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Krebs mit Beilage

Grant Achatz zählt zu den besten Köchen der Welt und leidet an einem Zungentumor. Die Ironie des Schicksals will der Amerikaner nun in den wohl ungewöhnlichsten Memoiren der Kochbuchgeschichte festhalten.

von Christoph Strobel

veröffentlicht am 6. Juni 2009

Genug erlebt hat Grant Achatz, um ein Buch mit seinen Memoiren füllen zu können. Der Amerikaner zählt zu den besten Köchen auf diesem Planeten, sein Restaurant Alinea in Chicago ist ein Wallfahrtsort der Gourmetszene und seine Fertigkeiten auf dem Gebiet der molekularen Küche brachten ihm in der Presse den Beinamen „Wunderkind“ ein. Für einen erst 35 Jahre alten Mann – eine eindrucksvolle Leistung.

Alinea: Gurkengelee mit schwarzem Salz

Alinea: Gurkengelee mit schwarzem Salz

Aber Achatz hat ein Problem. Vor zwei Jahren haben Ärzte bei ihm Zungenkrebs und Metastasen in den Lymphknoten diagnostiziert. Eine Strahlentherapie hat den Tumor zwar geschrumpft, aber wieviel Zeit Achatz durch die Behandlungen gewonnen hat, weiß er nicht. Doch er weiß, wie er die Zeit nutzen will. Der Koch will seine Memoiren veröffentlichen. Sein Anspruch: Sie dürfen sich auf keinen Fall so lesen, als seien sie ein billiger Abklatsch der Geständnisse seines berühmten Kollegen Anthony Bourdain, sagte er der „New York Times“. Die Redakteure sind zuversichtlich: Sollte das Buch am Ende so aussehen wie das Manuskript, dass Achatz einigen Verlagen vorgelegt hat, dann sei seine Sorge definitiv unbegründet. Arbeitstitel des Buchs: „Life, On the Line:“

Dass die Memoiren mehr werden als eine Mischung aus Stationen, Anekdoten und Rezepten, verdankt Achatz zum einen der Treue und dem Durchhaltevermögen seines Geschäftspartners Nick Kokonas, mehr noch aber dem dritten Mann im Bund, Martin Kastner, Designer des Alinea und gleichnamigen Kochbuchs, das Achatz 2008 veröffentlicht hat.

Kastner erkannte in der Krankenakte des Meisterkochs mehr als nur eine Dokumentation dessen Krankheit. Der Designer nahm die Aufnahmen des Computertomografen und kombinierte sie mit Fotografien von Achatz‘ Gerichten. Das Manuskript zeigt beispielsweise die Gegenüberstellung einer Tumoraufnahme auf der linken und dem Foto einer Kugel Champignon-Eiskrem umhüllt von Zuckerfäden auf der rechten Seite. „Hier ist eine ähnliche Ästhetik zu erkennen“, erklärte Achatz der „New York Times“. Im Wechsel mit den Bildkompositionen sollen Anekdoten aus dem Leben des Meisters das Layout auflockern.

Makabre Selbstdarstellung oder geniale Kunst? „Es ist bittere Ironie, dass ausgerechnet ein berühmter Küchenchef an Zungenkrebs erkrankt“, kommentiert Jen den „New York Times“-Artikel. Viele der Leser hoffen auf eine Umsetzung des beschriebenen Manuskripts, einige fragen bereits nach dem Erscheinungstermin dieses „Ersten Koch-Krebs-Bildbands der Welt“ („New York Times“). Der Erfolg seines Restaurants sollte Achatz und potenzielle Verleger jedenfalls ermutigen. Alinea ist gerade erst vom britischen „Restaurant Magazine“ unter die Top 10 der besten Restaurants der Welt gewählt worden.

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