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	<title>Solokarpfen &#187; Ulrike Thiele</title>
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		<title>Sternstunden der Gelassenheit</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Aug 2009 15:56:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ulrike Thiele</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gerede]]></category>
		<category><![CDATA[Großstadt]]></category>
		<category><![CDATA[Provinz]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie weit d&#252;rfen provinzielle Br&#228;uche und Kulturen unsere Berliner Stra&#223;en einnehmen, bevor sie sie &#252;berschwemmen und die sch&#246;ne &#220;berdreimillionenmetropole vergiften? Will man denn wirklich seinen Asphalt mit Leuten teilen, die laut zu David Hasselhoff mitsingen?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Kollege hat unl&#228;ngst einen Kampf der Kulturen in der Hauptstadt ausgemacht. Als er gepflegt ein feierabendliches Herrengedeck zu sich nehmen wollte und sich zu diesem Zweck in die Kastanienallee begab, wurde sein entspanntes Leutebeobachten j&#228;h von einem L&#228;rm unterbrochen, der seine hauptstadterprobten Ohren schockgefrieren lie&#223;: kreischende Provinzlerinnen feierten ihren Junggesellinnenabschied – und das mitten auf der Castingallee, mitten in Berlin, dem Laufsteg f&#252;r gro&#223;st&#228;dtisch gewordene <a href="http://www.provinzkind.de">Provinzperlen</a>.</p>
<p>Mit ger&#252;mpfter Nase und in Kraus gezogener Stirn erz&#228;hlte er mir angewidert von dieser Begegnung der anderen Art, ungef&#228;hr mit diesen Worten: &#8222;Will man denn wirklich seinen Asphalt mit Leuten teilen, die laut zu David Hasselhoff mitsingen?&#8220; Gleich daraufhin entschuldigte er sich f&#252;r seine Intoleranz und gro&#223;st&#228;dtische Arroganz. Er stand ganz offensichtlich vor einem Dilemma: wie gelassen darf man bleiben im Kampf der Kulturen, Provinz gegen Gro&#223;stadt? Wie weit d&#252;rfen provinzielle Br&#228;uche und Kulturen unsere Stra&#223;en einnehmen, bevor sie sie &#252;berschwemmen und unsere sch&#246;ne &#220;berdreimillionenmetropole mit David Hasselhoff und Katy Perry vergiften? Ich meine, hat es mit dem R&#246;mischen Reich nicht auch irgendwann mal so angefangen?</p>
<p>Dann wiederum gibt es in Berlin auch Ecken, an denen man hundertprozentig nie kreischende Provinzlerinnen beim Jungesellinnenabschied beobachten wird. Alt-Moabit zum Beispiel. Dort neulich beim Eis mit einer Freundin gesessen und das getan, was in Berlin am allerbesten geht: Leute beobachten. Eine alte Dame sitzt am Nebentisch, redet mit ihrem Hund und gibt ihm ihr stilles Mineralwasser aus der Hand zu trinken. Zwei Kinder werden zum Eiskaufen f&#252;r die gesamte t&#252;rkische Gro&#223;familie geschickt, die dicht gedr&#228;ngt auf einem dunklen Balkon im Erdgeschoss sitzt und den lauen 30-Grad-Celsius-Sommerabend genie&#223;t. Die Kinder laufen dreimal zwischen Eisladen und Balkon hin und her, bis endlich hellblaue Schlumpfeise an alle Familienangeh&#246;rigen verteilt sind. Ein J&#252;ngling mit zur&#252;ck gegeltem Haar und einem wei&#223;en Hemd schleicht unruhig vor dem Laden hin und her, so lange bis ein M&#228;dchen in einem fr&#246;hlichen bunten Kleid aus dem U-Bahn-Schacht steigt und ihn von seiner Warterei erl&#246;st.</p>
