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	<title>Solokarpfen &#187; André Krüger</title>
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	<description>Bestimmte Artikel</description>
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		<title>Hamburger Realit&#228;ten</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Aug 2009 12:34:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>André Krüger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gerede]]></category>
		<category><![CDATA[Hamburg]]></category>

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		<description><![CDATA[Hamburg ist auf den ersten Blick wundersch&#246;n: Alster, Elbe, Hafen, Michel, Fernsehturm, Schanze, St. Pauli und noch viel mehr. Aber eben nur auf den ersten Blick.  Ich habe mein halbes Leben in der  Hansestadt verbracht - m&#246;glicherweise ein paar Jahre zuviel.   ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In &#214;sterreich gibt es den Beruf des Realit&#228;tenvermittlers. Man geht in seine Sprechstunde und m&#246;glichst schonend vermittelt er einem die Realit&#228;t. Das ist zu sch&#246;n, um wahr zu sein. Tats&#228;chlich verkauft er einem nur marode Immobilien zu &#252;berh&#246;hten Preisen. Die Ern&#252;chterung bei einem genaueren Blick hinter die Fassade ist bei den von ihm vermittelten Immobilien oft genauso gro&#223; wie bei der Erkenntnis, dass es sich bei dieser wohlklingenden Berufsbezeichnung um nichts weiter als einen Haus- und Grundst&#252;cksmakler handelt.</p>
<p>Bei ganz genauer Betrachtung erkennt man, dass die Realit&#228;t ein Auge hat. Dort kann man hineinschauen. Dann sieht man Dinge, die man eigentlich gar nicht sehen wollte: z. B. dass der geliebte Mac auch nur ein Computer ist, dass der geliebte Mensch auch nur eine Frau ist, dass der teure Wodka mit dem Grashalm auch nur ein Kartoffelschnaps ist – oder dass das geliebte Hamburg auch nur eine Stadt ist.</p>
<p>Fast mein halbes Leben habe ich nun hier verbracht. Hamburg ist auf den ersten Blick sch&#246;n: Alster, Elbe, Hafen, Michel, Fernsehturm, Schanze, St. Pauli und noch viel mehr. Nur was soll ich da? Einmal genauer hinsehen, der Realit&#228;t in ihr matschiges Auge.</p>
<p>Wenn der Tourist von der Alster spricht, dann meint er nicht den Fluss, sondern den aufgestauten See mit kleinen Segelbooten und Schw&#228;nen sowie rundherum prachtvolle Villen. Doch der Eindruck tr&#252;gt. Im Grunde genommen, teilt die Alster die Stadt fast un&#252;berwindbar in zwei Teile. Will man vom Westen in den Osten, so muss man sie m&#252;hsam umfahren. Das richtige Leben spielt auf der Westseite; will man ans andere Ufer, muss man Strecken zur&#252;cklegen, die einen, obwohl man sich in einer Kleinstadt befindet, an Berlin erinnern lassen. Wenn es hei&#223; ist, dann beginnt das kaum in Bewegung befindliche Wasser in den Seitenarmen der Alster unangenehm zu stinken.</p>
<p><div id="attachment_1571" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.flickr.com/photos/bosch_hh/3790551602/"><img src="http://www.solokarpfen.de/wp-content/uploads/2009/08/bosch-hh-250x125.jpg" alt="Irgendwo im Nirgendwo (Hamburg-Finkenwerder)" title="Bild: (cc) bosch_hh @ flickr.com" width="250" height="125" class="size-medium wp-image-1571" /></a><p class="wp-caption-text">Irgendwo im Nirgendwo (Hamburg-Finkenwerder)</p></div> Die Elbe ist schon etwas besser, immerhin f&#252;hrt sie heraus aus Hamburg in die gro&#223;e weite Welt. Spricht der Zugereiste vom &#8222;an der Elbe treffen&#8220;, so meint er jedoch meist die Strandperle. Die Strandperle ist nichts weiter als ein heruntergekommener Kiosk in der N&#228;he des  Museumshafens Oevelg&#246;nne. Will man hier ein Bier erwerben, ist dies meist nicht nur lauwarm, sondern man muss auch, nachdem man nach &#220;berwindung der langen Warteschlange schon fast dehydriert ist, so viel bezahlen wie woanders f&#252;r eine ganze Brauerei. Dicht an dicht sitzen an sonnigen Tagen die Elbbesucher rund um die Strandperle herum und zwischen sich vergraben sie ihre noch gl&#252;hende Grillkohle. Stets l&#228;uft man Gefahr, sich die F&#252;&#223;e zu verbrennen. Will man die Gegend um die Strandperle herum sicher passieren, so empfiehlt es sich, auf die Menschen zu treten. Sie haben es nicht besser verdient.</p>
