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Prost Wahlzeit!

Die SPD trinkt zu wenig Bier. Das ist gut für die Leberwerte der Nation. Den Umfragewerten der Partei dagegen schadet die Enthaltsamkeit. Ein Drama in vier Akten.

von Christoph Strobel

veröffentlicht am 9. August 2009

Im Radio dudelt Rudi Carrell: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“. Keine Frage, vom Sommer hatte man sich mehr versprochen. Mehr Sonnentage, mehr Biergartenzeit und – als SPD-Wähler – mehr Prozentpunkte bei den Sonntagsfragen. Wohin soll das noch führen?

Erste Station: Berlin, Bundespressestrand

Die Marketingstrategen der „Financial Times Deutschland“ haben ganze Arbeit geleistet, um Sommergefühl, Bier und Stimmung in Einklang zu bringen. Allen Wetter- und Umfrageprognosen zum Trotz installierten sie am Bundespressestrand – unterstützt von einer Brauerei aus dem Siegerland – zwei Zapfhähne, einen roten und einen schwarzen, so dass die Besucher wählen können, ob sie ein Steinmeier- oder ein Merkel-Bier trinken wollen. Seit dem 1. August nun strömt das Bier und wird digital auf den Milliliter genau gemessen.

Na dann, Prost! Eine erste Bilanz, die die Zeitung auf ihrer Webseite veröffentlichte, kann sich sehen lassen. 164 Liter flossen binnen drei Tagen durch die Zapfhähne. Die Analyse ergab einen deutlich höheren Verbrauch aus dem Merkel-Hahn – 134 Liter gegenüber 30 Liter für Steinmeier.

Aber was heißt das schon? Ist der jeweilige Bierverbrauch pro Zapfhahn ein repräsentatives Indiz für die politische Stimmung im Land? – Sicher nicht. – Aber das Spaßbarometer lenkt den Blick auf einen Aspekt, der von modernen Wahlkampfstrategen gern verdrängt wird: Die Bundestagswahl im September wird (noch) nicht auf Facebook, StudiVZ oder Twitter entschieden, sondern dort, wo das Bier fließt: in den Bierzelten und -gärten. Am Stammtisch.

Dazu passt, dass die „Zeit“ das Dossier ihrer aktuellen Ausgabe diesem mächtigen Mikrokosmos widmet, an dem Meinung entsteht und in das Land verbreitet wird. Fazit: Am Stammtisch können Politiker noch viel lernen. Aber leider stehe der Politikverdrossenheit der Bevölkerung eine „Bevölkerungsverdrossenheit der Politiker gegenüber“, so der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte in der „Zeit“. „Es fehlt der Kontakt zum normalen Bürger.“ Mit Blick auf die Zapfhahn-Statistik könnte man auch sagen: Die SPD hat das Biertrinken verlernt.

Zweite Station: München, Nockherberg

Bild: (cc) Allie_Caulfield @ flickr.com Einen weiteren Beweis für diese Schwäche gibt der SPD-Kanzlerkandidat am Mittwochabend vergangener Woche zum Besten. Steinmeier trifft auf dem Münchner Nockherberg alte Parteifreunde wie Münchens Oberbürgermeister Christian Ude oder den Schauspieler Ottfried Fischer. Unter den echten Menschen im Biergarten erregt Steinmeiers Ankunft kaum Aufsehen. Schlimmer noch: „Er fremdelt“, berichtet der „Erdinger Anzeiger“. Steinmeier habe nicht einmal Hände geschüttelt. Und als ein Kellner zwei Mass Bier für Ude und Steinmeier bringt, soll Bürgermeistergattin Edith von Welser-Ude besorgt gefragt haben: „Du wolltest doch sicher Wein, oder?“.

Es bedarf keiner großen Fantasie, wie Gerhard Schröder an gleicher Stelle einen Auftritt inszeniert hätte. Sein bei anderer Gelegenheit geäußerter Wunsch „Hol mir mal ne Flasche Bier“ ist vor dem aktuellen Hintergrund als taktisches Meisterstück zu werten.

Dritte Station: Washington, Weißes Haus

Nachhilfe in Sachen Bier-und Bürgernähe gab vor ein paar Tagen auch US-Präsident Barack Obama, dessen Wahlkampf für die SPD gern als wegweisend gilt, als er den schwarzen Harvard-Professor Henry Gates sowie den weißen Polizisten James Crowley zum „Friedensbier“ ins Weiße Haus einlud.

