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Danke, Frank-Walter!

Viele klagen über sinkende Wahlbeteiligungen. Die Menschen interessierten sich immer weniger für Politik, heißt es. Früher war das anders. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei.

von Johannes Eber

veröffentlicht am 10. August 2009

Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, hatte ich diesen Traum in meiner Kindheit mindestens hundert Mal. Andere fallen regelmäßig in unendlich tiefe Löcher oder verlieren ihre Zähne – ich hatte ständig diesen Kriegstraum. Ich laufe durch meinen kleinen Heimatort (der mir damals gar nicht klein vorkam), als ich die Fußgängerzone erreiche, heulen plötzlich die Sirenen auf – Fliegeralarm. Schutz suchend flüchte ich in den nahegelegenen Zeitschriften- und Tabakladen „Baumann“, ich finde eine Treppe, die nach unten führt und verkrieche mich in einen Keller, während draußen die ersten Bomben fallen. Krachend laut versetzen sie mich in Todesangst.

Nein, ich bin kein Kriegskind. Ich wurde 1971 geboren. Und dennoch ist mir der Krieg in gewisser Weise vertraut. Nicht der reale Krieg, zum Glück. Der potenzielle Krieg. Krieg, der jederzeit ausbrechen kann. Für den die Pläne bereits fertig in den Schubladen liegen. Auf beiden Seiten: die Abwehrstrategien bei den Guten, die Angriffsüberlegungen bei den Bösen. Auf beiden Plänen liegt die kleine nordbadische Kreisstadt Tauberbischofsheim mitten im Kampfgebiet, im Artilleriekampfgebiet. Panzer gegen Panzer hätten hier gekämpft – vorausgesetzt, beide Seiten hätten im Kriegsfall auf den Einsatz von Raketen mit Atomsprengköpfen verzichtet. Dann wäre ein Bodenkampf sinnlos gewesen.

Der Verzicht auf Atomsprengköpfe schien mir damals unwahrscheinlich. Die Russen waren meiner festen Überzeugung nach zu allem fähig. Und spätestens jeden ersten Samstag im Monat wurde meine Vorstellung untermauert. Dann war Probealarm. Der stetige auf- und abschwellende Heulton von einer Minute Dauer kündigte den Luftangriff an, der nach jedem Auf- und Abschwellen unterbrochene Ton signalisierte eine Gefahr durch radioaktiven Niederschlag oder chemische Kampfstoffe.

Die schrille Sirene durchdrang alles und jeden, regelmäßig, alle vier Wochen. Aber keiner schreckte deshalb von seinen Samstagsaktivitäten auf. Männer polierten weiter ihre Autos, Kinder spielten Fußball, Frauen bereiteten das Mittagessen vor. Die drohende Katastrophe war Teil des Alltags geworden. Die Zivilschutzanlagen (wie die Sirenen offiziell hießen) gab es schließlich schon seit Ende der 50er Jahre. Man lebte mit ihnen und mit der Angst. Und man träumte davon.

Gewählt wurde freilich schwarz. Die Roten wohnten im Ruhrgebiet, vereinzelt auch in der Nachbarschaft. Es waren Verwirrte. Sie redeten von Abrüstung. Vom „Frieden schaffen ohne Waffen“. Sie wussten nicht, dass sie manipuliert wurden, von den echten Roten, den Kommunisten. Die wollten den Westen weich klopfen. Deren militärische Kraft verringern. Um dann zuzuschlagen. Ohne Vorwarnung. „Erstschlag“ nannte man das. Die Weltherrschaft war das Ziel der Kommunisten in Moskau. Unter den Erwachsenen, die meine Kindheit begleiteten, bestand daran kein Zweifel.

Deshalb strömten die Menschen bei der Bundestagswahl auch zu den Urnen. Der kalte Krieg trieb sie dort hin. Die Wahlbeteiligung lag bei 90 Prozent, teilweise sogar darüber. Es ging um gut und böse, richtig und falsch, Leben und Tod. Die Ideologie hatte ihre große Zeit. Auf beiden Seiten. Auch bei mir. Die Schwarzen mussten gewinnen. Nur so blieben die Amis unsere Freunde, nur so war unsere Verteidigung stark genug, dass sie selbst den mächtigen Russen Angst machte. Dass sie lieber blieben, wo sie waren. Als Helmut Kohl 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum an die Macht kam, war ich gerade elf und sehr erleichtert.

Ein Jahr später war Wahl: Die Union kam auf 48,8, die SPD auf 38,2 Prozent, die Welt war noch schwarz-weiß, schwarz-rot um genau zu sein. Das ist lange vorbei. Die beiden ehemaligen Volksparteien verlieren kontinuierlich. In Umfragen nähert sich die SPD den ehemals kleinen Parteien. Schuld soll das Personal sein. Steinmeier bei der SPD zum Beispiel. Zumindest mit Schuld. Ihm fehle das Charisma eines Gerhard Schröders. Auch dessen Kämpfernatur. Der Steinmeier sei nett und freundlich. Und das sei sein Problem. Zu nett. Zu freundlich.

