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Surfen nach Fahrplan

Wenn die große Fähre aus Dänemark kommt, schenkt sie der ruhigen Ostsee vor Warnemünde für eine halbe Stunde surfbare Wellen. Ein paar Dutzend Wellenreiter warten dann schon paddelnd auf ihren Brettern.

von Thoralf Schwanitz

veröffentlicht am 18. Juni 2009

Der „Spiegel“ schreibt in dieser Woche über den kommunalpolitischen Münchener Kleinkrieg um die hippen Wellenreiter vom Eisbach, nahe dem Haus der Kunst. Wenn Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin einen Surf Spot entdeckt hat, dürfte der Hype vor Ort schon längst vorbei sein.

So wie Bayern vor Entdeckung der Münchener Eisbachwelle keinen Eintrag in Surf-Atlanten wert war, so unbekannt war Atlantik-, Nordsee- und Pazifik-erprobten Wellenreitern bis vor einiger Zeit die Ostseeküste vor Rostock-Warnemünde als Reiseziel. Der Stand der Dinge bisher:  Die Ostsee ist ein Binnenmeer, das nicht mal richtig nach Salz schmeckt. Miniwellen, dafür viele Quallen. Für Windsurfer mag das gehen,  die fahren eh nur übers Wasser. Und für Kite-Surfer taugt die Ostseeküste vielleicht auch noch. Aber Wellenreiten?

Fährwelle // Bildquelle: Timo Roth (Alle Rechte vorbehalten)

Fährwelle // Bildquelle: Timo Roth (Alle Rechte vorbehalten)

Ja, Wellenreiten. Fährwellenreiten. Surfen nach Fahrplan. Wenn pünktlich alle zwei Stunden die Fähre aus Dänemark in den Rostocker Hafen  einläuft, erzeugt sie in der Ostsee vor Rostock-Warnemünde elegante langgezogene Bug- und Heckwellen. Bis zu einer halben Stunde lang rollen sie an den Strand, eine Welle nach der anderen,  zwischen 50 und 150 Zentimeter hoch. Fand sich im Sommer des vergangenen Jahres noch etwa ein halbes Dutzend Kenner für diese Wellenfeinkost am Strand ein, teilen sich in diesem Jahr an Wochenenden schon rund dreißig Surfer die Wellen der Scandlines-Fähren.

Nico Jessen beim Fährwellenreiten in Warnemünde // Bildquelle: Timo Roth (Alle Rechte vorbehalten)

Nico Jessen beim Fährwellenreiten in Warnemünde // Bildquelle: Timo Roth (Alle Rechte vorbehalten)

Wellenreiten an der Ostsee – das passt in ein kalifornisches  Lebensgefühl,  das viele im Nordosten  nicht unbedingt vermuten, das aber bei genauerem Hinsehen dort sehr schön hinpasst: Spätestens seit es Hip Hop aus Hamburg gibt, ist allgemein bekannt, dass nur Norddeutsch wirklich Amerikanisch klingen kann (angesichts der Verwandtschaft von Plattdeutsch und Englisch nicht verwunderlich).  In Rostock-Warnemünde hat die Mannschaft des lokalen Shops „Supreme Surf“ jetzt auch ein hübsches Beachhouse an den Strand gestellt. Baywatch in MeckPomm, sozusagen. Und ganz im Geiste amerikanischen Unternehmertums will das Surf-Start-Up staunende Neuankömmlinge gleich anfixen – mit einem Lockangebot: für 3,99 Euro gibt es Surfbrett und Neoprenanzug für das Abreiten eines Fährwellen-Sets.

Die Anbindung an den offiziellen kalifornischen Lebensgefühlausstatter mit Sitz in Huntington Beach  funktioniert auch schon wunderbar: Auf der Seite des Surferlabels Quiksilver gibt es die ersten künstlerischen Annäherungen an das Phänomen Fährwellenreiten zu sehen. Mit dem „zuparken“-Festival ganz in der Nähe findet inzwischen außerdem ein jährliches Event statt, das weiter identitätsstiftend für Mecklenburg-Vorkalifornien wirken dürfte. Hoffentlich schreibt der „Spiegel“ nicht so bald darüber.

3 Kommentare

  1. Graf Zahl schrieb am 21.06.2009

    nordisch by nature. true.

  2. Hallo und guten Tag,

    ich bin echt geflasht von dem was ich hier gelesen habe. Es ist mir schon immer ein Rätsel gewesen, wenn ich von Surfern gehört habe, die die Ostsee gerippt haben, doch jetzt weiß ich das es geht.
    Ferner finde ich es extrem krass, dass man für günstige 3,99€ Brett und Neo ausleihen kann.
    Die Preise muss man erstmal toppen- einfach unglaublig.
    Ich bin selbst auch Wellenreiter und werde irgendwann mal den Fährenswell austesten.

  3. Ja,

    die gute alte Fähre, Surfen nach Timetable ;).

    Und bald gehts wieder los!

    Hang loose

    Hannes

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