Dem Treffen vorausgegangen war eine Verkettung unglücklicher Umstände: Crowley hatte Gates als Einbrecher verdächtigt, als dieser etwas umständlich die eigene Haustür aufschließen wollte. Der wütende Professor warf Crowley daraufhin vor, ein Rassist zu sein. Der Streit endete für Gates in Crowleys Handschellen. Zu allem Überfluss bemerkte Obama wenig später am Rande einer Pressekonferenz, dass sich der Polizist „dumm“ Verhalten habe. Ein gemeinsames Bier sollte die Gemüter kühlen. Crowley wählte die Marke „Blue Moon“, Gates wünschte sich „Red Stripe“ und Obama entschied sich für ein „Bud Light“ der Brauerei Anheuser Busch.

Obamas Bier-Berater hatten ihre Hausaufgaben gemacht. Das Marktforschungsunternehmens Scarborough Research hatte in einer Studie US-Bürger zu ihrem politischen Profil, ihrem Wahlverhalten und ihrer Spendenbereitschaft für politische Organisationen befragt. Anschließend verglichen sie das Ergebnis mit denselben Angaben der Bier trinkenden Bevölkerung. Es stellte sich heraus, dass die Werte aller US-Bürger sich prozentual nur geringfügig von den Werten der „Bud Light“-Käufer unterschieden. „Bud Light“ gilt demnach als das politisch korrekte Bier.

Lediglich der Hinterbänkler Richard Neal sorgte für leichte Katerstimmung nach dem an sich harmonischen Biergipfel. Der Kongressabgeordnete aus Massachussettes krakeelte, dass doch der „Bud Light“-Hersteller Anheuser Busch vom brasilianisch-belgischen Brauereikonzern Inbev übernommen worden sei. Der Präsident habe also eindeutig gegen den Buy-American-Grundsatz verstoßen. – Für Steinmeier wäre viel gewonnnen, wenn die Wahl seiner Biersorte zum Streitgegenstand an deutschen Stammtischen würde.

Einer wie Ude hat es da leichter. Mit nur zwei Schlägen stach  der Münchner Oberbürgermeister das erste Bierfass beim vergangenen Oktoberfest an. Mangelnde Volksnähe kann man ihm nicht nachsagen, eher eine gesunde Distanz zur „Berliner Raumkapsel“, wie er die Bundespolitik nennt. Vielleicht war er es, der dem Kanzlerkandidaten den Wink gab, die Mass auf dem Nockherberg vom Kellner anzunehmen. Am Ende zählt womöglich jeder Liter.

2005 übrigens traf die Prognose des Bierbarometers vom Bundespressestrand ins Schwarze. Erst im Schlussspurt überholte damals das Merkel-Bier die Konkurrenz aus dem Schröder-Hahn.

Letzte Station: Berlin, Haus der Brauer

Nur einen Kilometer vom Bundespressestrand entfernt sitzt der Deutsche Brauer-Bund, der seit 1991 eine ausführliche Bierstatistik führt. Erst neulich gaben die Brauer die Zahlen für das erste Halbjahr 2009 bekannt. Die Lage ist bierernst. 49,3 Millionen verbrauchte Hektoliter markieren den niedrigsten Wert seit Beginn der Statistik. Hauptgrund für den Rückgang ist laut Brauer-Bund das schlechte Wetter. Und wer daran schuld ist, das wusste Rudi Carrell schon 1983: die SPD.

Der Sommer war der Reinfall des Jahrhunderts.
Es gab Regen. es gab Hagel, es gab Schnee.
Mein Milchmann sagt: „Dies Klima hier wen wunderts,
denn Schuld daran ist nur die SPD.“

Ein Kommentar

  1. Wir sollten nicht alles schlucken. Besonders dann nicht wenn man nur die Wahl zwischen Pest und Cholera hat – wie am „Bundespressestrand“. Rot oder schwarz, es ist mit Sicherheit das selbe Bier. Bei der Abstimmung mit der Kehle fehlt, ebenso wie auf dem Wahlzettel, ein Ventil für das VolX

    Nette Grüße von
    „VolX-Bier“ (das „Politisch korrekte Bier“).

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