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Die Kreuzigung des Fleisches

Als Chefredakteur des „Penthouse“ und „GQ“-Kolumnist hatte ich einst nur zwei Dinge im Kopf: Sex und schnelle Autos. Vier Wochen Enthaltsamkeit sollten mir den inneren Frieden wiederbringen. Ein Protokoll.

von Kurt Molzer

veröffentlicht am 12. August 2009

Erster Tag
Gestern noch ergiebig und nach allen Regeln der Kunst das Liebesspiel betrieben – auf Vorrat sozusagen. Wo und auf Kosten welcher Frau, das tut ausnahmsweise nichts zur Sache. Tag eins verläuft total entspannt. Ich höre Johann Strauß und lese ein Buch über die Kurtisanen Roms im 16. Jahrhundert: „Töchter der Venus“.

2. Tag
Besichtige einen Gutshof bei Salzburg; möchte das Anwesen zur Miete bewohnen, obwohl ich bettelarm bin. Die Immobilienmaklerin erinnert mich an ungarisches Kesselgulasch: üppiges Fleisch, Haare wie Paprikagewürzpulver. Aber welcher Mann will schon in einen Kessel Gulasch steigen?

3. Tag
Unternehme eine Bergwanderung, die mich über den grün glitzernden Fuschlsee führt. Setze mich auf einer Alm neben drei Kühe und denke mir: „Eigentlich seid ihr schöner als die Weiber in der Gegend.“ Bilde mir ein, frei zu sein von Gedanken an jedwede Form der Liebe. Bin glücklich.

4. Tag
Erwache mit der üblichen Morgenlatte. Das tun die meisten Männer, es kommt von der vollen Blase und der Träumerei und hat nichts mit dem Bedürfnis nach Sexualität zu tun. Aber irgendwas stimmt nicht mehr: verspüre neben der gewohnten Spannung ein deutliches Kribbeln im Lendenbereich.

5. Tag
Flug LH 448 von Frankfurt nach Phoenix, Arizona. Bin in meiner Eigenschaft als Motorjournalist auf dem Weg zu Testfahrten von General Motors. An Bord befindet sich keine einzige brauchbare Stewardess. Das Kribbeln geht trotzdem nicht mehr weg.

6. Tag
Phoenix, Sanctuary-Hotel. Auf meiner Terrasse hat es 44 Grad. Die junge indianische Zimmerkellnerin hält mein Sandwich in der Hand und fragt, wo ich es essen möchte. „Von deinem Körper, Nschotschi“, denk ich mir. Der sechste Tag ohne Sex zeigt seine Wirkung. Ich stelle mir die Häuptlingstochter im knappen Wildledermini und mit gefesselten Händen am Marterpfahl vor. Dann sage ich: „Die Hitze macht mich ganz durstig, bring dem Bleichgesicht bitte was zu trinken. Am besten einen Becher Rum, Myers oder Bacardi.“ Rum sei nicht gut, wenn es so heiß sei, sagt sie mit besorgter Miene. Ich bestehe darauf. Der Pirat Long John Silver habe auch immer nur Rum getrunken, sage ich ihr. Ich bestelle Nschotschi an diesem Tag unter irgendwelchen Vorwänden noch dreimal in mein Zimmer.

7. Tag
Wann hatte ich zuletzt sechs Tage und sechs Nächte ohne eine einzige sexuelle Handlung durchgemacht? Das muss in der Krabbelgruppe gewesen sein. Im Kindergarten fing ich damit an, den Mädchen Schokolade oder winzige Geldbeträge zu versprechen, wenn ich dafür meinen Kopf unter ihre Kleider stecken durfte. Lerne am Abend in der Hotelbar eine kalifornische Weinhändlerin kennen. Sie ist Mitte 30, trägt einen weit aufgeknöpften Jeansrock und steckt mir ihre gebräunten Schenkel entgegen. „Gute Nacht, Mom, ich bin nun schon sehr müde“, verabschiede ich mich später. Ich kann selbst nicht glauben, was ich da sagte. Zum ersten Mal überhaupt lasse ich eine Frau allein an der Bar zurück. Kann nicht mehr wie sonst auf dem Bauch einschlafen; würde sonst anstatt der Weinhändlerin die Matratze knallen.