<p>Rein modisch sind die Unterschiede zwischen Castingallee und Turmstra&#223;e eklatant. In Mitte tr&#228;gt man R&#246;hrenjeans und American Apparel, in Moabit tr&#228;gt man Socken in Sandalen und Kik. Frisuren h&#228;lt man in Moabit f&#252;r &#252;berbewertet, die sozialen Kontakte in der Eckkneipe dagegen f&#252;r lebenswichtig. Kreischende Provinzlerinnen h&#228;tten hier gar keine Chance, Aufsehen zu erregen, denn vermutlich w&#252;rde man sie mit genau derselben gleichg&#252;ltigen Miene betrachten, wie alle anderen Merkw&#252;rdigkeiten in dieser Stadt.</p>
<p>Und das ist dann eigentlich wirklich cooles, gro&#223;st&#228;dtisches Verhalten. Kurz mit dem Kopf sch&#252;tteln, ein schnelles &#8222;die sind doch hier alle bekloppt&#8220; in sich rein nuscheln, einen gro&#223;en Schluck Berliner Pilsner zu sich nehmen, dann zur&#252;ck in Lethargie verfallen und Sommer, Herbst, Winter und Fr&#252;hling weiter an sich vorbei ziehen lassen. Mitte-Berliner k&#246;nnen hier in Moabit noch viel lernen.</p>




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		<title>&#8222;Haltet endlich den Mund&#8220;</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Jun 2009 20:18:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ulrike Thiele</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Generation]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Karriere]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Rebellion]]></category>
		<category><![CDATA[Träume]]></category>

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		<description><![CDATA[&#196;ltere Generationen werfen uns vor, dass wir nicht rebellieren sondern uns anpassen. Dabei k&#246;nnen sie gar nicht wissen, was gut f&#252;r uns ist. So wie nie eine &#228;ltere Generation wusste, was besser f&#252;r die J&#252;ngeren war. Ein Einwurf zur "Generation Krise".]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich war heute nicht demonstrieren. Ich habe keine Petition unterschrieben. Ich habe kein politisches Statement auf Facebook hinterlassen. Ich habe heute noch nicht mal viel &#252;ber die Gesellschaft nachgedacht. Ich bin eine Vertreterin der <a href="http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,630114,00.html">&#8222;Generation Krise&#8220;</a>, die vor kurzem im <a href="http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,630114,00.html">&#8222;Spiegel&#8220;</a> sehr treffend skizziert wurde. Mich zeichnen als Angeh&#246;rige dieser Generation &#8211; deren Vertreter von sich selbst nie behaupten w&#252;rden, dass sie eine Generation sind &#8211; nach Meinung &#228;lterer Generationen vor allem zwei Eigenschaften aus: Egoismus und Lethargie.</p>
<p><a href="http://www.flickr.com/photos/bcaptured/3611563694/"><img src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/06/ailine-250x250.jpg" alt="Bild: (c) Ailine Liefeld / bcaptured @ flickr.com" title="Bild: (c) Ailine Liefeld / bcaptured @ flickr.com" width="250" height="250" class="alignleft size-medium wp-image-876" /></a>Es ist nicht so, dass ich mir &#252;ber die Welt, unseren Kontinent oder unser Land keine Gedanken machen w&#252;rde. Ich mache mir viele Gedanken, sehr viele sogar. Aber diese Gedanken f&#252;hren zu keinem fassbaren Schluss oder zu irgendeiner Konsequenz, die ich daraus ziehen m&#252;sste. Und ich vermute mal, so geht es der Mehrheit meiner Alterskollegen zwischen 20 und 35. Dabei lebt die Generation Krise in einem Zustand st&#228;ndiger Unsicherheit, gewisserma&#223;en in einer Dauerkrise.</p>
