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Nervöse Zuckungen

Sexistische Klischees begegnen uns überall. Aber dürfen wir sie auch bewusst bedienen? Wann ist die Grenze des Erträglichen überschritten? Schwer zu sagen, aber heute habe ich es umso deutlicher gespürt.

von Nadine Lantzsch

veröffentlicht am 14. August 2009

Naheliegend, dass ich auf Sexismus nervös reagiere. Immerhin kann man mich gut in die Opferecke stellen, zudem studiere ich bald den Opferstudiengang schlechthin (Gender). Ich habe außerdem kurze Haare, eine androgyne Attitüde, ziehe keine Röcke an und mag große Brüste nicht. Meine Freundin ist sehr viel hübscher als ich, sie kleidet sich weiblich, sieht auch mit kurzen Haaren sehr feminin aus und wird auf der Straße offen angegafft. Männer verstehen ihr liebevolles Männerverständnis oft miss und deuten das als Flirt und Begehren.

Bild: (c) Ailine LiefeldMein Ex-Freund hat mich im Vollrausch mit „Scheißlesbe“ beschimpft und noch immer ernte ich von Männern hochgezogene Augenbrauen bei dem Satz, dass ich gerne Kinder möchte. Gern lasse ich mir Fragen zu meiner „Weiblichkeit“ gefallen oder wie zwei Frauen Sex haben, ohne angeblich Sex zu haben. Oder ob ich mich nach Schwänzen sehne. (Diese Frage kann ich mit „Ja“ beantworten – zumindest, was meine Träume angeht.) Mühelos kläre ich über Dildos auf und interessiere mich brennend dafür, ob man Taschenmuschis vor Benutzung in der Mikrowelle aufwärmt. (Die Antwort lautet „Nein“.)

Manchmal bekomme aufgrund all dieser Dinge Aggressionen und möchte dem nächsten Mann, der mir Komplimente macht für die heiße Schnitte an meiner Seite und ob er denn mal an uns beide randürfe, gern seine zwei (vorzugsweise auch nur eins) Nüsse abhacken. Zum Glück belasse ich es bei Drohgebärden, die nicht minder bescheuert aussehen. Danach rede ich mir ein, ich hätte unglaublich cool und unfeministisch gewirkt.

Den reich-ranicki’schen Finger schwingend: Ja, Männer sind trotzdem toll und ich freue mich jeden Tag über ihre Anwesenheit. Oftmals heiße ich sie sogar herzlicher in meiner wirren Welt willkommen als Frauen. Hier nun die Vor(ur)teile von Männern aufzulisten, ist allerdings obsolet, weil selbstredend. Umso deutlicher muss man über ihre sonderbaren Auswüchse flanieren (ja, ich werde bildhaft), nämlich den Drang sexistisch zu werden, wenn es um Frauen geht.

Aus diesem Drang sind Pornos entstanden oder urzeitliche Alltagsgebaren, hässliche Kolumnen von F.-J. Wagner oder Bumsratgeber wie die „Men’s Health“. Dieser Drang brachte sogar den Feminismus hervor und dafür hasse ich Männer. Dass sie seitdem neben ihrem Totschlagprügel auch noch ihr Totschlagargument für Kritik an ihrem sexistischen und patriarchalischen Verhalten haben.

Nicht minder hasserfüllt blicke ich auf die Frauen, die das Ganze wiederum so sexy finden, dass sie gleich mit ins Boot hüpfen und sich diesem durchaus menschlichen und deshalb auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbaren Duktus anschließen. Und damit fälschlicherweise ein Argument für statt gegen Sexismus liefern. Dabei ließe sich das Ganze doch recht logisch und trivial auf den Punkt bringen: Männer wollen ficken. Frauen wollen ficken. Is so.

Leider aber leitete irgendwann eine ärmliche Figur aus der Vereinigung beider Geschlechter ein Reinstecken und Reingestecktwerden ab, aus Brust und Muskel die Eigenschaften schwach und stark. Aus Empfänger wurde Hure bei Vielmännerei und aus Verteiler bei Vielweiberei der tolle Typ. Biologie allein macht noch keinen Sexismus. Am Ende der Fahnenstange stehen (noch mehr Bilder) nun beispielsweise Texte wie diese.

Zum Glück hat der, welcher mit halbwegs Intelligenz gesegnet, das Vermögen zur Differenzierung. Doch statt inhaltlicher Auseinandersetzung bei all den Hintergründen, die Sexismus in Rein- und abgewandelter Form bereits geschaffen hat, finden sich oft genug platte Argumente, die solche Auswüchse rechtfertigen: Zynismus, Provokation, Spiel (womit auch immer). Klischees sind immerhin so halblustig, dass man sich ganz political incorrect mit ihnen gemein machen kann und trotzdem noch einen Brüller bei Bier und Zigarette hervorbringt. Halb so wild. Halb so ernst. Der Muschi-Moers (Achtung: feuilletonistischer Text liegt vor. Bei nichtverstandenen Wortbedeutungen bitte googlen.) ist geboren.

Gern. Ich bin dabei. Jeder will der Muschi-Moers sein. Nur: die wenigsten haben das Zeug dazu. (Ich übrigens nicht. Das einzige, was mir bleibt, sind Pornos, die mehr Absurdität aufweisen, als dass sie die Butter auf dem Brot des Sexismus sind.) Die Welt braucht keine halbgaren Muschi-Moers, die das Wort Vergewaltigung in den Mund nehmen, humorisierend verunglimpfen und behaupten, es sei eine Kolumne. Für die Frauen und Männer nicht mehr als Steckfiguren in einem Happy Meal sind. Wir sind sexistisch sozialisiert seit Jahrhunderten, dafür können wir relativ wenig. Kultivieren muss man das deswegen noch lange nicht.

Ein Kommentar

  1. Jay schrieb am 23.01.2012

    Was für ein Schwachsinn!

Ein Trackback

  1. [...] Man kann das auch auf Solokarpfen lesen. Geschrieben von lantzschi. Veröffentlicht am Donnerstag, 13. August 2009 um 21:12. Abgelegt […]

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