8. Tag
Abendessen mit Bob Bondurant und seiner Frau. Der Ami fuhr Mitte der 60er Jahre neun Rennen in der Formel 1. Man sagt, er sei so langsam gewesen, dass die Mücken an seinem Helm hinten geklebt seien. Heute betreibt er in der Nähe von Phoenix die School of High Performance Driving. Neben mir sitzt Miss Bondurant. Am Nachmittag hatte ich sie mit einem kolossalen Crash in einem Go-Cart-Rennen beeindruckt. Ich blutete am Arm wie König Argamemnon im Kampf um Troja – aber alles, wonach ich verlangte, war ein Ersatzcart, mit dem ich die Jagd auf die Spitze wieder aufnehmen wollte. „You are such a crazy guy, Kört“, sagt sie bei der Vorspeise. Das reicht, ich krieg ein hartes Glied. Miss Bondurant ist Anfang 60, es steht nicht gut um mich.

Bild: (c) Ullstein-Verlag 9. Tag
Fliege von Phoenix nach Indianapolis zum Indy 500, wo alljährlich die weltweit größte Versammlung von Boxenludern stattfindet. Am Abend vor dem Rennen kommt in der Lotus-Bar eine Frau mit langen, schwarzen Haaren auf mich zu: „You are so beautiful, are you from Italy?“ Solchen Frauen sage ich unter normalen Umständen jedes Mal: „Si, bella, von wo du möchtest: Milano, Roma, Firenze, Napoli …“ Jetzt sage ich nur: „Nein, ich bin Exjugoslawe.“ Das müsste sie eigentlich total abtörnen, aber sie lässt nicht locker: „Are you a racer?“ – „No, I’m just Slobodan, arbeitslos“, sage ich achselzuckend. Dieses Biest gibt nicht auf. Sie kommt mir so nah, dass ich ihre Brüste spüre. Ich entschuldige mich und gehe aufs Klo. Eigentlich müsste ich jetzt einen Handstand machen, um mit der Erektion vernünftig urinieren zu können. Ich steh also da wie ein Idiot und warte, bis die Schwellung zurückgeht. Dabei sage ich mir leise vor: „Du darfst sie nicht bumsen, du darfst sie nicht bumsen …“ Im Gewühl schleiche ich mich dann unbemerkt an ihr vorbei, zahle am anderen Ende der Bar und verschwinde.

10. Tag
Auf dem riesigen Parkplatz von dem Indy-Speedway parken tausende von Wohnmobilien. Vor einem ist ein Bettlaken aufgespannt, auf dem steht in großen Lettern: „I show my tits for a Bud. Now it’s your turn“. Selbst wenn ich eine Flasche Budweiser dabei hätte – ich könnte es nicht tun. Ich weiß nicht, was ich mit der Dame in dem Wohnmobil anstellen würde, womöglich sogar gegen ihren Willen. In den Boxen sehe ich drei Extremluder. Ich lasse mich mit ihnen fotografieren und kralle mich in ihren Hüften fest. Es gelingt mir aber nicht, wirklich entspannt dabei auszusehen.

11. Tag
Irgendwo im Norden von Indiana. Ich fahre mit einem Chevrolet SSR durch die Gegen. Komplett irres Ding, der erste Pick-up-Roadster der Welt. So was erregt Aufmerksamkeit – auch bei einem weiblichen Officer. Ich bin natürlich zu schnell. „This is not the Autobahn, Sir!“, ermahnt sie mich, nachdem sie meinen deutschen Führerschein gesehen hat. Ich verliebe mich auf der Stelle in den Officer. Sie erwidert aber meine Gefühle nicht, sondern hat nur Augen für den Mann auf dem Nebensitz: meinen Kumpel Christof, PR-Manager von General Motors Europa.

12. Tag
Fliege über Detroit zurück nach Europa. Nix mit easy going in der Boeing. Wache schweißgebadet aus einem Traum auf. In meinem Kopf hallt es noch: „Oh yeah, baby, come on, fuck me, fuck me harder!“ Ich hab bei einer Orgie mit US-Beauties mitgemacht. Der Notstand hat sich bereits tief im Unterbewusstsein festgesetzt.

13. Tag
Fahre nach Wien zu meinen Brüdern, um auf andere Gedanken zu kommen. Fehlentscheidung: Jochen und Thomas haben nichts wie Weiber im Schädel. Sie sagen mir, dass mein Experiment der größte Blödsinn sei, und fragen: „Kurt, bitte, was ist geil dran, vier Wochen nicht zu vögeln?“ Sie stellen mich in allen möglichen Bars absichtlich den nuttigsten Frauen der Stadt vor. Ich falle auf ihre Taktik nicht herein und bleibe hart, im Wortsinn. Trinke aber heftig, um mein Elend zu vergessen.