<p>Wir schuften f&#252;r lau in unbezahlten Praktika, wir studieren stromlinienf&#246;rmig in Bachelor- und Masterstudieng&#228;nge unsere verschulten Programme ab. Wir lassen uns Zeitvertr&#228;ge, Minijobs und Ein-Euro-Jobs andrehen. Wir ziehen von Hamburg nach M&#252;nchen, zwischendurch sammeln wir noch ein paar Auslandserfahrungen in Washington und Rio, gehen von dort nach K&#246;ln, um schlie&#223;lich irgendwann in Mannheim einen befristeten Job zu finden. Wir sind wie Hamster im Rad &#8211; wir h&#246;ren nie auf zu laufen. Das alles tun wir in der Hoffnung, dass es sich irgendwann auszahlen wird und wir wenigstens so leben k&#246;nnen wie unsere Eltern. Wir k&#228;mpfen f&#252;r Tr&#228;ume, die simpel und nicht besonders anspruchsvoll sind. Es sind Tr&#228;ume von einem Haus, einer Partnerschaft und einer Familie. Es sind Tr&#228;ume von einem Jahresurlaub in der Sonne, von Anerkennung im Job, von einer kleinen Bef&#246;rderung.</p>
<p>Das macht uns in den Augen fr&#252;herer Generationen zu Schw&#228;chlingen. Sie schauen auf uns mit Verachtung und werfen uns unsere Angepasstheit vor, so wie <a href="http://www.zeit.de/2008/36/Jugend-ohne-Charakter">&#8222;Zeit&#8220;-Feuilletonchef Jens Jessen.</a> &#8222;Wie k&#246;nnt ihr Euch dagegen nicht wehren?&#8220;, fragen sie uns. &#8222;Warum macht ihr das mit?&#8220; Die Antwort lautet: Weil es uns immer noch vergleichsweise gut geht. Zu gut jedenfalls, als dass wir genau beschreiben k&#246;nnten, was uns eigentlich fehlt. Das aber w&#228;re eine Grundvoraussetzung, um gemeinsam f&#252;r eine Sache zu k&#228;mpfen.</p>
<p>Die Gesellschaft hat in den vergangenen zwanzig Jahren rasante Umbr&#252;che erlebt. Das Scheitern des Kommunismus, die Balkankriege, den 11. September 2001, die Klimaerw&#228;rmung, die Globalisierung, die weltweite Vernetzung und schlie&#223;lich die Krise des kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftssystems. Wollt ihr uns wirklich erz&#228;hlen, ihr wisst, was in dieser Welt richtig und falsch ist?  Vielleicht ist es das, was uns fehlt. Der Mut, auf den Tisch zu hauen und den Alten zu sagen: &#8222;Haltet den Mund. Wir suchen gerade nach unseren Ziele und unserer Identit&#228;t. Aber wir sind noch nicht so weit.&#8220;</p>
<p>Eigentlich sind wir ja eine &#252;beraus angenehme Generation. Eine freundliche Generation. Vielleicht die sympathischste Generation, die es je gab. Diese Generation bringt nur selten  K&#228;mpfer hervor. Aber sie bringt auch keine Diktatoren und Despoten hervor. Wir w&#228;ren trotzdem zu vielem f&#228;hig, weil wir so flei&#223;ig, so z&#228;h, so gut ausgebildet, so diszipliniert sind. Wir k&#246;nnten so vieles besser machen als fr&#252;here Generationen und wir werden das auch tun. Im Moment noch jeder auf <a href="http://krisenkinder.blog.de/">seine Weise</a>. Aber irgendwann, wenn wir ein Selbstbewusstsein als Generation entwickelt haben &#8211; dann vielleicht auch wieder gemeinsam.</p>




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		<title>Generation NDW</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Jun 2009 22:05:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ulrike Thiele</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Mauerfall]]></category>

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		<description><![CDATA[In den 80ern stand NDW f&#252;r "Neue Deutsche Welle". Heute ist die Generation "Nach Der Wende" gefordert, sich von Vorurteilen zu verabschieden und Geschichte neu zu schreiben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zwanzig Jahre Mauerfall – das sind zwanzig Jahre voller Missverst&#228;ndnisse. Auf beiden Seiten des vierzig Jahre lang geteilten und m&#252;hevoll wieder zusammengeklebten Deutschlands herrscht auch heute noch viel Unwissen und Unverst&#228;ndnis &#252;ber die jeweils anderen Deutschen. Die aktuell gef&#252;hrte Debatte &#252;ber unsere Vergangenheit f&#252;hrt das Kommunikationsdesaster deutlich zutage. Immer wenn es darum geht, &#252;ber die DDR zu sprechen, f&#228;ngt einer an zu stammeln, ein anderer ist unheimlich emp&#246;rt und ein dritter t&#246;dlich beleidigt.</p>
