergebnis der Umfrage. Und 44 Prozent der wahlberechtigten Bundesbürger glaubten, dass eine Partei ohne den Einsatz des Internets heute keine Wahl mehr gewinnen könne.

Hängt sie höher.

Hängt sie höher.

Im Vergleich zu den Internet-Auftritten von Parteien und Politikern wirken die Wahlplakate am Straßenrand anachronistisch. Man wundert sich, dass es überhaupt noch genügend Parteimitglieder gibt, die sich zum Büttel für die Karriere anderer machen und in ihrer Freizeit von Straßenlaterne zu Straßenlaterne ziehen. Und man fragt sich, wie um alles in der Welt ein Ursache-Wirkungszusammenhang in der Art entstehen soll, dass ein aus drei Metern Höhe herab lächelnder Politiker beim Wähler den Effekt auslöst, dass dieser am Wahltag in der Wahlkabine mit seinem Stift das Kreuz hinter diesem Kandidaten macht.

Ich habe jedenfalls noch nie jemanden sagen hören, dass er dieses Mal Partei X oder Kandidat Y gewählt habe, weil das Wahlplakat so schön/ansprechend/interessant war. Auf der anderen Seite: Wer gibt so etwas schon zu? Und: Vielleicht sind sich viele des Effekts gar nicht bewusst. Vielleicht wirken die Plakate ja unterschwellig. Schließlich kenne auch ich Martin Lindner nur wegen des Plakats. Und hätte er nicht nur Phrasen auf seiner Webseite stehen, vielleicht würde ich ihn am 27. September sogar wählen.

Möglicherweise liegt darin das schlichte „Geheimnis“ eines erfolgreichen Wahlkampfes, nämlich in der Kombination aus alten und neuen Medien. Früher oder später geht jeder Wähler aus seiner Wohnung und dann wirft er am Straßenrand einen Blick auf die Martin Lindners der Politik-Szene. Damit ist der erste Schritt vollzogen: die Wahrnehmung der Person, der erste Kontakt. Ein zartes Band ist geknüpft. Was folgt, ist Überzeugungsarbeit: Man sieht den Kandidaten in einer Talkshow, liest einen Zeitungsartikel über ihn oder stolpert in einem Sozialen Netzwerk über sein Profil. Die Möglichkeiten, aus einem ersten Kennenlernen eine dauerhafte Beziehung zwischen Politiker und Wähler zu machen, sind vielfältiger als die Zahl der Medien selbst.

Oskar Lafontaine zum Beispiel ist gerade im Saarland auf Stimmenfang (Landtagswahl 30. August). Er lässt kein Fest, kein Jubiläum, keine Eröffnung aus. Lafontaine will jeden potentiellen Wähler mit Handschlag begrüßen (was im Saarland fast machbar sein dürfte). Und immer ist ein Fotograf mit einer Polaroid-Kamera an seiner Seite. Wer Lafontaine die Hand schüttelt, wird abgelichtet. Und der Fotograf händigt die Bilder sofort aus. 50 Bilder die Stunde, 50 mögliche Wähler die Stunde. „Das Geheimnis des Polaroid ist“, so Lafontaine, „dass die Menschen eine Erinnerung haben an diese Begegnung und das ist natürlich so, dass viele dieses Foto auch ihren Bekannten und Verwandten zeigen, insofern ist das eine Methode, die ich seit Jahren anwende und die sich immer bewährt hat.“

Selbst die im und wegen des Internets entstandene Piratenpartei pflastert mittlerweile die Straßenränder mit ihren orangefarbenen Plakaten zu. Das eine tun, ohne das andere zu lassen, so lautet das Motto aller Parteien im aktuellen Wahlkampf. Alle kämpfen an allen Fronten um höchstmögliche Aufmerksamkeit.

Martin Lindner hat da noch ein wenig Nachholbedarf: Sein Internetauftritt ist nicht aktuell und außer eines Grußwortes und einer kurzen Vita erfährt man nichts über ihn. Also, Martin Lindner werde ich wohl nicht wählen. Aber es gibt ja auch noch andere. Seit gestern weiß ich zum Beispiel, wer für die SPD in meinem Wahlkreis kandidiert. Er hängt seit neuestem am gleichen Laternenpfosten wie Martin Lindner, über ihm um genau zu sein. Es ist der alte Bekannte Wolfgang Thierse. Und wie der bärtige Thierse vom Laternenpfosten so auf mich runter schaut, da denke ich mir, dass es vielleicht doch für jeden Politiker eine ganz individuelle Wahlkampfstrategie braucht. Der altväterliche Thierse und das Werbemittel „Wahlplakate an Laternenpfosten“, beide scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen, und passen damit irgendwie ziemlich hervorragend zusammen.

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