14. Tag
Leide wegen der Sauftour jetzt zusätzlich an den Symptomen der postalkoholischen Geilheit: Das ganze Becken fühlt sich an wie ein erigierter Riesenschwanz.

15. Tag
Fahre mit dem Zug nach München. Im Speisewagen frisst mich eine Frau mit ihren Blicken auf, obwohl ihr Typ mit am Tisch sitzt. Frauen sind so schlecht. Die Erkenntnis macht meine Lage nicht einfacher.

16. Tag
Andrea tritt wieder in mein Leben. Wir hatten eine Affäre und ein Jahr nichts mehr voneinander gehört. Sie schreibt mir eine E-Mail: „Hallo, Herr Kurt, würde dich gern wieder sehen – was trinken, nett plaudern.“ Ja, klar, trinken, plaudern – sie will ins Bett mit mir. Wir gehen in eine Cocktailbar. Andrea trägt einen geschlitzten Rock. Ich sage ihr, dass sie sich anders hinsetzen solle, weil ich sonst verrückt würde. Dann erzähle ich ihr von meinem Experiment. Sie säuselt: „Das hältst du nie durch. Außerdem würde ich dich so gerne spüren.“ – „Du darfst mich nur küssen“, lasse ich mich auf einen Kuhhandel ein. Ich begleite Andrea nach Hause. Im Treppenhaus will sie den kleinen Molzer aus seiner Isolation befreien. „Hände weg!“, befehle ich. Ich übernachte bei einem Kumpel. Es ist zum Heulen.

17. Tag
Reise zu BMW-Testfahrten nach Sardinien. Sitze im Flieger neben Radio-Charivari-Moderator Oliver Luxenburger. Er zeigt mir auf seinem Communicator ein paar Aktfotos, die er in der Freizeit von blutjungen Schönheiten geschossen hat. Obwohl es meinen Zustand verschlimmert, will ich sie alle sehen. BMW hat Nadja Auermann für Fotoaufnahmen und Interviews eingeflogen. Ich finde sie umwerfend, aber die einzige Frage, die mir einfiele, wäre: „Frau Auermann, würde es Ihnen etwa ausmachen, sofort mit mir zu schlafen – und zwar heftig?“

18. Tag
Übernachte auf dem Heimweg von Sardinien im Designhotel Es in Rom. Das Gebäude besteht nur aus Glas, man kann fast jedes Zimmer einsehen. Und was muss ich sehen? Ein kopulierendes Paar. Sie presst ihre Unterschenkel gegen seinen affenartig behaarten Hintern. Ich wünsche dem Typen, dass er seine Erektion nicht halten kann und sie frustriert einschlafen muss. Aber erhält sie verdammt lange – und ich halte das bestimmt nicht mehr länger aus.

19. Tag
Es ist jetzt ganz schlimm. Ich darf meine Hände nicht mehr in die Hosentaschen stecken – sonst: gigantischer Orgasmus. Andrea mailt wieder: „Hallo , Herr Kurt, hast du Lust, zu mir zu kommen? Ich könnte uns was kochen.“ Ich stelle mich tot.

20. Tag
Zwei Testautos stehen vor meine Tür: ein silberner Lotus Elise und ein hellblauer Lamborghini Murcièlago. Schnelles Autofahren ist immer noch die beste Ersatzhandlung für Sex; die aufgestauten Hormone werden in Speed umgewandelt. Man bremst später und ist früher wieder am Gas. Zwänge mich in den winzigen Engländer und fühle mich befreit wie schon lange nicht mehr.

21. Tag
Heute ist der Lambo dran. In der Münchner Innenstadt stolpern die Schickeria-Miezen beim Anblick des Murcièlago über ihre eigenen High Heels. Ich weiß, was sie denken: NIMM. MICH. MIT. Ich müsste nur die rechte Flügeltür hochklappen und könnte am nächsten Parkplatz … Ich tu es nicht, der Leidensdruck kann noch erhöht werden.

22. Tag
Bin mittags im Swingerclub. Setze mich an die Bar und höre mehrere Frauen stöhnen. Wird wohl die härteste Prüfung. Ich folge dem Gestöhne, lande in einem Séparée. Noch sechs Tage Askese? Ich packe mir irgendwas und stoße zu wie ein Pornokönig. Ich bin doch nicht blöd.