<p>Das Gespr&#228;ch &#252;ber die DDR wird ma&#223;geblich bestimmt von zwei Seiten: Die Seite derjenigen, die mit aller Vehemenz darauf bestehen, dass man dieses monstr&#246;se System in all seinen Auspr&#228;gungen verdammen m&#246;ge. So beispielsweise die CDU Mecklenburg-Vorpommerns, die die j&#252;ngsten Aussagen des SPD-Ministerpr&#228;sidenten Erwin Sellering in der FAS <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,614790,00.html">&#8222;unertr&#228;glich&#8220; und &#8222;gef&#228;hrlich&#8220;</a> fand. Zur Erinnerung: Sellering hatte verlangt, die DDR nicht als <a href="http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E4BF957B1C42C4134A2149A466C52D053~ATpl~Ecommon~Scontent.html">&#8222;totalen Unrechtsstaat&#8220;</a> zu verdammen.</p>
<p><div id="attachment_535" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><img src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/06/img_1179-250x166.jpg" title="Bild: (c) Solokarpfen" alt="Ost-Plattensammlung" width="250" height="250" class="size-medium wp-image-535" /><p class="wp-caption-text">Ost-Plattensammlung</p></div>Die andere Seite ist die der trotzigen Ossis. Der trotzige Ossi ist einer, der sich von niemand anderem seine Geschichtsauffassung vorschreiben lassen will, schon gar nicht, wenn es um die eigene Geschichte geht. Und auch wenn er in der DDR unter Reisebeschr&#228;nkungen, NVA oder mangelnder Berufswahl gelitten hat oder Menschen kannte, die darunter litten, schw&#246;rt er heute Stein und Bein darauf, dass in der DDR nun wirklich nicht alles schlecht war. Jedenfalls nicht viel schlimmer als heute im vereinigten Deutschland. Klar, der Staat hat uns unterdr&#252;ckt, aber heute unterdr&#252;ckt uns der Boss, das Kapital, die Wirtschaft. Und wenn der trotzige Ossi diese Art Geschichtsrelativierung betreibt, dann wei&#223; der Gegner von der anderen Seite sich nicht anders zu helfen, als die DDR mit dem Dritten Reich zu vergleichen. Woraufhin der trotzige Ossi sich noch mehr emp&#246;rt.</p>
<p>Grunds&#228;tzlich ist es ja gut, dass wir in diesem Jahr viel &#252;ber die Vergangenheit reden. Es ist nun 20 Jahre her. Anlass genug, um zur&#252;ck zu blicken und Bilanz zu ziehen. Wie sind wir mit unserer Geschichte umgegangen, welche Fehler haben wir gemacht und was k&#246;nnen wir aus ihnen lernen? Doch in diesem Jahr 20 nach dem Mauerfall sollten wir uns auch fragen: Was k&#246;nnen wir tun, um in Zukunft weiter zusammenzuwachsen? Um auch die viel zitierte „Mauer in den K&#246;pfen“ einzurei&#223;en? Hierbei spielt die Art, wie wir miteinander reden eine entscheidende Rolle. Aber k&#246;nnen wir es schaffen, ohne Bevormundung, ohne Emp&#246;rung, ohne st&#228;ndiges Unverst&#228;ndnis aneinander vorbei zu reden? Eines ist klar: die Generation, deren Biografie zu einem Gro&#223;teil von den Erfahrungen der deutschen Teilung gepr&#228;gt ist, wird es nicht schaffen, ohne Emotionen dar&#252;ber zu sprechen.</p>
<p>Ein Diskurs aber, der dazu beitragen soll, das Wissen &#252;ber die DDR und die deutsch-deutsche Geschichte zu vermehren, ein produktiver Diskurs also, kann nur in einer sachlichen Analyse bestehen. Dazu ist Distanz notwendig – eine Distanz, zu der nur nachfolgende Generationen in der Lage sind. Wir 20- bis 30-J&#228;hrigen haben die Chance und auch die Pflicht, jetzt &#252;ber die DDR nachzudenken und zu diskutieren. Denn den Diskurs allein den &#196;lteren zu &#252;berlassen hie&#223;e, Vorurteilen die M&#246;glichkeit zu geben, unbeschwert weiter zu wuchern und die &#246;ffentliche Meinung zu dominieren. Es ist also noch lange nicht an der Zeit, die Geschichtsb&#252;cher zuzuschlagen und Gras &#252;ber die Sache wachsen zu lassen. Im Gegenteil. Wir Jungen m&#252;ssen die Geschichtsb&#252;cher neu schreiben.</p>
