Vergangene Woche gewann Kris Allen, 23, die achte Staffel von „American Idol“. Allen – Typ: netter Junge von nebenan – setzte sich im Finale, das wegen der Zeitzonendifferenz am Dienstag- und Mittwochabend über den TV-Sender Fox ausgestrahlt wurde, gegen den weitaus extrovertierteren Glamrocker Adam Lambert, 27, durch. Die beiden Finalisten entsprechen Stereotypen, wie sie auch die deutsche Version der Castingshow, „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), aufbieten kann. In einem vergleichbaren Finale hätten sich am 9. Mai dann aber nicht Daniel Schuhmacher, 22, und Sarah Kreuz, 19, gegenübergestanden, sondern die zuvor gescheiterten Dominik „James Blunt“ Büchele und Benny „Paradiesvogel“ Kieckhäben. Damit enden aber auch die Gemeinsamkeiten eines Formats, das von RTL und Fox nicht unterschiedlicher inszeniert werden kann.
Seit bereits sechs Staffeln sucht RTL Deutschlands „Superstar“ mit angezogener Handbremse. Abgesehen von der perfekt eingespielten Studioband und einer fulminanten Bühnentechnik bietet die Show aber keine Höhepunkte, die über den Finaltag hinaus bemerkenswert wären. Selbst die an Wahnsinn grenzenden Auftritte eines Holger Göpfert („I‘m the great Pretender“) waren eine Woche nach seinem Rausflug vergessen. Die Show muss weitergehen und präsentiert sich gegen Kritik, Sentimentalitäten und äußere Einflüsse resistent wie ihr großes Idol und Jurymitglied Dieter Bohlen. Diejenigen, die zu den Mottoshows und am Finalabend im Kölner Coloneum verschwanden, blieben unter sich.
Für das „American Idol„-Finale hatte Fox das Nokia Theatre in Hollywood als Austragungsort gewählt. Hier, wo sonst die Oscars vergeben werden, erlebten die Finalisten eine Show, die zweifelsohne mehr bot als einen weichgespülten Moderator, zwei Jury-Statisten um Dieter Bohlen und den als vermeintlichen Höhepunkt beklatschten Auftritt des Vorjahressiegers. In Hollywood wurden die Türen des Nokia Theatre und damit das Format für die echten Stars geöffnet. Im Mittelpunkt von „American Idol“ standen neben den Finalisten und den Top 13 alle Stars, deren Songs sie sangen, darunter Queen Latifah, Jason Mraz, Cindy Lauper, Rod Stewart oder Fergie und die Black Eyed Peas.Bereits in der Show vom 13. Mai durfte der letztlich drittplatzierte Danny Gokey einen ganz besonderen Augenblick erleben. Nach rund 1:45 Minuten unterbrach er den Evergreen „Hello“, und holte mit den Worten „Ladies and gentlemen, would you please help me welcome“ Lionel Richie für ein Medley-Duett auf die Bühne. „Superstar“ trifft Superstar. Hier kommt zusammen, was zusammen gehören soll. Ganz anders als in Deutschland, wo die Kandidaten nur Teil der RTL-internen Vermarktungsstrategie sind. Man mag dem Sender zugute halten, das jene Show, die den US-Zuschauer dann im Finale am 20. und 21. Mai geboten wurde, soweit von deutschen Verhältnissen entfernt ist, dass man den Versuch einer Kopie gar nicht erst unternehmen muss. Unvorstellbar, dass ein Daniel Schuhmacher mit den Worten „Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir Peter Fox“ ebenfalls Standing Ovations ausgelöst hätte.
Thomas Weninger beschreibt das Erlebnis auf „musikmagazin.at“ so: „Ich ertrinke gerade in Adrenalin-Strömen. Bisher kannte ich an Casting-Shows ja nur ‚Starmania‘ und ‚Deutschland sucht den Superstar‘. Dass aber ein Casting-Finale ‚The Greatest Show on Earth‘ werden kann, damit habe ich einfach nicht gerechnet.“ Während Kris Allen noch relativ brav Keith Urban an die Seite gestellt wurde, bereitete Adam Lambert mit „Beth“ den Boden für einen glamourösen Überraschungsauftritt. Kiss schwebten von der Decke auf die Bühne und vervollständigten mit „Detroit Rock City“ und „Rock And Roll All Nite“ die von Lambert begonnene Rockshow.
Den hollywoodreifen Höhepunkte lieferten die Macher der Show kurz vor Bekanntgabe des Ergebnisses. Allen und Lambert hatten gerade begonnen, die ersten Zeilen von „We Are The Champions“ zu singen, als sich der Vorhang hob und Brian May und Roger Taylor von Queen einsetzten und mit den Finalisten den Song beendeten. Wenig später wurde Allen als Sieger gekürt.
Das große Los könnte dennoch Lambert gezogen haben. Queen-Gitarrist May sagte am Mittwoch in einem Interview mit dem „Rolling Stone“, dass er sich vorstellen könne, Lambert als Nachfolger für Freddy Mercury und Paul Rodgers in die Band aufzunehmen. „Bei all dem Trubel gab es noch keinen ruhigen Moment, um darüber zu sprechen, aber Roger und ich hoffen, schon bald ein erstes Gespräch mit ihm führen zu können“, sagte May.
Von so einer Chance kann Daniel Schuhmacher indes nur träumen, während er auf die Spitze der Hitparade und seinen Siegertitel „Anything But Love“ schielt. Viel mehr wird ihm auch nicht bleiben, wenn es nach Dieter Bohlen geht: „In einem halben Jahr wird das für jemanden wie ihn sehr schwer werden“, sagte der Musikproduzent der „Bunten“. „Er hat nicht diesen Killerinstinkt, den man in dem Business braucht.“ Länger muss Schuhmacher auch nicht durchhalten. In einem halben Jahr beginnt bereits das Casting für die siebte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“.









Ein Kommentar
Seit der fünften Idol-Staffel bin ich jedes Jahr dabei und auch wenn es stimmt, dass die Inszenierung des amerikanischen Vorbilds im direkten Vergleich wirklich bombastisch ist, so tendiert das amerikanische Publikum doch gerade in den letzten Jahren dazu, im Finale irgendwelche Weichspülertypen ohne Ecken und Kanten zum „American Idol“ zu machen. Eine angenehme Abwechslung war die fünfte Staffel mit dem wirklich herausragenden Gewinner Taylor Hicks, der heutzutage aber schon Tickets zu seinen Konzerten verschenken muss (-> http://www.tmz.com/2009/03/17/taylor-hicks-tickets-totally-worthless/).
Bei American Idol sind aber auch die „Judges“ wirkliche Stars – oft schaltet man nur ein, um Simon Cowells mürrische Blicke zu genießen oder im Freundeskreis am nächsten Tag zu diskutieren, wieviele Tequila-Shots sich Frau Paula Abdul wohl wieder vor der Sendung genemigt hatte. Im direkten Vergleich wirken die DSDS-Juroren einfach primitiv und blass.
Trotzdem liegt „American Idol“ im internationalen Wettstreit nicht ganz vorne: Die englische Show X-Factor (übrigens auch mit Simon Cowell in der Jury) schlägt in Sachen „production values“ die Konkurrenz noch einmal um Längen. Und: Das englische Publikum beweist deutlich mehr Geschmack in der Wahl seiner Favoriten.
Philipp