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Sternstunden der Gelassenheit

Wie weit dürfen provinzielle Bräuche und Kulturen unsere Berliner Straßen einnehmen, bevor sie sie überschwemmen und die schöne Überdreimillionenmetropole vergiften? Will man denn wirklich seinen Asphalt mit Leuten teilen, die laut zu David Hasselhoff mitsingen?

von Ulrike Thiele

veröffentlicht am 7. August 2009

Ein Kollege hat unlängst einen Kampf der Kulturen in der Hauptstadt ausgemacht. Als er gepflegt ein feierabendliches Herrengedeck zu sich nehmen wollte und sich zu diesem Zweck in die Kastanienallee begab, wurde sein entspanntes Leutebeobachten jäh von einem Lärm unterbrochen, der seine hauptstadterprobten Ohren schockgefrieren ließ: kreischende Provinzlerinnen feierten ihren Junggesellinnenabschied – und das mitten auf der Castingallee, mitten in Berlin, dem Laufsteg für großstädtisch gewordene Provinzperlen.

Mit gerümpfter Nase und in Kraus gezogener Stirn erzählte er mir angewidert von dieser Begegnung der anderen Art, ungefähr mit diesen Worten: „Will man denn wirklich seinen Asphalt mit Leuten teilen, die laut zu David Hasselhoff mitsingen?“ Gleich daraufhin entschuldigte er sich für seine Intoleranz und großstädtische Arroganz. Er stand ganz offensichtlich vor einem Dilemma: wie gelassen darf man bleiben im Kampf der Kulturen, Provinz gegen Großstadt? Wie weit dürfen provinzielle Bräuche und Kulturen unsere Straßen einnehmen, bevor sie sie überschwemmen und unsere schöne Überdreimillionenmetropole mit David Hasselhoff und Katy Perry vergiften? Ich meine, hat es mit dem Römischen Reich nicht auch irgendwann mal so angefangen?

Dann wiederum gibt es in Berlin auch Ecken, an denen man hundertprozentig nie kreischende Provinzlerinnen beim Jungesellinnenabschied beobachten wird. Alt-Moabit zum Beispiel. Dort neulich beim Eis mit einer Freundin gesessen und das getan, was in Berlin am allerbesten geht: Leute beobachten. Eine alte Dame sitzt am Nebentisch, redet mit ihrem Hund und gibt ihm ihr stilles Mineralwasser aus der Hand zu trinken. Zwei Kinder werden zum Eiskaufen für die gesamte türkische Großfamilie geschickt, die dicht gedrängt auf einem dunklen Balkon im Erdgeschoss sitzt und den lauen 30-Grad-Celsius-Sommerabend genießt. Die Kinder laufen dreimal zwischen Eisladen und Balkon hin und her, bis endlich hellblaue Schlumpfeise an alle Familienangehörigen verteilt sind. Ein Jüngling mit zurück gegeltem Haar und einem weißen Hemd schleicht unruhig vor dem Laden hin und her, so lange bis ein Mädchen in einem fröhlichen bunten Kleid aus dem U-Bahn-Schacht steigt und ihn von seiner Warterei erlöst.

Rein modisch sind die Unterschiede zwischen Castingallee und Turmstraße eklatant. In Mitte trägt man Röhrenjeans und American Apparel, in Moabit trägt man Socken in Sandalen und Kik. Frisuren hält man in Moabit für überbewertet, die sozialen Kontakte in der Eckkneipe dagegen für lebenswichtig. Kreischende Provinzlerinnen hätten hier gar keine Chance, Aufsehen zu erregen, denn vermutlich würde man sie mit genau derselben gleichgültigen Miene betrachten, wie alle anderen Merkwürdigkeiten in dieser Stadt.

Und das ist dann eigentlich wirklich cooles, großstädtisches Verhalten. Kurz mit dem Kopf schütteln, ein schnelles „die sind doch hier alle bekloppt“ in sich rein nuscheln, einen großen Schluck Berliner Pilsner zu sich nehmen, dann zurück in Lethargie verfallen und Sommer, Herbst, Winter und Frühling weiter an sich vorbei ziehen lassen. Mitte-Berliner können hier in Moabit noch viel lernen.

5 Kommentare

  1. Den letzten Satz rahme ich mir ein. Ach, wenn ich mir den Bildschirm so anschaue, ist das ja schon ein Rahmen;) Herrgedeck? Ist das nicht irgendwie 1958?

  2. Keine Ahnung, was 1958 so war. Da war ich mit meinen Beobachtungen noch nicht so weit. :)

  3. Julia Kimmerle schrieb am 16.08.2009

    Dann lasse ich mich eben lieber vergiften. Denn ich finde David Hasselhoff sehr sehr gut. Sowohl als Sänger wie als Schauspieler. Und offensichtlich hat Ihnen die Musik wohl auch gefallen. Es ist keine Schande! Leben Sie doch Ihre Individualität aus und lassen Sie sich doch Ihre Meinung nicht von der Gesellschaft lenken.

  4. Früher fiel mir an Berlin immer auf, dass die Stadt sich für einen richtigen Nabel hielt und dabei wuchs das Gras auf den Straßen und es war pure Provinz. Hat sich ein wenig gelockert, das Berliner Provinzlertum, aber natürlich ist Berlin immer noch die unfertigste Metropole Europas, wenn man so will, die am meisten Provinzlerische, so dass es eine gewisse Komik hat, wenn sich Berliner über Provinzler aufregen. Wirkliche Metropolen-Soveränität denkt nicht länger über die Stadt-Besucher nach wie eine Kuh über die Mücken am Arsch. Wahrscheinlich fehlt es Berlin noch an wirtschaftlicher Vitalität. Wenn die mal da ist, 2050 oder so, sieht man die Welt so gelassen großzügig wie die Londoner oder New Yorker oder so.

  5. Tobias Zirzow schrieb am 23.01.2010

    Ich mag solche Provinzperlen; auch wenn ich die meisten Junggesell(inn)enabschiede nicht mag. Aber mich interessiert eigentlich am Meisten, woher der Kollege weiß, dass er der ist , der den Asphalt teilt. Vielleicht teilen ja auch die anderen mit ihm. Das schöne an Berlin war immer die Toleranz und wohlwollende Gleichgültigkeit. Da passt so ein Spruch doch nicht.

    Lasst die Pomeranzen doch auf den Straßen tanzen.
    Denn wenn der Frohsinn sich verliert, trinkt jeder Schnaps und Bier frustriert.

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