<p>Dazu m&#252;ssen wir uns aber in erster Linie erstmal daf&#252;r interessieren. Und uns bewusst werden, dass eben noch l&#228;ngst nicht alles gesagt wurde. Dass da eine <a href="http://www.solokarpfen.de/gesellschaft/348-luecke-koepfen/">riesige L&#252;cke im Wissen</a> &#252;ber die 40-j&#228;hrige Geschichte herrscht. Dass wir die Meinung unserer Elterngeneration nicht ungefiltert &#252;bernehmen k&#246;nnen. Wir tun inzwischen vieles daf&#252;r, dass Deutschland zusammenw&#228;chst: wir studieren und arbeiten im Osten und im Westen, wir bringen Freunde aus dem „anderen Deutschland“ mit nach Hause und zeigen unseren Eltern, dass die eigentlich genauso sind wie wir. Wir sorgen f&#252;r eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Ost und West – ganz automatisch. Aber ist das schon genug? Geben wir Interviews in den Feuilletons? Werden wir zu Polittalks eingeladen? Bloggen wir dar&#252;ber? Bestimmen wir die &#246;ffentliche Meinung? Sind wir uns eigentlich &#252;berhaupt der historischen Bedeutung dieses 9. November 1989 bewusst? Wissen wir, was wir durch ihn gewonnen haben – oder vielleicht auch verloren haben?</p>
<p>Wir tun es nicht. Wir haben mit der Gegenwart genug zu tun – mit Studium, Jobsuche, unbezahlten Praktika. Aber es wartet da ein gewaltiges Kapitel auf Aufarbeitung. Wenn wir es ignorieren, verstaubt es ungelesen auf dem Dachboden der Geschichte. Und die Chance, etwas daraus zu lernen, wird von Tag zu Tag geringer.</p>




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		<title>Die Revolution muss warten</title>
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		<pubDate>Sun, 03 May 2009 17:03:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ulrike Thiele</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftskrise]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt keine sozialen Unruhen. Diejenigen, die am 1. Mai randalierten, waren diejenigen, die sowieso immer dabei sind. Von einer neuen gesellschaftlichen Bewegung sind wir meilenweit entfernt. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es kurzarbeitet sehr. Rings um mich herum bekommen immer mehr Leute aus den verschiedensten Branchen von ihren Chefs Weniger verordnet. Gr&#246;&#223;er als die Freude &#252;ber dazu gewonnene Freiheit ist bei ihnen die Angst, den Job ganz zu verlieren. Die Krise kommt also tats&#228;chlich im deutschen Alltag an, auch wenn es einige Zeit so schien, als w&#252;rden wir sie nur am Bildschirm an uns vorbeiziehen sehen. Und sie trifft eben nicht nur die Automobilindustrie oder die Medien, sondern beinahe alle Zweige unseres Wirtschaftssystems. Sechs Prozent Abschwung prognostizieren uns Konjunkturforscher in diesem Jahr. Das ist eine so hohe Zahl, dass die Grafiken, in denen die Abschw&#252;nge der vergangenen 50 Jahre verdeutlicht werden, neu gezeichnet werden m&#252;ssen – mit viel Platz nach unten. Millionen werden voraussichtlich ihren Arbeitsplatz verlieren. Wie viele von ihnen die Hoffnung f&#252;r ihre Zukunft verlieren, l&#228;sst sich weniger pr&#228;zise messen. Aber wird es deshalb soziale Unruhen geben?</p>