<p>Der Hafen, das Tor zur Welt. Industrieromantik bis zum Umfallen, jedenfalls vor der Wirtschaftskrise. Heute findet Handel kaum noch statt. Container samt -schiffe rosten unbenutzt vor sich hin, weil keiner mehr giftige Spielwaren oder leicht entflammbare Textilien aus China importieren will und sich niemand mehr auf der Welt Meisterwerke deutscher Ingenieurskunst leisten kann. Der Hafen dient nur noch als Kulisse f&#252;r -rundfahrten. Eine Freundin aus dem Schw&#228;bischen bezeichnete ihn ganz treffend als &#8222;gro&#223;e Baustelle auf dem Wasser&#8220;. Damals wurde zwar noch gebaut, aber ich sch&#252;ttelte &#252;ber diese Kategorisierung den Kopf. Heute wei&#223; ich, dass sie Recht hatte.</p>
<p>Michel, Michel, wenn ich das schon h&#246;re. Busweise werden Touristen hierher gekarrt, um aus dem Fenster ihres Doppeldeckers einen Blick auf die Hauptkirche St. Michaelis zu erhaschen. Aber was gibt es schon zu sehen; ist das Geb&#228;ude doch zumeist mit Bauger&#252;sten umh&#252;llt, auf denen bevorzugt Betreiber von Atomkraftwerken f&#252;r die Bewahrung der Sch&#246;pfung werben. Zwar kann man mit einem Personenaufzug den Turm erklimmen, allerdings ist es oben so vergittert, dass man keine M&#246;glichkeit hat, sich auch herunterzust&#252;rzen. Bei Feierlichkeiten anl&#228;sslich von Staatsbegr&#228;bnissen allerdings macht die Kirche eine mehr als ordentliche Figur.</p>
<p>Telemichel, Telemichel, wenn ich das schon h&#246;re. Korrekt hei&#223;t der Hamburger Fernsehturm &#8222;Heinrich-Hertz-Turm&#8220;. Fr&#252;her gab es dort oben ein Café, in dem man k&#228;nnchenweise Kaffee trinken und dazu aufgesch&#228;umte Tortenst&#252;cke bestellen konnte, w&#228;hrend man dabei auf einer Plattform sitzend im Kreis gedreht wurde. Hier oben hatte man einen guten Ausblick auf die Stadt, aber das alles ist Geschichte. Der Turm ist l&#228;ngst nicht mehr f&#252;r die &#214;ffentlichkeit zug&#228;nglich und wird es wahrscheinlich auch nie wieder werden. Im Prinzip k&#246;nnte man ihn auch abrei&#223;en, vermutlich rottet er aber von innen vor sich hin und wird irgendwann von ganz allein umfallen.</p>
<p>Die Schanze war mal so etwas wie ein alternativer Stadtteil. Heute ist sie selbstverst&#228;ndlich in jedem Touristenf&#252;hrer zu finden. W&#228;hrend man auf dem verbreiterten B&#252;rgersteig portugiesischen Milchkaffee aus Gl&#228;sern trinkt (auch bekannt als Galão-Strich, offene Koffeinszene), genie&#223;t man den Blick auf das besetzte Kulturzentrum gegen&#252;ber. Dessen Besetzer z&#252;nden einmal im Jahr ein Sofa an und stellen es auf die Stra&#223;e. Dann kommen mindestens vier Wasserwerfer, l&#246;schen den Brand und werden daf&#252;r mit Steinen beworfen; unter Zuhilfenahme der &#252;briggebliebenen Steine werden die umliegenden Bankfilialen und Ladenketten entglast. W&#228;hrend alteingesessene Ladeninhaber die Mieten im Viertel nicht mehr bezahlen k&#246;nnen, haben sich hier bereits ein Adidas-Laden und McDonald‘s erfolgreich niedergelassen. Bald kommen H&#038;M und Starbucks. Der Stadtteil ist zu einem einzigen Konjunkturprogramm f&#252;r das Glaserhandwerk und Gentrifizierungsforscher verkommen.</p>
<p>St. Pauli lebt von seinem l&#228;ngst verblasstem Mythos, eine s&#252;ndige Meile zu sein. Seefahrer haben hier einst ihre Heuer versoffen und sich mit leichten Damen am&#252;siert. Im Zeitalter der Containerschiffe sind die Liegezeiten im Hafen allerdings so kurz geworden, dass die Seeleute keine Zeit mehr f&#252;r einen St.-Pauli-Aufenthalt hatten. Mit Blick auf den eingebrochenen Welthandel h&#228;tten sie diese zwar wieder, aber wohl kein Geld mehr f&#252;r millieutypische Vergn&#252;gungen. Heute darf man hier nicht einmal mehr Waffen und Glasflaschen bei sich tragen und an der Stelle, wo einst Astra gebraut wurde, findet sich ein zwanzigst&#246;ckiges Designhotel. Dar&#252;ber hinaus wird man in weiten Teilen St. Paulis auf Schritt und Tritt von Videokameras &#252;berwacht, die sich bei Gewalttaten schon mehrfach mutig zwischen Angreifer und Opfer geworfen haben sollen. Wer kein Geld f&#252;r einen Mallorcaflug hat, kann sich hier abends  Wochenende einer gepflegte Ballermannatmosph&#228;re hingeben und tut dies auch.</p>
<p>Und sonst so? Clubsterben, Richter-Schill-W&#228;hler und eine gr&#252;ne Partei, die vor der Wahl Kohlekraftwerke bek&#228;mpft, um sie nach der Wahl zu genehmigen sowie keine einzige lesbare Tageszeitung. Das einzige, was f&#252;r die Stadt spricht, ist das wunderbar schlechte Wetter, aber auch das entt&#228;uscht in diesen Tagen.</p>
<p>Ist das noch mein Hamburg, wie ich es lieben gelernt habe? In Hamburg h&#228;lt mich im Moment nichts &#8211; aber nach Berlin zieht mich auch nichts.</p>




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