„Kurts Geschichten – Aus dem Leben eines grandiosen Frauenhelden“ von Kurt Molzer sind im Ullstein-Verlag erschienen.

9 Kommentare

  1. Eigentlich egal, ob das überzogen, ernst gemeint oder völliger Quatsch ist, was Herr Molzer da von sich gibt.

    Der Text bedient gängige Klischees und Irrtümer:

    - Er ist das, wonach Frauen sich sehnen
    - Er kann einfach immer und überall
    - Er ist erfolgreich
    - Er ist ein Sexgott
    - Frauen wollen gefickt werden
    - Frauen sind doch die Dinger, die so ein Schlitz zwischen den Beinen haben.
    - Frauen können nicht mehr als gut aussehen
    etc. etc.

    Dass er am Ende sich doch so eine Schlampe schnappt und sie ordentlich durchrammelt, ist beinahe nebensächlich.

    Erschreckend finde ich die Andeutung mit der Vergewaltigung weiter oben. Nein, das ist nicht lustig. Unter keinen Umständen.

    Dieses Buch bedient den Gossenhumor des Proletentums. Oder den Pornogeschmack desselben. Peinlich.

  2. Hi Nadine,

    die Geschichte von Kurt Molzer ist gnadenlos übertrieben, er dreht seine Sexbesessenheit ins Absurde, und spielt so mehr mit den Klischees, als dass er sie bedient. So könnte die Verteidigungslinie für den Text aussehen. Aber ich will den Text gar nicht verteidigen. Wenn ihn seine Sexbesessenheit wie der letzte Trottel darstellen ließe, wenn seine Geschichte lustig wäre, wenn was weiß ich was. Aber für mich ist Molzer lediglich ein durch die Welt jettender geiler Hengst. – Ergo: Ich finde, Du hast ziemlich Recht.

  3. Habe einen Monat lang keinen Sex mehr gehabt. Sehe überall nur Schwänze. Steife Schwänze. Werde noch verrückt. Hätte heute morgen beinahe die Parkuhr vorm Haus angesprungen vor Geilheit. Alles tropft. Andererseit, auch mal wieder ein schönes Gefühl, alle Löcher frei zu haben. Kann Frau mal wieder so richtig durchatmen…

    Nee…das ist nicht gut. Witzig schon gar nicht. Das ist unfassbar abtörnend und sowas von uncool.

  4. Kunst, Literatur und Texte wie diesen muß man nicht mögen, muß man aber aushalten können.

    Und nebenbei: Wissen wir, ob in den Köpfen und hinter den geschäftigen Fassaden mancher Fremder, mit denen wir U-Bahn fahren, in Kaffeehäusern sitzen und in Geschäften einkaufen, sich nicht vielleicht ähnlich Delirierendes abspielt?

    Zivilisation heißt, die eigenen Triebe zu bändigen, zugleich nicht auch darüber zu reden, sondern in der Anspielung zu verharren, ist eine Tugend, die ein wenig abhandengekommen ist.

  5. Spät dran, aber – nur damit ich’s richtig verstehe – wo genau ist da um Himmels Willen eine „Andeutung einer Vergewaltigung“ rauszulesen, bitte?

  6. „Ich weiß nicht, was ich mit der Dame in dem Wohnmobil anstellen würde, womöglich sogar gegen ihren Willen.“ (10. Tag)

    Logisch, dass das kein Ernst ist. Widerlich ist es dennoch.

  7. Goldt schrieb am 27.08.2009

    Das ist der erste große Fehlgriff von Solokarpfen. Wie bitte kann denn sowas passieren? Das mag ja „Kunst, Literatur und Texte wie diesen“ sein, es mag Menschen geben, die darüber lachen, für mich bleibt es widerlich. Gerade, weil ich solche Texte eigentlich nicht lesen will, besuche ich diese Seite. Traurig.

  8. Nunja, die Welt ist vielseitig. Und die Geschichten, die geschrieben werden, sind es eben auch. Und kaum ein Geschäft funktioniert ohne Sex, traurig, aber oft Realität.

  9. verbalinjurien schrieb am 11.03.2011

    Einfach nur genial! Kurt wie er leibt und lebt. Muss mir unbedingt das neue Buch holen.

Ein Trackback

  1. [...] Ende der Fahnenstange stehen (noch mehr Bilder) nun beispielsweise Texte wie diese. Zum Glück hat der, welcher mit halbwegs Intelligenz gesegnet, das Vermögen zur Differenzierung. […]

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