<p>Wenn es Menschen schlechter geht, steigt ihre Wut. Und manche gehen auf die Stra&#223;en, bauen Barrikaden, z&#252;nden sie an und protestieren. Die <a href="http://www.zeit.de/2009/15/Frankreich"> brennenden Continental-Reifen</a> in Frankreich sind leuchtendes Beispiel f&#252;r den Zorn der Arbeitslosen. Das soll es auch bald hier geben – glauben zumindest einige Sozialdemokraten im Wahlkampf. Als k&#246;nne man die deutsche Mentalit&#228;t mit dem aufbrausenden Temperament der Franzosen vergleichen! Die haben das Wort &#8222;Revolution&#8220; in ihren Gr&#252;ndungsmythos f&#246;rmlich eingraviert. Ein Vergleich macht den Unterschied deutlich: Der letzte Generalstreik in Frankreich liegt gerade ein paar Wochen zur&#252;ck – der letzte Generalstreik in Deutschland war 1920.</p>
<p>Doch abgesehen von diesen Unterschieden in ihrer politischen Kultur, eines haben beide L&#228;nder gemeinsam: Das Aufkeimen einer echten sozialen Bewegung, die Alternativvorschl&#228;ge f&#252;r das vorherrschende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem macht, l&#228;sst sich weder hier noch dort beobachten. Die, die in Berlin, Hamburg oder Paris demonstrieren oder teilweise auch randalieren sind jene, die das schon immer getan haben. In der <a href="http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=common/zwischenseite.asp&amp;dx2={D232CB45-ACFD-4543-E243-4E07D3FC7426}&amp;rub={0648F7DD-FE11-4B62-A2F6-0E01C0937822}">aktuellen FAS bezeichnet Michaela Wiegel</a> die meisten Revolten als &#8222;Kampf f&#252;r den Status quo&#8220;. Von einem historischen Umbruch nach der Finanz- und Wirtschaftskrise ist derzeit nichts zu sehen. Die Aufgabe, zu handeln, &#252;berlassen die B&#252;rger ihren Regierungen. Noch h&#228;lt die Hoffnung, dass alles wieder gut wird, uns auf den Wohnzimmersesseln.</p>
<p>In einem klugen aber auch ern&#252;chternden <a href="http://carta.info/7817/luxus-lethargie/">Beitrag f&#252;r Carta</a> beschreibt Johannes Pennekamp die Rolle der jungen Generation in diesem Zusammenhang. Mit Selbstkritik, jedoch ohne Selbstgei&#223;elung erkl&#228;rt er, warum uns als 20- bis 30-J&#228;hrige das Schicksal der Welt so wenig tangiert. In cooler Gleichg&#252;ltigkeit warten wir ab und beobachten, anstatt zu versuchen, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Den Grund daf&#252;r sieht er darin, dass uns praktisch jede mediale Katastrophe nicht selbst betrifft. Fernseh- und Onlinebilder verschwimmen in immer schnellerer Frequenz vor unserem Auge, die Apokalypse ist jedes Mal nah, aber die B&#228;ckerei nebenan steht noch. In diesem Bewusstsein haben wir den Blick f&#252;r das gro&#223;e Ganze verloren, schreibt Pennekamp.</p>
<p>Die junge Generation aber sollte es sein, die die Gesellschaft vorantreibt, die neue Ideen &#8211; zumindest versucht &#8211; zu verwirklichen. Wir brauchen nicht nur neue Gesch&#228;ftsideen! Wir brauchen auch neue Gesellschaftsideen! Die Frage lautet: In welcher Welt wollen wir leben? Und wie schaffen wir es, dieser Welt n&#228;her zu kommen? Wollen wir uns wieder mit Krediten den n&#228;chsten Aufschwung finanzieren, so lange bis das Kartenhaus erneut zusammen bricht? Wer solche Fragen stellt, ist nicht automatisch ein linker Spinner, der eine neue Utopie aufbauen will. Es muss auch nicht zwangsl&#228;ufig darum gehen, den Kapitalismus abzuschaffen. Es gibt gewiss kreativere M&#246;glichkeiten, das Leben menschlicher zu gestalten, als alle Herrschenden und Besitzenden zu enteignen oder zu t&#246;ten.</p>
<p>Im Moment aber hat offenbar niemand Lust, &#252;ber Alternativen nachzudenken. Wir haben neue Ideen zu oft scheitern sehen und keine Lust, uns die Finger schmutzig zu machen. Vermutlich wird deshalb alles weitergehen wie bisher. Bis zum n&#228;chsten Aufschwung und bis zur n&#228;chsten Krise.</p>




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