Andere verweisen auf die aktuelle Situation der SPD. Sie sei an der Regierung, stelle aber nicht den Kanzler. Deshalb würde die SPD in der Bevölkerung nicht als tatkräftige Partei wahrgenommen. Merkel sei die handelnde – oder besser gesagt, die als handelnd wahrgenommene – Person. Und mit ihr die CDU. Weil die SPD aber eben de facto in der Regierung sei, könne sie auf der anderen Seite nicht mit einem typischen Oppositionswahlkampf punkten, also Forderungen stellen („Wenn wir an der Macht sind, dann werden wir …“). So wie das Oppositionsparteien eben tun. Die fordern gerne das Blaue vom Himmel runter. „Fordert nicht, macht doch!“ würde man der SPD bei einem solchen Wahlkampf zurecht entgegenrufen.

Hinzu kommt: Die SPD hat Konkurrenz von allen Seiten. Die Linken haben sich breit gemacht, für sozial engagierte Jung-Gebliebene gibt es die Grünen und für die wirklich Jungen etabliert sich gerade die „Piratenpartei“. Gut möglich also, dass das Problem der SPD gar nicht Frank-Walter Steinmeier ist, sondern die Konkurrenz.

Gut möglich auch, dass diese Konkurrenz entstehen konnte, weil den großen Parteien die großen Themen abhanden gekommen sind. Klar, es gibt Gesundheitsreformen, die Wirtschaftskrise, Bildungsfragen. Was aber fehlt, ist die Polarisierung. Ob Studieren kostenlos sein soll oder Gebühren dafür erhoben werden, ist bedeutsam. Auch die Diskussion über Wege aus dem Konjunkturtal. Aber mal ehrlich: Dafür auf die Straße gehen? Das machen höchstens jene, die ganz unmittelbar betroffen sind. Die Konfliktlinien verlaufen heute nicht durch die eine Gesellschaft, sondern durch unterschiedliche soziale Gruppen.

Dadurch wird der Bundestagswahlkampf weniger aufregend. Die Medien bedauern dies. Das verstehe ich. Schließlich leben sie von der Kontroverse. Die SPD findet das schrecklich. Auch das verstehe ich.

Bild: (cc) Armin Kübelbeck @ wikimedia.orgAber mir gefällt diese Entwicklung. Nicht die der SPD im Speziellen, aber ich mag die Unaufgeregtheit dieses Wahlkampfes, in dem von „Kampf“ kaum mehr die Rede sein kann. Und ja, vermutlich wird sich dies auch negativ auf die Wahlbeteiligung auswirken. Auch das werden viele bedauern. Auch das kann ich verstehen. Die Mitbestimmung aller ist in der Geschichte der Menschheit noch eine recht junge und, wie ich finde, sehr unterstützenswerte Entwicklung. Auf der anderen Seite belegt die Empirie: Die Wahlbeteiligung sinkt immer dann, wenn es den Menschen gut geht. Wenn keine Katastrophen am Horizont sichtbar sind. Es gibt dann einfach weniger Dramatisches, worüber abzustimmen wäre. Mancher sagt sich dann: Dann entscheide ich halt mal nicht mit. Gut finde ich das nicht, aber es beruhigt mich irgendwie. Ein aktuelles Wahlkampfthema jedenfalls hat sich bisher nicht in meine Träume geschlichen. Und das darf auch ruhig so bleiben.

6 Kommentare

  1. Hendrik Brunn schrieb am 10.08.2009

    Dann hör doch mal auf zuträumen und öffne die Augen: Wenn es dir selber so gut geht, dann versuch doch mal was für die Armen bzw. die unter der Armut leidenden Menschen zu tun. Hartz IV, Hunger oder Obdachlosigkeit geht nichts an?

    Bäh. So ein Geseiher finde ich echt zum Kotzen. Sind wir hier im Zeit-Feuilleton?

  2. HdH schrieb am 10.08.2009

    guter Artikel.

  3. Felix Bäuerlein schrieb am 10.08.2009

    „Die Wahlbeteiligung sinkt immer dann, wenn es den Menschen gut geht.“

    Aha. Und das hast Du herausgefunden, oder wie? Oder gibt’s für so ’ne Aussage auch Quellen?

  4. @felix:
    Die vier höchsten Wahlbeteiligungen in der Geschichte der Bundesrepublik, beginnend mit der höchsten: 1972, 1976, 1983, 1980 – diese Wahlen fanden in der Hochphase des kalten Krieges statt.

  5. Linksaktiv schrieb am 02.09.2009

    Nichts dramatisches? Das kann auch nur einer sagen, dem es zu gut geht. Leute wie Du sind es, die wieder zurechtgestutzt werden müssen. Leute wie Du sind schuld an der Misere. Deine Meinung ist schwachsinnig arm und unverantwortlich. Nur weil es Dir gutgeht kümmerst Du dich einen Dreck um die anderen. Ein Paradebeispiel von asozialem Verhalten. Nein Danke, Leute wie Dich braucht die BRD nun wirklich nicht.

  6. Felix Bäuerlein schrieb am 13.09.2009

    @johannes

    Die Ursachen des Wählerfrusts
    „Demokratie, nein danke?“

    http://www.swr.de/swr1/rp/programm/aktionen/-/id=616164/nid=616164/did=5285908/mpdid=5320402/gp8ifw/index.html

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